Afri-Cola soll ein Statement sein. Wer etwas gegen Einheitsbrause hat und zugleich trendigen Antiamerikanismus pflegen will, schwört Coke und Pepsi ab und greift zur schwarzen Flasche mit der Palme. Das war in den politisch bewegten sechziger Jahren so – und könnte im Zuge der Retrowelle, an der Seite von Tri-Top, Ahoi-Brause und Creme 21, auch heute wieder seine Gültigkeit haben. Wenn das Kultgetränk nicht einen Makel hätte: Es ist nicht mehr das, was es vorzugeben scheint. Nachdem sich die schwäbische Mineralbrunnen AG 1999 die Markenrechte sicherte, hat sie am Inhalt gravierende Veränderungen vorgenommen. Das aber schmeckte ein paar Überzeugungstätern überhaupt nicht – und sie ließen ihre Lieblingscola kurzerhand unter anderem Namen auferstehen.

"Wir machen keine Marktforschung und entscheiden alles im Kollektiv"

Koffeinstark, deutsch, anders – dafür stand Afri-Cola seit 1931. Doch die Mineralbrunnen AG hatte mit Afri den Massenmarkt im Visier. Mit 60 Prozent weniger Koffein und deutlich erhöhtem Zuckergehalt wollte man "den geschmacklichen Vorlieben der Konsumenten Rechnung tragen", sagt Marketingmanager Kay Maluche. Den Geschmack einiger junger Leute um Uwe Lübbermann kann er damit nicht meinen: Diese waren entsetzt vom neuen Produkt, ebenso von der pickeligen Standard-Limonadenflasche, in die ihre frühere Lieblingsbrause nun abgefüllt wurde – und gründeten 1999 die Interessengruppe Premium. Ihr Ziel: Sie wollten die echte Afri zurück.

"Premium-Cola", das stand früher nämlich auch auf den Afri-Flaschen, im Untertitel, und auf dem Deckel: "Für harte Tage und lange Nächte". 250 Milligramm Koffein waren drin pro Liter, so viel, wie der Gesetzgeber gerade noch zulässt. Ein echter Wachmacher eben.

Doch während sich allenfalls Orangenlimonade als Massenware in der unwürdigen Standardflasche verkaufen ließ, fand Afri-Cola darin keine Akzeptanz. "Das war ein Fehler", räumt Maluche heute ein. Der Sinneswandel, Afri wieder in einer angemessenen Formflasche anzubieten, kam spät, zu spät vielleicht, die Cola blieb ein Nischenprodukt. Der Hersteller nennt keine Zahlen, deutet aber an, dass man im Monat etwa 450.000 Flaschen verkauft. Das sind geschätzte drei Millionen Liter im Jahr, ein Marktanteil von wenigen zehntel Prozent. Zum Vergleich: Coca-Cola dominiert den Markt mit 56 Prozent, setzt damit jährlich allein rund eine Milliarde Liter der braunen Brause in Deutschland ab.

Den Afri-Puristen Lübbermann berührt das kaum. Lässig sitzt er im Lokal Stadt Venlo seines Kölner Mitstreiters André Sauer und gibt den Zufriedenen. Der Kampf gegen den Lizenznehmer ging zwar verloren, denn an der entschärften Cola-Zusammensetzung wollte man bei der Mineralbrunnen AG trotz Formflasche festhalten. Doch die Auseinandersetzung hat eine Gruppe von Freaks zu Unternehmern gemacht. "Aus Versehen", sagt Lübbermann. "Wirklich!" Spätestens als die Mineralbrunnen AG eine Afri-Light auf den Markt brachte, sei ihnen klar geworden, dass die dort gar nichts kapiert hätten. Nach durchdiskutierten Nächten reifte bei den Nostalgikern die Erkenntnis: "Wir müssen es selbst machen."

Mit 10.000 Euro Eigenkapital und einer gehörigen Portion Enthusiasmus startete die Interessengemeinschaft 2001 mit ihrer eigenen Cola und nannte sie Premium. Die schmeckt wie die alte Afri, hat auch wieder die ursprüngliche Koffeinmenge. Ein ehemaliger Afri-Abfüller aus Franken kümmert sich um Produktion und Vertrieb. Um wegen Rezeptklau keinen Ärger zu bekommen, werde statt Apfel- nun Zitronensäure zugesetzt, was geschmacklich aber keinen Unterschied mache, sagt Lübbermann. "Wir haben das mehrfach getestet." Verkauft werde ausschließlich "in korrekten Läden", betont André Sauer. "Korrekt", das ist ohnehin das Lieblingswort der Premium-Leute. Und das, obwohl sie aus Branchensicht eigentlich alles falsch machen.

"Wir betreiben keine Marktforschung, machen keine Werbung, entscheiden alles im Kollektiv", sagt Sauer. Das sei zwar nicht ökonomisch, funktioniere aber trotzdem. Chef ist immer der, der die besseren Argumente hat. "Wer zu einer echten Konkurrenz werden will, kommt an einem professionellen Management nicht vorbei", prophezeit dagegen der Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung alkoholfreie Getränke e. V., Ernst Kammerinke. Doch es geht bei Premium eben nicht um Absatz und auch nicht um Gewinn. Heißt es. "Wir mussten unsere alte Lieblings-Cola einfach echt weiterleben lassen." Darum geht’s, und genau so holprig formuliert steht es auch auf dem schwarzen Etikett von Premium.

Dass derzeit gar nur rund 22.000 Flaschen im Monat verkauft werden (Kammerinke: "Das füllen unsere Mitglieder normalerweise in zwei Stunden ab"), können sich die Premium-Macher in der Tat leisten: Die Cola ist ihre Leidenschaft, nicht ihre Erwerbsquelle. Alle haben noch einen richtigen Job, ob als Grafiker, Programmierer oder Hubschrauberpilot. Angeblich kennen sie ihre eigenen Umsatzzahlen nicht. Das sagen sie, aber vielleicht ist es auch nur Masche. Jüngst war erstmals geplant, den so genannten Checkern Geld aus dem ersten Gewinn von 1400 Euro für ihre Arbeit zu überweisen, doch diese lehnten ab. Checker, so heißen bei Premium die Leute, die in ihren Städten nach Gleichgesinnten Ausschau halten, die Premium verkaufen wollen und dies auch noch als Mission verstehen.

"Lecker Cola trinken und Konzerne ärgern"

Das müssen keineswegs immer Gastronomen sein. In Wien verkauft eine Bäckerei Premium, in Frankfurt gibt es das kleine Schwarze sogar im Plattenladen. "Gut ist gut", begründet der Inhaber von Pro Vinyl, Dusan Heric, den ungewöhnlichen Vertriebsweg. Die Premium-Philosophie passe einfach zum Lebensgefühl von Schallplattenfans, die etwas Althergebrachtes zu schätzen wissen. "Manche Leute kommen sogar nur wegen der Cola zu uns", sagt er. Dagegen hat etwa in Saarbrücken, Nürnberg oder Stuttgart noch niemand Premium im Angebot. Lübbermann meint dazu, man dürfe kein Trendgetränk verkaufen wollen, sondern solle in Premium eine Marke sehen, "die wie ein treuer Kumpel ist".

Auch bei der Mineralbrunnen AG wächst der Respekt – und die Erkenntnis, dass man die Szene nicht hätte außer Acht lassen dürfen. Das Premium-Konzept um Aufrichtigkeit und Authentizität sei in sich stimmig, lobt Marketingmanager Maluche die Jungunternehmer. "Unsere eigene Strategie hat dagegen in der Tat nicht nur Erfolg gebracht." Derweil feiert der alte Afri-Kult in Gestalt der Premium-Cola seine echte Wiederbelebung, wenn etwa der Kölner Club namens Gebäude 9 in Ermangelung von Werbepostern selbst gemalte Premium-Plakate aufhängt: "Lecker Cola trinken und Konzerne ärgern." Ganz so wie früher.