Traum Ich habe einen Traum

Mickey Rourke träumt davon, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen

Mickey Rourke, 48, Schauspieler, geboren in Schenectady bei New York, kennt Hollywoods Höhen und Tiefen. Seine erste kleine Rolle bekam er 1979 in Steven Spielbergs »1941«. In der Rolle des lässigen Rebellen besetzten ihn bald Barry Levinson (»Diner«) und Francis Ford Coppola (»Rumble Fish«). An der Seite von Kim Basinger stieg Rourke mit »9 1/2 Wochen« in die erste Liga auf. Nach heftigen Konflikten mit Regisseuren und Produzenten blieben anspruchsvolle Rollenangebote bald aus. Rourke, vormals Amateurboxer, versuchte sich erfolglos als Profi im Ring, sein Gesicht musste mehrfach operativ wiederhergestellt werden. In die Schlagzeilen geriet er jahrelang nur noch mit Exzessen aller Art und Gewaltausbrüchen gegenüber seiner ehemaligen Ehefrau. Nun tritt er in dem Film »Sin City« wieder als Schauspieler in Erscheinung. Mickey Rourke träumt davon, sein Leben in den Griff zu bekommen.

Mein Bruder Joey ist vor fünf Monaten gestorben. Krebs, mit 43 Jahren. Ein langsamer und schwerer Abschied. Joey war mein jüngerer Bruder. Ich habe mich immer um ihn gekümmert, ihn beschützt, wenn er in Schwierigkeiten war. Aber diesmal konnte ich nichts tun. Ich fühlte mich ohnmächtig. Der Tod zeigt dir, wie klein du wirklich bist.

Joey hatte in den letzten Jahren wieder in Miami gewohnt. Er war ein ziemlich wilder Junge. Er fuhr Harley-Davidsons und schraubte an ihnen rum. Er lebte auf seinem Motorrad und war umgeben von Leuten, die das Gleiche taten. Das war seine Welt. Eine sehr einfache Welt. Joey konnte nur mit Leuten kommunizieren, die ebenfalls Motorräder fuhren. Mit normalen Menschen konnte er nichts anfangen.

Wir sind zusammen in Miami aufgewachsen. Die Stadt war in den achtziger Jahren ziemlich heftig. Es gab laufend Ärger mit den Kolumbianern, Bandenkriege um Kokain und all das. Joey war da sehr nah dran und sehr gefährdet. Deshalb holte ich ihn zu mir nach Kalifornien. Wir lebten einige Jahre zusammen in meinem Haus. Joey hatte sieben Motorräder, und ich hatte auch sechs oder sieben. Damals hingen jeden Tag Freunde bei uns rum, und es standen 20 Maschinen vor der Tür. Wir hissten eine große Piratenflagge und eine Südstaatenflagge an der Garage. In Beverly Hills. Die Nachbarn ringsum zogen weg.

Einfachheit ist nicht gerade meine Stärke. Aber ich verstehe nun, warum mancher Mönch ein einfaches Leben führt: Weil er alles andere für Illusion hält. Du denkst, diese Illusionen helfen dir. Aber das tun sie nicht. Ich habe lange gebraucht, um das zu erkennen. Es gab einen großen Teil von mir, den ich überhaupt nicht ändern wollte. Ich mochte mich, wie ich war. Ich hatte ein Bild kultiviert, in dem alles an mir hart war. Mein Geist. Mein Körper. Mein ganzes Leben. Ich war stolz darauf. Da, wo ich herkomme, sind Männer so.

Das Boxen habe ich mittlerweile aufgegeben. Und vermisse es entsetzlich. Es ist wie eine Droge. Das Adrenalin. Das Training. Die Disziplin. Ich hatte jeden Tag eine Aufgabe: Ich musste mich um meine Körper-Maschine kümmern. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich der Körper durch Training verändert. Man wird wie ein Tier. Man hört besser, reagiert schneller. Aber es ist uns nicht vergönnt, ewig jung zu bleiben. Jeder muss einmal aufhören. Die Ärzte haben meinen Kopf untersucht und mich eindringlich gewarnt. Ich trainiere noch am Sandsack und mit dem Springseil. Aber das ist alles.

Ich habe oft Grenzerfahrungen gesucht. Was du zu brauchen glaubst und was du wirklich brauchst – das sind zwei verschiedene Dinge. Inzwischen weiß ich, es ist wichtiger, ehrlich zu sein, als einem Bild hinterherzujagen, das man von sich selbst hat. Sonst wirst du dich immer für das schämen, was du in Wirklichkeit bist. In meinem Innern war ich immer ein ganz kleiner Mensch mit kleinen Händen, der sich nicht wehren konnte. Trotzdem hat sich Kraft, besonders körperliche Kraft, für mich nicht als beste Lösung im Leben erwiesen. Körperliche Stärke kann sich sogar in Schwäche verwandeln. Besonders, wenn es gerade keinen Krieg gibt oder man nicht als Vollzeit-Gladiator arbeitet.

Früher bin ich wütend schlafen gegangen und wütend aufgewacht. Ein Mensch voller Wut ist nicht so stark wie einer, der vergeben kann. Jemand, der glücklich ist, ist viel stärker als jemand, der immer wütend ist. Das lernt man allmählich, und manche Leute lernen es auch nie. Mein früheres Verständnis von Stärke kam von der Straße. Es ging um den Ehrenkodex. Als meine Frau mich verließ, sagte sie: »Kannst du nicht morgens aufwachen und dankbar sein? Dafür, dass du gesund bist. Dass die Vögel singen und der Himmel blau ist. Warum musst du aufwachen und fluchen?« Manchmal lernt man seine Lektion nicht, ehe man alles verloren hat.

Für mich war das Alleinsein das Schwierigste. Ich habe mich gezwungen, allein zu leben. Das ist die einzige Möglichkeit, sich wirklich zu verändern. Wenn man den Schmerz ungefiltert fühlt. Erst wenn man keine Leute mehr um sich hat, die einem das Leiden abnehmen, kann man klar sehen. Dann erst kann man den Versuch wagen, sich zu ändern. Anfangs dachte ich: Es dauert vielleicht zwei Monate, dann bin ich ein anderer Mensch. Mein Therapeut sagte: »Medikamente sind in Ordnung, wenn sie dir für einen begrenzten Zeitraum helfen. Sobald du in der Lage bist, dich wieder einzugliedern, brauchst du keine Medikamente mehr.« Irgendwann fragte ich ihn: »Als du mich das erste Mal sahst, vor sieben oder acht Jahren, war ich da verrückt?« Er sah mich eine Weile schweigend an. Dann nickte er.

Ich sage nicht: Ich habe mich verändert. Sondern: Ich arbeite daran. Mittlerweile seit fast zehn Jahren. Die Veränderung ist etwas, das ich konstant und unbeirrbar verfolgen muss. Der andere Mickey, das Leben, das ich früher geführt habe, wird immer in mir drin sein. Ich will nicht, dass es wieder zum Vorschein kommt. Aber es ist da. Es gibt einen kleinen Knopf, den ich nur zu drücken brauche, und das Monster steht wieder auf.

Im Film die Rolle einer Kampfmaschine zu spielen ist immer noch in Ordnung. Ich mache da meinen Job. Das ist nicht Mickey, der dafür ins Gefängnis kommt. Ich war dort. Einige Male. Und wenn du bekannt bist, steht gleich alles in den Zeitungen. Die Legende wird immer größer. Jeder glaubt zu wissen, was für ein schlechter Mensch du bist. Ich habe das kaum wahrgenommen. Ich bin wie durch einen Tunnel gegangen. Bis der Tunnel komplett schwarz wurde und ich beinahe zehn Jahre in absoluter Dunkelheit lebte. Ich wohnte mit fünf Hunden in einem billigen Apartment am Sunset Boulevard. Ein Zimmer, keine 20 Quadratmeter. Das war kein Picknick. Ich dachte: Ich bin am Ende.

Plötzlich war da ein winziger Lichtfunken. Der Doktor sagte mir: Wenn du ein Licht siehst, geh darauf zu. Es wird größer und größer werden, wenn du daran arbeitest. Das Licht kam näher, und ich konnte aus dem Fenster klettern. Ich möchte nicht mehr allein in der Finsternis sein. Aber das miese Apartment wartet noch immer auf mich.

Das Monster schläft. Früher wachte es bei der kleinsten Erregung auf und flippte aus. Jedes Mal, wenn heute das Monster aufzuwachen droht, denke ich an den dunklen Raum. Ich mache mir klar: Wenn ich mich benehme wie der alte Mickey, komme ich wieder dahin. Das billige Apartment ruft meinen Namen. Komm nach Hause Mickey, hier gehörst du hin.

Jedes Mal, wenn ich eine Harley-Davidson höre, denke ich an Joey. Immer wenn er kam, erkannte ich den Sound seiner Maschine, weil er den Auspuff verändert und ihn sehr laut gemacht hatte. Ich hörte ihn schon, wenn er noch zwei Meilen entfernt war.

Joey wollte, dass ich mich verändere. Er wollte nicht zusehen, wie ich mich selbst zerstöre. Er hat mir die Kraft gegeben. Ich erweise ihm auf diese Art meine Ehre. Joey würde es gefallen, dass ich hier sitze und meinen Traum erzähle, statt irgendwo im Gefängnis. Ich tue es für uns beide.

Aufgezeichnet von RALPH GEISENHANSLÜKE

 
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