Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Jürgen Habermas sich zu Recht schockiert darüber zeigte, dass der Philosoph Martin Heidegger noch 1953 eine Vorlesung aus dem Jahr 1935 veröffentlichte, in der er "die innere Wahrheit und Größe" der NS-Bewegung rühmt. Doch seit einigen Jahren lässt die noch nicht vollständige, im Vittorio Klostermann Verlag erscheinende Heidegger-Gesamtausgabe eine noch viel schlimmere Realität erkennen: Wir entdecken nämlich, dass Heidegger zu einer Zeit, als er gar nicht mehr dafür einstehen musste, in seinem Editionsplan ungerührt die Veröffentlichung einiger seiner unverhüllt nationalsozialistischen und hitlertreuen Schriften vorsah – ohne jede Einschränkung, ohne jede Reue.

Diese Situation verlangt nach einer Neubesinnung auf das Werk Heideggers. Was soll man von der "Philosophie" eines Autors halten, der in einer Vorlesung mit dem Titel Vom Wesen der Wahrheit die Wahrheit explizit mit dem Kampf für die Selbstbehauptung eines Volkes und einer Rasse identifiziert? Der "die Grundmöglichkeiten des urgermanischen Stammeswesens zur Herrschaft bringen" will und "die völlige Vernichtung" des den Wurzeln des Volkes aufgenötigten Feindes propagiert (Gesamtausgabe Bd. 36/37, S. 89 bis 91)? Ist diese rassistische Pervertierung des Wahrheitsbegriffs eines Philosophen würdig?

Was wir heute entdecken, ist dies: Heidegger hat 1929 in seinem Kant- Buch die Frage "Was ist der Mensch?" aufgegriffen, um sie in seinen Vorlesungen und Schriften der dreißiger Jahre in die Frage "Wer sind wir?" umzuformulieren. Heidegger will "einen Gesamtwandel" in der Existenz des Menschen herbeiführen, und zwar durch die "Umerziehung zur nationalsozialistischen Weltanschauung". Sie soll dem Volk durch die Reden des Führers gleichsam eingebläut werden (GA 36/37, S. 225). Kann man ernsthaft annehmen, es handle sich hier um eine vorübergehende politische Verirrung, die den Wert von Heideggers Buch Sein und Zeit aus dem Jahr 1927 nicht infrage stellt?

Meiner Meinung nach kann man das nicht. Wer so denkt, würde nämlich Heideggers eigenen, expliziten Äußerungen widersprechen. 1934 zum Beispiel erklärt er seinen Studenten, "die Sorge" – der zentrale Begriff in Sein und Zeit – sei "die Bedingung der Möglichkeit, daß der Mensch ein politisches Wesen sein kann" (GA 36/37, S. 218). Und ein Jahr später, nachdem die nationalsozialistische Bewegung an die Macht gelangt ist, heißt es: Das unter der Führung Hitlers vereinte deutsche Volk, "wir selbst", befinde sich "in einer noch größeren Entscheidung" als derjenigen, die am Ursprung der griechischen Philosophie gestanden habe. Diese Entscheidung, erläutert er, "ist in meinem Buch Sein und Zeit zum Ausdruck gebracht". Es geht Heidegger um einen "Glauben, der durch die Geschichte erwiesen werden muß", und dieser Glaube betreffe "die Geistesgeschichte unseres Volkes" (GA 36/37, S. 255).

Mit einem Wort: Am Fundament von Heideggers Werk findet man keinen philosophischen Gedanken; man findet den völkischen Glauben an die ontologische Überlegenheit eines Volkes und eines Stammes. Liest man daraufhin in Sein und Zeit die Abschnitte über Tod und Geschichtlichkeit (mit ihrem Lob des Opfers), liest man ferner die Abschnitte über die Wahl der Helden und des authentischen Geschicks des Daseins in der Volksgemeinschaft, dann sieht man, dass Heideggers völkischer Glaube schon 1927 am Werk war.

Wie viel Rassismus steckt im mythischen Seinsdenken?

Bei Heidegger ist die Frage nach dem Menschen eine völkische Frage geworden. In diesem Sinne spreche ich in meinem Buch von einem Willen, die Nazi-Ideologie in die Philosophie einzuführen. Gewiss, keine Philosophie kann mit einem Unternehmen übereinstimmen, dessen Ziel darin besteht, Menschen zu vernichten. Ich will also nicht behaupten, dass Heidegger eine nationalsozialistische Philosophie hervorgebracht hat. Ich will sagen, dass er nicht zögerte, philosophische Begriffe wie "Wahrheit des Seins" oder "Essenz des Menschen" zu verwenden, um mit ihnen etwas ganz anderes auszudrücken.