Es ist acht Uhr und längst finster in Ruropolis. Schweiß fließt. Der Wirt der Churrascaria Pires sitzt vor dem Computer, spielt Solitär und schweigt.

Ob man hier übernachten könne.

Der Wirt schreckt auf und sagt: Wo sonst in dieser Hölle? Dreißig Real die Nacht. Zehn Euro.

Die Köchin flüstert: Hier hält es keiner lange aus.

Die Beine krumm und unbrauchbar, stützt sich ein Bettler auf die Arme und turnt von Tisch zu Tisch. An der Wand hängt ein Schild: Atenção, es ist verboten, sich in diesem Raum ohne Hemd aufzuhalten oder ihn auf diese Weise zu passieren.

Ruropolis Presidente Medici: 35.000 Menschen; liegt an der Transamazônica, einer Straße, die sich von Westen nach Osten durch den Regenwald Brasiliens zieht, 5.600 Kilometer weit. Im Sommer nichts als Staub, im Winter, wenn es regnet, Schlamm. Die Straße ist eine Erfindung der Generäle, die Brasilien in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts regierten. Die Legende meint, der damalige Staatspräsident, General Emilio Garrastazu Medici, sei eines Tages über den Nordosten des Landes geflogen und habe braune ausgezehrte Felder entdeckt und so die Auffassung gewonnen, man sollte die Armen, die hier lebten, in den Regenwald schicken. Der Präsident erhob seine Idee zum Programm der nationalen Integration: Land ohne Menschen für Menschen ohne Land.

In der Churrascaria Pires zu Ruropolis Presidente Medici singt eine schwarze Köchin, sie ist jung und dick, "Zertritt die Kakerlake, o Mann, zertritt die verdammte Kakerlake", singend trägt sie vom Tisch, was übrig blieb, Bohnen, Maniok, setzt sich und beginnt zu häkeln.

Neumond über Ruropolis, vier Grad südlich des Äquators.

Neonlicht und Motten.

Neulich, plappert Joelma Costa Brito, Köchin seit vier Monaten, in die Halle, neulich habe das Fernsehen einen Mann gezeigt, der habe weiße Kleider getragen und einen weißen breiten Hut, und dann habe der Mann seinen Hut abgelegt und, für alle sichtbar, das Loch gezeigt, das in seinem Schädel war, ein Loch, mit dem er atmen konnte, als wäre der Mann ein Delfin.

He Joelma, was redest du da!, ruft der Wirt.

So wahr ich hier sitze, ich sah es im Fernsehen.

Der Kerl war ein boto, ein Delfin. Der sich, weil er die Frauen liebt, in einen Mann verwandelt hatte. Das kommt hier vor.

Joelma!

Und neben dem Mann stand sein Sohn. Auch der mit einem Loch im Kopf.

Seither geht sie nicht mehr schwimmen, knurrt der Wirt.

Nun kichert Joelma Costa Brito, 21, die zwei Töchter hat, fünf und zwei Jahre alt, die erste von einem Unbekannten auf Durchreise, die zweite von einem Tagelöhner, der Säcke schleppt.

Ihr Vater, der vor zwei Jahren starb, sagt sie, stammte aus dem Nordosten, dem Bundesstaat Bahia. Ihr guter Vater, der sie nur selten schlug, sei an die Transamazônica gezogen, als er hörte, man bekäme hier ein Stück Land geschenkt, eine lote, eine Parzelle, fünfhundert Meter breit, zwei Kilometer tief, also hundert Hektar. Achtzehn Jahre lang habe er dieses Land gepflegt, Bäume gefällt, Büsche verbrannt, Vieh gezüchtet und Reis gezogen, Bananen, Kakao. Bis er krank wurde, elende Malaria, und seine lote verkaufte für wenig Geld. Und starb.

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