Regenwald Auf dem Holzweg

Brasilien lockte Menschen ohne Land in ein Land ohne Menschen, nach Amazonien. Eine Reise entlang der Transamazônica zu den Siedlern, die für ihr Überleben den Regenwald zerstören

Es ist acht Uhr und längst finster in Ruropolis. Schweiß fließt. Der Wirt der Churrascaria Pires sitzt vor dem Computer, spielt Solitär und schweigt.

Ob man hier übernachten könne.

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Der Wirt schreckt auf und sagt: Wo sonst in dieser Hölle? Dreißig Real die Nacht. Zehn Euro.

Die Köchin flüstert: Hier hält es keiner lange aus.

Die Beine krumm und unbrauchbar, stützt sich ein Bettler auf die Arme und turnt von Tisch zu Tisch. An der Wand hängt ein Schild: Atenção, es ist verboten, sich in diesem Raum ohne Hemd aufzuhalten oder ihn auf diese Weise zu passieren.

Ruropolis Presidente Medici: 35.000 Menschen; liegt an der Transamazônica, einer Straße, die sich von Westen nach Osten durch den Regenwald Brasiliens zieht, 5.600 Kilometer weit. Im Sommer nichts als Staub, im Winter, wenn es regnet, Schlamm. Die Straße ist eine Erfindung der Generäle, die Brasilien in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts regierten. Die Legende meint, der damalige Staatspräsident, General Emilio Garrastazu Medici, sei eines Tages über den Nordosten des Landes geflogen und habe braune ausgezehrte Felder entdeckt und so die Auffassung gewonnen, man sollte die Armen, die hier lebten, in den Regenwald schicken. Der Präsident erhob seine Idee zum Programm der nationalen Integration: Land ohne Menschen für Menschen ohne Land.

In der Churrascaria Pires zu Ruropolis Presidente Medici singt eine schwarze Köchin, sie ist jung und dick, »Zertritt die Kakerlake, o Mann, zertritt die verdammte Kakerlake«, singend trägt sie vom Tisch, was übrig blieb, Bohnen, Maniok, setzt sich und beginnt zu häkeln.

Neumond über Ruropolis, vier Grad südlich des Äquators.

Neonlicht und Motten.

Neulich, plappert Joelma Costa Brito, Köchin seit vier Monaten, in die Halle, neulich habe das Fernsehen einen Mann gezeigt, der habe weiße Kleider getragen und einen weißen breiten Hut, und dann habe der Mann seinen Hut abgelegt und, für alle sichtbar, das Loch gezeigt, das in seinem Schädel war, ein Loch, mit dem er atmen konnte, als wäre der Mann ein Delfin.

He Joelma, was redest du da!, ruft der Wirt.

So wahr ich hier sitze, ich sah es im Fernsehen.

Der Kerl war ein boto, ein Delfin. Der sich, weil er die Frauen liebt, in einen Mann verwandelt hatte. Das kommt hier vor.

Joelma!

Und neben dem Mann stand sein Sohn. Auch der mit einem Loch im Kopf.

Seither geht sie nicht mehr schwimmen, knurrt der Wirt.

Nun kichert Joelma Costa Brito, 21, die zwei Töchter hat, fünf und zwei Jahre alt, die erste von einem Unbekannten auf Durchreise, die zweite von einem Tagelöhner, der Säcke schleppt.

Ihr Vater, der vor zwei Jahren starb, sagt sie, stammte aus dem Nordosten, dem Bundesstaat Bahia. Ihr guter Vater, der sie nur selten schlug, sei an die Transamazônica gezogen, als er hörte, man bekäme hier ein Stück Land geschenkt, eine lote, eine Parzelle, fünfhundert Meter breit, zwei Kilometer tief, also hundert Hektar. Achtzehn Jahre lang habe er dieses Land gepflegt, Bäume gefällt, Büsche verbrannt, Vieh gezüchtet und Reis gezogen, Bananen, Kakao. Bis er krank wurde, elende Malaria, und seine lote verkaufte für wenig Geld. Und starb.

Was gefällt dir hier?

Joelma versteht die Frage nicht.

Wenn du hier etwas ändern könntest, was, Joelma, würdest du ändern?

Die Köchin kichert: Meinen Lohn.

In Schiffen und Flugzeugen brachten die Generäle ihr Volk nach Amazonien, Schwarze aus dem Nordosten, aus den Bundesstaaten Bahia, Rio Grande do Norte, Ceará, Maranhão, Pernambuco, Sergipe, später Helle aus dem Süden, Paraná, Santa Catarina, Rio Grande do Sul. Sie versprachen Land und Haus, Kettensägen und Geld. Sie hielten wenig, zwangen die Siedler, bevor sie in den Regenwald durften, in Lager. Eine lote erhielt, wer Frau und Kinder hatte.

Wenig überließen die Militärs dem Zufall. Alle fünf Kilometer, nach Süden und nach Norden, schlugen sie, rechtwinklig zur Transamazônica, eine Seitenstraße in den Wald, zwanzig, dreißig, fünfzig Kilometer tief. Alle fünf Kilometer sollte an der Transamazônica ein Dorf entstehen, in dem die Siedler lebten, eine Agrovila, alle fünfundvierzig Kilometer eine Stadt, Agrópolis.

Doch die Menschen, die sie riefen, hielten sich nicht an die Vorstellung der Mächtigen, wollten wohnen, wo sie arbeiteten, und bauten ihre Hütten auf dem neuen Land, im Regenwald, den sie abbrannten über das erlaubte Maß hinaus. Niemand nahm Anstoß, keiner schritt ein. Den Obristen ging es auch darum, Amazonien zu besiedeln, gleich wie, denn immer wieder holte sie die Furcht ein, das größte Flusssystem der Erde, zwei Fünftel des weltweiten Urwalds, bewohnt nur von indianischen Völkern, könnte Brasilien irgendwann und irgendwie abhanden kommen.

Ruropolis Presidente Medici gibt es seit dem 10. Mai 1988. Der Ort, in roten Staub gesetzt, beginnt mit dem Friedhof, mit einer Sägerei, einer Tankstelle. Baptisten sind hier, Adventisten, die Kneipe an der Ecke zum Park, eigentlich Kinderspielplatz, heißt Gigabyty.

Neben der Churrascaria Pires, dem besten Haus im Ort, kommen die Busse an, fahren die Busse los, Transbrasiliana, Expresso Edimar, Satelite, Medianeira, zehn Stunden bis Altamira im Osten, fünf bis Itaituba im Westen, sechs bis Santarem, vierzig bis Cuiabá. Ein Mann mit schmalem bärtigem Gesicht und blauen Augen sitzt auf einer Bank, eine blonde Frau neben sich und zwei blonde Söhne, drei Matratzen und einen Fernseher, ein Radio und einen Kübel, im Mund des Mannes fehlt ein Zahn, die Warze auf seiner Zunge füllt die Lücke.

Sie sitzen und warten, schweigen und warten, es ist Montagvormittag.

Gestern, bei Kilometer 265, sagt der Mann, warteten wir auf den Bus, siebzig Kilometer von hier, dort, wo Nonato seine Kneipe hat, dreißig Kilometer vor Placas. Gestern war Sonntag, und wir warteten mit unserer Ware an der Transamazônica, drei Matratzen, Fernseher, Radio, weil hier kein Leben mehr ist für uns. Ich heiße Ilmo Roloff, mein Großvater war Deutscher, Süddeutscher, ich bin sein Enkel, aber hier ist kein Leben mehr für uns, es ist zu heiß und zu trocken, und wenn es einmal regnet, dann regnet es sechs Monate lang, so sehr, dass alles versinkt. Wir kamen vor einem Jahr hierher, unsere Adresse war Kilometer 265, Gleba 50, Lote 14, vier Kilometer nördlich der Transamazônica, Seitenstraße Nonato. Ich pflanzte Reis und Mais, hielt einige Hühner. Wir kamen aus dem Süden hierher, aus Paraná, wo die berühmten Wasserfälle sind, Foz do Iguaçu. Ein Jahr lang hielten wir das Leben hier aus, nun wollen wir weg, zurück in den Süden, wo wir hingehören, wo ich meine Frau heiratete. Ihr Großvater kam aus Pommern. Wenn es hier regnet, versinkt die Welt im Schlamm. Wir kamen vor einem Jahr, hatten für unsere lote 50.000 Real bezahlt. Die Erde hier ist Lehm. Nur Lehm. Der Reis gedeiht kaum. Im Süden aber hatten wir Kühe, Hühner, Eier, Käse. Bin Ilmo Roloff, sagt der Mann und redet, als hätte er während Jahren nicht geredet.

Meine Frau heißt Ireni, und der hier ist Varlei, fünfzehn, der hier Valmir, dreizehn, sie konnten nicht zur Schule, es gibt dort, wo wir waren, keine Schule. Gestern war der Bus schon weg, als wir die Transamazônica erreichten, weil nun Sommer ist, weil es nun nicht regnet und die Straße so gut ist, der Bus war schnell, schon weg, war schneller als wir. Wir schliefen in Nonatos Kneipe an der Transamazônica und fuhren heute Morgen hierher, Ruropolis, und nun warten wir wieder auf den Bus, der uns nach Hause bringt, drei Tage lang werden wir im Bus sitzen, vielleicht vier, im Süden ist alles besser, die Luft, das Licht, der Wind. Es ist zu heiß hier, nachts kühlt es nicht ab, ich konnte nicht schlafen, ich schwitzte und schwitzte ein ganzes Jahr, der Mensch hätte nie hierher kommen sollen. Die Natur ist zu stark, das Wasser schlecht, wir hatten keinen Strom, hatten nichts, nur unsere Hände. Jetzt fahren wir zurück, wo wir hingehören, die hundert Hektar, die ich hier besaß, tausche ich mit sieben Hektar im Süden, ja, sieben! Auf diesen sieben Hektar im Süden wächst mehr als auf den hundert im Norden. Ein Rind braucht hier eine Fläche von vier bis sechs Hektar, so schlecht ist das Gras. Zuerst war ein gewisser Nicolao auf Gleba 50, Lote 14, dann ein gewisser Alves, dann wir, Roloff, und der, der nun kommt, heißt Claudinor dos Santos Guedes. Die sieben Hektar, die ich nun besitze, habe ich nie gesehen, mein Schwiegersohn hat sie gesehen, der Mann meiner Tochter Sara, die neunzehn ist und ein Kind hat, Karolaine. Sie hat uns geschrieben: Mutter, Vater, Brüder, wann kommt ihr endlich zurück? Nun warten wir hier auf den Bus, der uns nach Hause bringt, er fährt um Mitternacht, und ich hoffe, es gibt noch Platz darin.

Was ist im Kübel, den du mit dir trägst?

Nichts als blaue Farbe. Die hatte ich, als wir vor einem Jahr aus dem Süden kamen, hierher gebracht, um unser Haus blau anzumalen. Hab es nie getan. Und nun trage ich die Farbe zurück in den Süden, um das Haus blau anzumalen, das ich noch nicht gesehen habe, dort, wo ich dreimal ernten werde im Jahr, wenn Gott es will.

Ilmo Roloff schweigt, er sieht zu seinen Söhnen, beide blond, und lächelt.

Der Mensch, sagt er, hat hier nichts zu suchen.

Die Transamazônica, priesen die Generäle, sei der Sieg des Menschen über die Natur. Doch die Siedler aus dem Nordosten und aus dem Süden stießen nicht auf das Paradies, das die Politiker verheißen hatten. Der Wald war gefährlich und einsam. Viele starben an Malaria, an Unfällen, manche brachten sich um, nur fünfzehn Prozent, so die Schätzung, hielten der Wildnis stand. Der Rest, verzweifelt, reiste an den Saum einer Stadt, Altamira, Santarem, Cuiabá, Itaituba, baute sich eine Hütte, verarmte. Oder versuchte sich als Goldgräber und verließ die Familie, kehrte nie zurück.

Die aber an der Transamazônica blieben, vertrieben und töteten Tausende von Indianern und fällten, was verkäuflich war, Andiroba, Garapeira, Ipé, Jatobá, Maçaranduba, Mahagoni – Edelhölzer, verkauften sie den Sägereien, steckten den Rest in Flammen, gewannen Äcker und Weideland für das Vieh. Seit 1990 hat sich im Bundesstaat Pará die Zahl der Rinder verdoppelt, heute sind es wohl zwölf Millionen. Pará, 1,25 Millionen Quadratkilometer weit, ist dreieinhalbmal so groß wie Deutschland. Ganze zweiundsiebzig Menschen sind angestellt, darüber zu wachen, dass niemand mehr Holz schlägt, als das Gesetz es erlaubt. Bis 1995 schrieb dieses vor, ein Bauer dürfe sein Grundstück höchstens zur Hälfte roden, seit 1996 nur zu einem Fünftel. Keiner hielt sich je daran.

Stumm schreibt der Wirt die Rechnung, dreißig Real für ein Bett. Er sagt: Wenn ihr einen sehen wollt, der es schaffte, dann besucht Celito.

Wo wohnt der? – Wo der Bambus steht. Und der große Mangobaum.

Die Transamazônica ist nichts als Staub, rot, manchmal gelb, ein schmales endloses Band, über Hügel und Bäche gelegt, durch Täler gezogen, links und rechts von Grünzeug gesäumt, Weiden, Busch, Sumpf, selten Regenwald.

Eine Fahrt im Geländewagen Toyota Hilux 4x4. Von Ruropolis im Westen bis Altamira im Osten. Air conditioned, das größte Glück an diesem Ende der Welt.

Kommt einer entgegen, rührt er so viel Staub auf, dass man nichts mehr sieht und besser wartet, bis die Wolke vorüber ist. Kommt einer entgegen, oft in der Mitte der Piste, ist es besser, man weicht aus und lenkt seine Maschine an den Rand, ob links oder rechts.

Hügel um Hügel, Stunde um Stunde. Endlich: Bambus und ein großer Mangobaum. Celito de Moura Dallabrida, Comunidade Flor da Selva, Gleba 38, Lote 3, Kilometer 323.

Fast nackt steht er über sein Motorrad gekrümmt, die Hände ölig und schwarz, Celito de Moura Dallabrida trägt eine feine Brille und lacht.

Aus Deutschland!, freut er sich.

Er wäscht die Hände vor dem Haus, die Frau bringt Seife, ein Hemd.

Zehn Quadratmeter Rasen, ein Gartenzaun, sechs, sieben Hunde, einer heißt Maradona, der andere Russo, eine Schar Enten, Ferkel.

Dann bittet Celito in die Stube seines Hauses, Celito putzt die Brille am Vorhang, der ins Schlafzimmer führt, er lacht und redet, als hätte er während Jahren nicht geredet, setzt sich an den Tisch.

Das Tischtuch, gehäkelt. Zwei Gasflaschen stehen im Raum, beide mit einem Röckchen verhüllt, Blümchen darauf. Eine Autobatterie für das Radio.

Deutschland, nicht wahr, liegt neben Italien?

Aus Italien war der Urgroßvater. Die Familie lebte in Rio Grande do Sul, wo die Winter kalt sind, und als Celito, damals einundzwanzig, vom Wort der Generäle hörte, im Norden, irgendwo zwischen Rio Tapajós und Rio Xingú im Staat Pará, an einer neuen Straße namens Transamazônica, bekomme jeder Land geschenkt, hundert Hektar, dazu ein Haus und Geld und Sägen, nur Familienvater müsse man sein, heiratete er seine Freundin Iria und machte sie sofort schwanger, Juli 1972. Im Oktober standen sie vor ihrem neuen Besitz, nichts als Regenwald, es war kein Ort in der Nähe, Ruropolis noch nicht gebaut. Die Frau begann zu weinen, nichts als Wald und diese Straße, im Winter Schlamm, im Sommer Staub.

Drei Jahre lang warteten Celito de Moura Dallabrida und seine Frau Iria auf das versprochene Haus. Sie lebten in einer Hütte. Celito, um zu überdauern, fischte und jagte, Piranha, Tatu, Paca, Cutia, Veado, Anta. Er brannte den Wald ab, weit über das Erlaubte hinaus, baute zusammen mit Nachbarn eine Wasserleitung, fünf Kilometer lang. Eines Tages fuhr er nach Altamira, der Stadt im Osten, und kehrte mit Bananensetzlingen zurück, begann zu pflanzen. Nachts zeugte er Kind um Kind, Lurdes, Sidnei, Claudia, Andre, Juliana, Andreia, Adriana, Junior. So war das, lacht er über den Tisch.

Dies hier ist der beste Ort, arm zu sein, sagt Celito de Moura Dallabrida im vierundfünfzigsten Jahr seines Lebens.

Vor dem Haus, das ihm die Generäle endlich schenkten und das längst nicht mehr steht, setzte er einen Mangobaum in die magere Erde, ritzte trotzig seinen Namen hinein, Buchstabe unter Buchstabe, CELITO.

Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?

Er versteht die Frage nicht.

Andere, die mit dir kamen, gaben auf oder erschossen sich. Du aber bist heute noch hier.

Die Transamazônica ist der beste Ort, arm zu sein.

Noch immer pflügt er mit Ochsen, Celito kaufte nie einen Traktor, um keinem etwas zu schulden, kaufte nie ein Auto, nur eine kleine schnelle Honda, die, nach Ruropolis und zurück, kaum einen Liter Benzin verbraucht, zwei Real. Und doch sehnt er sich nach dem Tag, da ihn der elektrische Strom erreicht. Die Masten stehen bereits, Celito wird seiner Frau, die acht Kinder gebar, einen Kühlschrank kaufen, und sich selber eine Maschine, die Pfeffer drischt. Einen Überfluss nur leistet er sich bereits, einen Fotoapparat, digital, mit dem er sein Leben festhält, Feiern, Ernten und Gewerkschaftssitzungen. Celito ist Mitglied des Sindicato dos Trabalhadores Rurais, der Landarbeiter-Gewerkschaft. Wenn der Speicher der Kamera voll ist, rattert Celito auf seiner Honda nach Ruropolis und lässt sich Bilder drucken: Celito mit Krawatte, Celito vor dem Weihnachtsbaum, ein Krippenspiel in der Urwaldschule der Comunidade Flor da Selva, Maria, Josef und drei heilige Könige, schwitzend.

Denkst du noch daran, wie es einst im Süden war?

Er lacht, sie nickt.

Dann führt er durch seine lote, vorbei am Gemüsegarten, an Orangenbäumen, Kokospalmen und einem kleinen Haus, in dem ein Sohn wohnt mit einer blonden Frau, schwanger. Celito lobt den Pfeffer, der nun zur Ernte ansteht, zwei Hektar Pfeffer, sechs Tonnen, das Kilo zu 2,6 Real, er bohrt den Nagel des Daumens in ein Korn. Er prüft und preist sein Leben, zurzeit macht Celito in Pfeffer und Kakao.

Wie viel von dem Wald, der auf deiner lote einst stand, steht noch?

Ein Drittel.

Dann sagt er: Wir wussten nicht, was wir taten. Niemand, nicht einmal die Regierung, wusste, was sie tat, als dies hier begann.

Er schiebt die Brille ins graue Haar.

Doch nicht nur wir zerstören den Wald, in den Vereinigten Staaten ist er längst zerstört, in Japan, Italien, überall, und nun kommen diese Länder und zeigen auf uns, weil wir tun, was sie taten. Um den Wald zu retten, braucht man Geld. Aber das haben wir nicht.

Die Sonne brennt, Schweiß fließt, ab und an rollt ein Lastwagen vorüber, macht Lärm und Staub. Celito lädt zum Mahl, schließlich in die Hängematte.

Celito, die Regierung will einen Teil der Transamazônica asphaltieren?

Das wäre unser Ende, knurrt Celito de Moura Dallabrida. Der Asphalt bringt Reiche und Räuber. Beiden müssten wir weichen. Reiche!, Räuber!, krächzt jetzt die Frau, Mutter von acht Kindern, Reiche!, Räuber!, was ist der Unterschied?

Sollte der Plan der Politiker wirklich werden, würden im Lauf der nächsten fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Jahre weitere 270.000 Quadratkilometer Wald vernichtet, schätzt eine gemeinsame Studie des Amazonas-Umweltforschungsinstituts IPAM in Belém und des Woods Hole Research Center in den USA. Dann nämlich kämen auch jene, denen Amazonien noch zu unwegsam ist, brächten größere und schnellere Lastwagen mit, bauten vielleicht gar Fabriken an den Rand einer geteerten Straße.

Tote Bäume stehen neben der Transamazônica, ohne Äste, ohne Laub, nackt und bleich, Vieh weidet. Kommt ein Fahrzeug entgegen, drückt man sich an den Rand, bis die Wolke vorbei ist, ein Kühlwagen in Richtung Ruropolis, ein Bus aus Altamira.

Kilometer 280. Ein paar Häuser auf der rechten Seite, alte Männer im Schatten eines Baums, ein Schild: Vila Macanã, gegründet am 20/07/81, Queremos Energia!, Urgente! Wir verlangen Strom!, Dringend! Cicera Santos de Souza sitzt in ihrem Laden und wartet auf nichts, in den Gestellen liegen Schlangengift, Haarspangen, Tomaten, Bier, Seife, Impfstoff für das Vieh, Zwiebeln, Präservative, Schulhefte. Hinter dem Haus steht eines ihrer sechs Kinder an einer Maschine, die nach Diesel stinkt, und füllt Reis in Säcke, Cicera Santos de Souza, dreiunddreißig Jahre alt, sagt: Meine Tage waren schon besser.

Was meinst du?

Keine Holztransporte zurzeit, keine Geschäfte.

Und weshalb?

Am Rio Curua entdeckte die Polizei einen Lastwagen, darauf Holz, verbotenerweise geschlagen. Und nun haben alle Angst, fahren, wenn sie noch fahren, nachts. Aber nachts, klagt die Frau und lacht, nachts ist mein Laden geschlossen.

Noch dreißig Kilometer bis zur nächsten Stadt: Placas. Placa bedeutet Schild, Kennzeichen. Placas wuchs dort, wo die Lastwagenfahrer einst, um sich an einem bestimmten Ort zu treffen, einen Pfosten in den Boden trieben und eine alte Pfanne darauf setzten.

Dreißig Kilometer vor Placas, im rechten Winkel zur Transamazônica, zweigt nach Norden der Weg ab, der zu Ilmo Roloffs verlassenem Haus führt, Gleba 50, Lote 14. Der Weg ist ein Graben, voller Löcher. Der Toyota schaukelt, links Weideland, rechts Palmen, dann Bananen, kein Regenwald mehr.

Roloffs Haus ist eine Hütte ohne Schloss und Schlüssel. Wäsche liegt in einem Eimer, Maniok, Rattengift, ausgetretene Schuhe. Der Boden ist trockene braune Erde, das Dach aus Holz, längst löchrig, der Brotofen zerfallen. Halb volle Getreidesäcke stehen in Ecken, an einem Balken sind metallene Ketten, alle rostig. Eine Katze jammert, ein Dutzend Hühner läuft herum, hungrig und allein. Nichts als Dreck und Verzweiflung. Und an der Wand steht mit weißer Kreide geschrieben: AMOR AMOR AMOR. Ein Schulheft steckt im Staub. Lese und antworte, steht darin: Seit 1994 finden die Präsidentschaftswahlen in Brasilien alle vier Jahre statt, 1994, 1998 etc. Wenn es keine Gesetzesänderung gibt, ist 2058 ein Wahljahr. Warum?

Daneben liegt ein Brief, von Schaben schon zerfressen.

Hallo Vater und Mutter und Brüder, wie get es? Uns get es gut. Vilmar arbeiter als Tageloner. Das Kind hatte ich in den 1. tagen zum Artzt gebracht und sagt es hat Anemi. Aber es get ihm schon beser & hat ales gern zum essen ein bisschen… Hier ist es kalt aber nicht so kalt. Hin und wider haben wir gegessen Fisch. Ich bin ein bischen schwach weil das Kind so viel trinkt an meiner Brust… Schicke Grüse für alle und Foto. Ich bin etwas dicker als auf dem Foto aber stark und gesund. Wir haben viel Sensucht. Wir warten auf euch das ihr bald kommt. Umarmungen von euer Tochter Sara, Vilmar und Karolaine. 31. 5. 05.

Placas, 21.000 Menschen, beginnt mit einer Sägerei, mit der Tankstelle, Männer liegen in Hängematten. Links das Bonn Hotel, rechts das Hotel Natalia Rayz, Adventisten, Methodisten, Kettensägenhändler, STIHL, am Ende der Straße ein rosa Haus.

Das Tischtuch in der Churrascaria e Lanchonete Goiano, Av. Perimetral Norte sem número – ohne Nummer – zeigt einen Hasen mit Mütze, Schal und Handschuhen. Der Hase steht in tiefem Schnee vor einem roten Haus mit spitzem Dach. Der Weihnachtsmann, gezogen von vier Rentieren, lacht aus seinem Schlitten und quert den Vollmond.

Ein großer, breiter Mann setzt sich an den Tisch. Mein Name ist Osvaldo, sagt er, kein Problem, kein Problem, morgen bringe ich euch in den Regenwald.

Dorthin, wo die Bäume fallen?

Kein Problem, sagt Osvaldo.

Wie heißt das Geld, das man in Deutschland benützt?, fragt Osvaldo.

Wann fahren wir los?

Wann ihr wollt.

Um acht?

Wann ihr wollt, verspricht Osvaldo.

Wo wirst du sein?

Überall, ich werde warten.

Vor der Churrascaria hält der Bus, der aus Altamira kommt, der Motor heult, Dieselgas im offenen Speisesaal. Männer mit alten Gesichtern schaufeln Nahrung. Es ist Nacht in Placas, Motorräder lärmen.

Roter Staub im Koffer, Staub zwischen den Seiten der Bücher und Blätter: In Amazonien bedeckt der größte zusammenhängende Laubwald der Erde eine Fläche von etwa 5,5 Mio Quadratkilometern. Man blättert weiter, liest: Die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten, so schätzen Wissenschaftler, leben hier / Zwischen 1500 und 1970 wurde nur 1 Prozent des Regenwaldes abgeholzt / 1978 waren schon 3,4 Prozent zerstört / Zwischen 1978 und 1988 wurde ein Gebiet, fünfmal so groß wie die Schweiz, gerodet / Zwischen 1990 und 2000 die doppelte Fläche von Portugal / Zwischen August 2001 und August 2002 die Fläche von Hessen, mehr als 5 Millionen Fußballfelder / Zwischen August 2002 und August 2003 die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern / Ein Jahr später die Fläche von Belgien / 80 Prozent der Abholzung geschieht illegal / Um einen Mahagonibaum zu fällen, werden 27 andere Bäume zerstört / Zwei Drittel des Holzes bleibt als Abfall liegen / Mittlerweile gelten bereits 14 Prozent des Bestandes als zerstört / Oder 16 Prozent/ Oder 30 Prozent.

Plötzlich: Stromausfall in Placas. Mücken.

Mittwoch, acht Uhr, und Osvaldo ist nicht zu finden. Eben war er noch hier, sagt der Kettensägenhändler. Vor einer Viertelstunde war er dort drüben, sagt der Tankwart.

Ailton B. Aguiar, Mitbesitzer der Sägerei TDMB Madeiras Ltda, Rua da Saudade, s/n, sem número, ohne Nummer, hat feine saubere Hände, die Sonnenbrille trägt er auf der Mütze, gebügeltes Hemd. Osvaldo ist nicht zu finden.

So wahr ich hier sitze, spricht Ailton B. Aguiar, habe ich noch nie Verbotenes getan. Jeder Baum, den wir holen, holen wir mit Bewilligung der Umweltbehörde IBAMA, so wahr ich hier sitze.

Er klopft den Kugelschreiber auf den Tisch, schiebt die dicke Agenda nach links, nach rechts und macht ein unschuldiges Gesicht.

Nicht wir, die Holzfirmen, sind der Grund, dass alle auf uns schimpfen, sondern die Bauern, die Großgrundbesitzer, die brandroden. Wir holen nur einzelne Bäume, schneiden sie vorsichtig aus dem Wald.

Ailton trägt einen breiten Ring, darauf das Wort CRISTO.

Jeder Viehzüchter, beschwört Ailton, darf seine Rinder durchs Land fahren, egal wohin, er braucht keine Bewilligung. Aber wir, die Holzhändler, dürfen einen Baum ohne den Segen der IBAMA nicht einmal berühren, dürfen ihn ohne Bewilligung nicht transportieren. Jeder Baum, den wir holen, hat eine Nummer, hier, schau mal auf diese Karte, Baum Nummer 312, Lote 69, Gleba 89, eine Zeder, Umfang 205 Zentimeter, sieben Meter bis zum nächsten Baum, dreiundzwanzig bis zur Straße. Das ist die Wahrheit, sagt Ailton B. Aguiar, vierunddreißig Jahre alt, wir Holzfäller sind die Sklaven der Behörde.

Über dem Eingang das Gelübde seiner Firma: Forest forever, working for a greener future.

Nichts Illegales?

So wahr ich hier sitze.

Bringst du uns in den Wald? Dorthin, wo deine Holzfäller beim Fällen sind?

Kein Problem, sagt er, Sebastião, mein Sekretär, führt euch hin, morgen früh um sieben, ja?

Sieben Uhr.

Sieben Uhr!

Ein Motorrad fährt durch Placas, macht Staub und Lärm und zieht einen Anhänger, auf dem ein Lautsprecher steht: Kommt, ihr Mühseligen und Beladenen, kommt, die ihr Hilfe braucht und kein Geld habt, lasset euch segnen in der Kirche der Adventisten zum siebten Tag.

Maria Jesuita lebt am Ende der Avenida Perimetral Sul in einem rosa Haus, und wenn sie könnte, würde sie Gedichte schreiben, ein Gedicht wie dieses: Bätest du mich um mein Leben, ich gäbe es dir so gern. Aber Maria Jesuita ist schwanger und siebzehn, sie ist geschminkt, lacht wenig, und nachts legen sich Bauern auf sie oder Lastwagenfahrer. Sie lassen, wenn sie fertig sind, Maria Jesuita zwanzig Real, manchmal vierzig, dreizehn Euro, Maria möchte, sie könnte Gedichte schreiben wie dieses: Wenn du mich bätest, dich zu verlassen, ich verließe dich für immer.

Es ist Donnerstag, acht Uhr am Morgen, Warten auf Sebastião, den Sekretär des Sägereibesitzers Ailton B. Aguiar, der nichts Verbotenes tut. Plötzlich steht eine alte Frau vor dem Hotel und richtet aus, Sebastião könne uns nicht zu den Holzfällern bringen, sei gestern Abend abgereist: Todesfall in der Familie.

Placas ist von Juli bis Dezember Sonne und Staub. Eine Fahne ist über die Straße gespannt: ENDURO, Motorradrennen von Uruara nach Placas, 70 Teilnehmer, schöne Preise, 17/07/05.

Ich würd es machen, flüstert Claudir Lindbergen Clotti, der den Laden Bom Preço besitzt, Bier, Dosenfisch, Kaugummi, Biskuits, ich würd es machen, aber nicht gratis.

Fünfzig?

Aber niemand darf mich sehen.

Wieso?

Es gibt hier keine Sägerei, die nicht Verbotenes tut.

Claudir holt sein Buschmesser und setzt sich in den Wagen. Er sagt: Mein Urgroßvater war Deutscher und fuhr nach dem Weltkrieg nach Brasilien, in den sechziger Jahren. Er sagt: Ich war Regenwaldinfanterist, und lebte ich heute in Rio, wäre ich Killer der Mafia.

Zwei Kilometer nach Placas, Richtung Altamira, im rechten Winkel zur Transamazônica, führt ein Weg nach Süden, vorbei an hohen toten Bäumen. Vieh weidet, dann Bananenplantagen, Maisfelder, Soja, der Weg wird immer steiler, immer schlechter, der Toyota schnaubt. Irgendwann, nach anderthalb Stunden, versperrt ein Zaun den Pfad, noch einer, noch einer, drei Frauen tragen Säcke auf dem Kopf, Kinder lachen, das sind, sagt Claudir Lindbergen Clotti, die Ärmsten der Armen. Es geschieht, sagt er leise, seit Jahren das Gleiche: Die Sägereien schicken ihre Truppen immer tiefer in den Wald, Holzfäller bauen verbotene Straßen bis ins Gebiet, das dem Staat gehört oder den Indianern. Die Armen folgen den Straßen, immer tiefer in den Wald, lassen sich dort nieder, roden, zerstören, bleiben nur drei, vier Jahre, weil die Sonne das meiste verbrennt und die Erde schlecht ist. Dann ziehen sie weiter, immer tiefer. So geht das, sagt Claudir, der vor Angst ein wenig schwitzt.

Wenn hier jemand kommt, sagt er, bleibe ich im Wagen.

Dann sind die Bäume hoch und dick, Regenwald, ein Vogel schreit in hohem Ton, Luftwurzeln hängen an Ästen, die Straße ist jung, erst aus dem Wald geschlagen, rote Erde, links und rechts zu Wällen geschoben, umgestoßene Bäume, das Laub noch frisch und grün. Spuren eines Raupenfahrzeugs.

Nach einer Biegung steht auf einmal ein Bagger da, zwei Männer sitzen auf seiner Schaufel und trinken, essen Tomaten, Claudir steigt nicht aus, die Männer, erschrockene Gesichter, zucken mit den Schultern und sagen, sie seien Bauarbeiter, bauten hier bloß einen schmalen Pfad.

Wozu?

Wissen wir nicht. Brauchen wir nicht zu wissen.

Holzfäller, flüstert Claudir vom Rücksitz, gewöhnliche kleine Holzfäller, ich kenne sie, die wissen, dass sie Verbotenes tun.

Die Erde riecht, es ist kühl im Wald, ein Vogel schreit. Am Rand der jungen Straße steckt ein Stock, vielleicht einen Meter hoch, an seinem oberen Ende ist ein Ast, zwei Kerben sind im Ast, das Zeichen dafür, dass in Pfeilrichtung zwei wertvolle Bäume stehen.

Ich höre eine Kettensäge, sagt Claudir, stell das Auto ab.

Warten. Stille.

Es riecht nach Friedhof, flüstert Claudir Lindbergen Clotti, dreißig Jahre alt und Vater zweier Töchter, lass uns schnell nach Hause fahren.

Die Transamazônica ist ein endloses Band, über Hügel und Bäche gelegt, durch Täler gezogen, links und rechts von Grünzeug gesäumt, Weiden, Busch, Sumpf, es ist Donnerstagabend.

Uruara: 57.000 Menschen, beginnt mit dem Fantasy Motel, einem Stundenhotel, mit der Sägerei Nettuno, der Sägerei Marajoara; die Stadt riecht nach verbranntem Holz, links ein Kettensägengeschäft, HUSQVARNA, Italian Pizza, die Metzgerei Fé em Deus, Metzgerei Gottvertrauen.

Nachts streunen Hunde.

Uruara riecht nach verbranntem Holz.

Freitag, nichts Neues, Sonne, Staub, kommt einer entgegen, hält man besser an.

Ein Lastwagen ohne Kennzeichen, beladen mit dicken Bäumen.

Rüschen im Frühstücksraum des Hotels Sinuelo zu Medicilandia, weiße Rüschen an Fenstern und Türen, drei Bilder an der Wand, Fichtenwald, Gletscher, Bergbach, der Ort riecht nach Fäulnis, Samstag.

In São Pedro, Kilometer 135, firmt Dom Erwin. Erwin Kräutler, Vorarlberger. Er ist Bischof der größten Diözese Brasiliens, Xingú, 365.000 Quadratkilometer weit. Seit vierzig Jahren ist er im Land, Erwin Kräutler kam, als die Transamazônica noch nicht war, diese Straße, die sein Leben bestimmt. Auf der Transamazônica schlug ihn, als er sich zu Zuckerrohrbauern setzte, die Militärpolizei nieder, 1983. Auf der Transamazônica, kurz vor Brasil Novo, überlebte er einen Mordanschlag, 16. Oktober 1987. Ein Lastwagen raste in seinen VW Golf. Kräutler war Präsident des Indianermissionsrates der Bischofskonferenz, die sich für die Rechte der Ureinwohner einsetzte und somit gegen die Begehrlichkeiten der Mächtigen, der Großgrundbesitzer, Holzfirmen, Bergbaufirmen. Sein Beifahrer war sofort tot, Padre Salvatore Deiana. Heute firmt Erwin Kräutler in São Pedro, Kilometer 135, dann zwölf Kilometer nach Norden, er trägt ein weißes Leibchen, Reklame gegen einen Staudamm: Amo o Xingú, VIVO, Ich liebe den Fluss Xingú, LEBEND. Er steht unter einem Palmendach, Papiergirlanden hängen, gefertigt aus einem Unterwäschekatalog, Luftballons, gelbe, rote, weiße, schließlich zieht Kräutler sein Messkleid über, die Stola. Er redet von Verantwortung, von Gemeinschaft, Solidarität, zeichnet dann den Menschen ein Kreuz auf die Stirn. Die Jüngste ist dreizehn, der Älteste fünfundfünfzig. Es ist ein Fest in São Pedro, zwölf Kilometer hinter der Transamazônica, die Frauen kochen Fleisch und Maniok. Die alte hölzerne Kirche ist auch Schulzimmer, Montag bis Samstag, an der Wand eine Zeichnung, o sistema solar, das Sonnensystem.

Erwin Kräutler sagt: Die Transamazônica ist gescheitert.

Sie lockte Arme an, zwei-, dreihunderttausend, aber keiner kümmerte sich um sie. Diese Straße dient letztlich den Mächtigen, die nicht hier wohnen, sondern in Manaus oder Belém. Für wenig Geld kaufen sie die Parzellen der Verzweifelten, kaufen immer mehr, vierzig, achtzig, hundert Parzellen, jede hundert Hektar groß, und roden und roden. Manche fliegen mit Flugzeugen über den Wald, schauen sich aus, was sie haben möchten, kaufen sich einen Notar, der alles besiegelt, dann einen Beamten, der alles bestätigt. Betrogenes Land. Und der Wald stirbt, er stirbt.

Bist du für den Asphalt?

Ach, sagt Erwin Kräutler, ach, es ist ein Fluch. Wäre die Transamazônica asphaltiert, wäre das Leben von so vielen leichter. Ich sah Bauern, die ihren Reis, weil die Straße nur Schlamm war, den Hühnern vorwarfen. Ich sah Leute sterben, weil man sie nicht zum Arzt bringen konnte. Aber wäre die Transamazônica asphaltiert, kämen Reiche. Und die trieben die Armen noch tiefer in den Wald.

Die Transamazônica, sagt Erwin Kräutler, sechsundsechzig Jahre alt, Bispo Prelado de Xingú, Pará, Brasil, dreifacher Ehrendoktor, Innsbruck, Luzern, Bamberg, diese Straße ist ein Widerspruch.

Jetzt spielen sie Bingo in São Pedro, Kilometer 135, und lachen und klatschen, es ist Samstagabend, plötzlich Nacht, der Toyota schaukelt, noch zwei Stunden bis Altamira. Nebel liegt in den Senken und mischt sich mit Staub, eine weiße Wand, keine Sicht hinter Brasil Novo.

 
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