Pro und Contra Aufbruch in eine neue bürgerliche Epoche
Haben wir einen falschen Begriff von Freiheit? Das Buch des Verfassungsrichters Udo Di Fabio plädiert für einen streitbaren Konservatismus und eine neue bürgerliche Epoche. Was spricht dafür? Ein Pro und Contra
Pro von Ulrich Greiner
Glücklich das Land, das solch einen Verfassungsrichter hat! Gebildet, aber nicht dünkelhaft; bewandert auf allen Geistesfeldern, die zum Verständnis unserer Lage von Belang sind, aber keineswegs ein nach allen Seiten hin sich verbeugender Bequemlichkeitsliberaler. Sondern ein Mann mit starker, begründeter Meinung, die er uns allen mit heiligem, aber gut gelauntem Zorn auf 300 glanzvoll geschriebenen Seiten ins Haus liefert. Höchst seltsam, dass sein Buch Die Kultur der Freiheit solche Empörung hervorruft, als hätte hier, wie die Süddeutsche nahe legt, ein Neoreaktionär oder Semifaschist das Wort ergriffen.
Was Udo Di Fabio leistet, ist die Klärung des historischen Fundaments, auf dem unsere Freiheit ruht. Es besteht aus der jüdisch-christlichen Tradition und aus dem bürgerlichen Tugendkatalog. Da nun beide Erbschaften verspielt oder aufgebraucht worden sind, ist uns auch der richtige, allen zuträgliche Begriff von Freiheit verloren gegangen. Di Fabio erkennt das Problem in jener narzisstischen Selbstverwirklichungskultur, die von der herrschenden Meinungsmode propagiert wird und die den Einzelnen dazu anhält, sich der Kräfte seines Verstandes nur zu bedienen, um Vorteile zu sammeln und den Besitzstand zu wahren.
Tja, das wird man wohl konservativ nennen müssen. Aber es ist ein Konservatismus, der sich in die Tradition eines Edmund Burke oder John Stuart Mill stellt; ein Konservatismus, der zutreffend beschreibt, wie eine Gesellschaft, die ihre traditionellen Bindungskräfte verloren hat, pausenlos Regulierungsaufträge an den Staat weiterreicht – und ihn damit überfordert. Di Fabio ist ja alles andere als ein Neoliberaler, dem die soziale Lage seiner Mitmenschen schnurz wäre. Dazu ist er viel zu sehr ein Christ. Aber er sieht in der sozialstaatlichen Aus- und Überdehnung einen neuen Leviathan, dessen freiheitseinschränkende Wirkung kaum auffällt, weil sie mit Segnungen verbunden scheint.
Udo Di Fabio wirbt für die Freiheit, Bindungen einzugehen, und kommt auf sein zentrales Thema, auf die Familienpolitik und das demografische Desaster. Schön, dass er das Kinderkriegen und -haben nicht wegen der Renten preist, sondern wegen des Glücks, das es uns allen gewährt. Dass dieses mit Entbehrungen verbundene Glück in unserer Gesellschaft nicht anerkannt wird, erregt seinen nun nicht mehr gut gelaunten Zorn. Warum geraten heutzutage Mütter, die sich ganz ihren Kindern widmen, unter Rechtfertigungszwang? Und was zeigt dieses Beispiel: dass der wegen Konkurs eines Billigfliegers gescheiterte Rückflug eines Touristen (juristisch gesehen) Staatssache ist, während die gescheiterte Ehe (mit all ihren gravierenden Folgen für Kinder und Eltern) Privatsache? Es zeigt, dass wir einen egozentrischen Begriff von Freiheit haben. Er resultiert aus dem Modernisierungsschub, dem die 68er-Revolte Ausdruck gegeben hat und dessen Opfer sie dann selber wurde. Das sagt Di Fabio ohne Furcht vor dem Zorn jener, die er meint. Aber er zeigt zugleich die Plausibilität der Emanzipationsbestrebungen. Sie antworteten als nachholende Bewegung auf die deutsche Katastrophe. In der wiederum sieht Di Fabio keine geschichtsphilosophische Notwendigkeit, sondern ein Unglück, auf das die Deutschen ihre Geschichte nicht reduzieren sollten. – Man sieht: Sein Buch enthält für Rechtgläubige starken Tobak.
Udo Di Fabios Analyse nimmt die gegenwärtigen Verwerfungen scharf in den Blick, aber seine Vorschläge sind weder radikal noch reaktionär. Er will uns nicht in die Tanzschule zurückzwingen, sondern dazu anregen, die Maßstäbe unseres Redens und Urteilens neu zu justieren. Das ist seine Utopie: dass ein verändertes Bewusstsein unser Sein verändern könnte. Sage keiner, das gehe nicht. Die öffentliche Einschätzung dessen, was wir tun, wirkt auf dieses Tun zurück. Di Fabios Buch ist eine notwendige, belebende Intervention.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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