Der ehemalige Auschwitz-Häftling Rudolf Vrba flüchtet sich in Ironie, wenn er nach dem Schicksal seiner Peiniger im Konzentrationslager gefragt wird. Lediglich 20 standen in Frankfurt vor Gericht, "der Rest hat sich in der Bevölkerung wieder aufgelöst." Der Ausgang des Auschwitz-Prozesses, der am 20. August 1965 endete, verbitterte viele Opfer. Denn die Strafen für die angeklagten SS-Schergen fielen milde aus: Sechs Mal lebenslang, elf weitere Haftstrafen wegen Beihilfe zum Mord und drei Freisprüche. So reagierte die deutsche Justiz auf den Massenmord an Juden, Behinderten, Sinti und Roma.

Das Ende des Prozesses wurde in aller Welt mit Kritik aufgenommen. Die ZEIT zog damals Bilanz und lies die Weltpresse zu Wort kommen. Die einhellige Meinung der Kommentatoren: Mit den Urteilen verhöhnen die Richter die Opfer.

Dabei lag die Bedeutung des Prozesses nicht vornehmlich in der Bestrafung der Täter, sondern in der öffentlichen Schilderung der Gräuel und darin, dass sich das Land mit der Schuld der ganz "normalen" Deutschen auseinandersetzen musste. Der Prozess löste die Kulturrevolution der 68er aus, für die die Schuld der Väter ein zentrales Thema wurde. Der Historiker Wolfgang Benz nennt den Prozess ein "Schlüsselereignis, das den nationalsozialistischen Terror und die ‚Endlösung der Judenfrage’ in grellstes Licht stellte." Der größte deutsche Mordprozess, für den die Ankläger rund 15. 000 der etwa 1,2 Millionen Mordtaten rekonstruiert hatten, wurde für die Deutschen zum "Wendepunkt der Erinnerung", sagt der Direktor des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, Micha Brumlik.

Allerdings war unter Juristen und auch in der deutschen Öffentlichkeit umstritten, ob und in welcher Weise diese Verbrechen verfolgt werden durften. Am 28. Februar 1964 veröffentlichte die ZEIT eine juristische Analyse des Auschwitz-Prozesses, der damals schon seit drei Monaten währte.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende hatten sich die Menschen in der Bundesrepublik mit der Nazi-Vergangenheit arrangiert, für die der überwiegende Teil der Bevölkerung ohnehin eine kleine Gruppe verantwortlich machte. Die von den Alliierten begonnene und hastig beendete "Entnazifizierung" wurde von weiten Bevölkerungsteilen als aufgezwungenes Unrecht verstanden, mit dem das Thema aber gleichwohl abgegolten sei. Ein großer Teil der national-sozialistischen Funktionselite hatte es zu ansehnlichen Posten in den beiden neuen deutschen Staaten gebracht.