Netzkultur

Von wegen unpolitisch

Die Parteien erreichen die Jugend nicht mehr. An wem liegt's? Das Internet zeigt, dass sich junge Bürger sehr wohl für Politik interessieren

Auf einer Website namens hiphop-partisan.net vermutet man Plattenbesprechungen und Veranstaltungstipps, oder vielleicht eine Debatte darüber, wer die besten Reime im jüngsten Freestyle-Battle hinbekommen hat. Hier jedoch wird nicht nur HipHop diskutiert, sondern zum Beispiel auch die Rückkehr der Homophobie in die deutsche Gesellschaft.

Im Forum der Musikseite laut.de eröffnet unterdessen “yasmin” die Diskussion Live8: “Sind die Interessen der G8-Staaten wirklich so eigennützig, oder soll man denen nicht so misstrauisch entgegenschauen und das neue Europa ist vielleicht wirklich ein anderes?” Die Frage erntet 215 Antworten. Wer nach der politischen Jugend sucht, findet sie also im Netz.

Politisch heißt allerdings nicht notwendigerweise politisch organisiert. Zwar haben Mitglieder des linksalternativen Milieus ihre Netz-Arenen wie kommunikationssystem.de und indymedia errichtet. Die sind sogar interaktiv, doch der Gedanken-Austausch findet vor allem unter Gleichgesinnten statt.

Gänzlich an Netzaffinität lassen es hingegen die Jugendorganisationen der etablierten Parteien fehlen. Zwar haben diese inzwischen ausnahmslos ihre Websites, zwar stellte die SPD im NRW-Wahlkampf sogar ein Weblog auf ihre Seite, doch abgesehen von solchen Ansätzen scheint es, als begriffen die Macher das Internet in erster Linie als Einweg-Kommunikation. Sie übersehen damit das Wesentliche. Das Internet ist nicht nur eine Informationsquelle, sondern es spielt auch eine Rolle als Treffpunkt und Kommunikationsplattform. Und das schätzen gerade die jüngeren User. In einer Welt, in der vom besten Vibrationsalarm bis zu Halluzinationserfahrungen nach dem Drogenkonsum nichts undiskutiert bleibt, kann ein Vortrags-Stil wie auf jugend-fuer-merkel.de nur scheitern. Im blaugrauen CDU-Design wird dort eine Jugendbewegung propagiert, die "mit Frau Dr. Angela Merkel […] eine Politikerin gefunden" hat, "die fachlich wie auch persönlich diesen Wechsel bewirken kann und von der wir überzeugt sind, dass sie die optimale Besetzung für das Kanzleramt ist." Ende der Durchsage. Außer die Mitgliedschaft zu beantragen, bleibt dem Besucher der Seite keinerlei Möglichkeit, sich zu artikulieren.

Dabei schrecken Angebote großer Institutionen Jugendliche nicht per se ab. Auf der Seite des von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Fluter oder auf jetzt.de , den Jugendseiten der Süddeutschen Zeitung , diskutieren Jugendliche engagiert über Antisemitismus oder den demografischen Wandel. Eine dauerhafte Bindung an eine politische Denkschule braucht allerdings niemand von den jungen Usern zu erwarten. Schlichtes Desinteresse ist natürlich auch verbreitet. “Wir müssen Umwege gehen“, sagt Christoph Fahle von der Politikfabrik e.V. , jenem studentischen Projekt, das zur vergangenen Bundestagswahl den Wahl-O-Mat erfunden hatte. Eine starke Online/Offline-Vernetzung, eine an den Wahlgang gekoppelte Singlebörse, die Einbindung Prominenter und freier Eintritt zur Wahl-Party bei Teilnahme am Wahlgang sollen diesmal politikresistente Jugendliche zu einem Mindestmaß an Beteiligung bewegen. Ob das klappt? “Wir reden hier von einem Versuchsballon”, sagt Fahle.

Einen anderen Weg schlägt dol2day ein. Das Portal exerziert die parlamentarische Demokratie mit ihren Vor- und Nachteilen durch. Die Community aus mehreren tausend Mitgliedern wählt sich seit einiger Zeit online ihren eigenen Bundestag, zusammengesetzt aus sozialdemokratischen, nationalliberalen und anarchistischen Internetparteien. Natürlich bestimmt dieser Bundestag auch einen Kanzler samt Regierung. Koalitionsverhandlungen mit Kompromissen bleiben ebenso wenig aus wie populistische Wendungen der Kandidaten und Parteien. Mit Volksbegehren und Volksentscheiden, die hier Doliszite heißen, nehmen die virtuellen Bürger auch zwischen den Wahlterminen an politischen Entscheidungen teil. Das Spiel wird nach Erhebungen von dol2day vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen besucht. Die rufen die Seiten von dol2day.com pro Monat mehr als sechs Millionen Mal auf. Auf jugend-fuer-merkel.de kommen ein paar Tausend. Wird die Jugend durch die Möglichkeiten, die das Netz bietet, nun politischer? Sie kommuniziert im Internet. Mehr als die Älteren. Über alles. Auch über Politik.

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Leser-Kommentare

  1. Die etablierten Parteien mögen ganz allgemein keine Mitsprache, besonders wenn sie Dinge in Frage stellt. Die Art und Weise wie die Parteien im Netz auftreten ist also dem vertretenen Weltbild geschuldet. Aber ist das jetzt überraschend? Weite teile von SPD und CDU sprechen sich mittlerweile gegen die Freiheitlich-demokratische Grundordnung aus. Die Regierung wird nicht mehr als "im Auftrag der Bevölkerung" stehend, sondern "das Volk lenkend" verstanden, die Polizei (früher "Freund und Helfer" in Grün) bekommt jetzt schwarze Uniformen und demnächst wohl die Bundeswehr an ihre Seite, um Demonstrationen unter Kontrolle zu behalten. Seit Monaten werden alternative Nachrichtenorgane unter Druck gesetzt (illegale Durchsuchungen/Beschlagnahmen bei Labournet oder Puk e.V), werden außerparlamentarische Oppositionelle zum Ziel sog. "Anti"terrorpolitik. Universitäten bekommen vom Innenministerium die Aufforderung, Studenten zu melden, die "extermistisch" sein könnten. Die Liste liesse sich endlos fortsetzen.
    Fazit: die Parteien wollen keine politisch aktiven Bürger. Sie wollen Untertanen und Parteisoldaten.

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  • Von Christian Bangel
  • Datum
  • Quelle (c) ZEIT online 10.8.2005
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