Am Tag, als die Berliner Härte öffentlich-rechtlich wurde, war der Grusel groß. Zur späten Abendstunde, die Kleinsten schliefen bereits, flackerte zwischen den neuesten Arbeitslosenzahlen und den von Hurrikan Dennis angerichteten Verwüstungen ein Gespenst über den Bildschirm, dem nur mit moderatorischen Extremmaßnahmen zu begegnen war. Lange habe die Redaktion diskutiert, ob man sich dem Thema überhaupt nähern wolle, aber totschweigen – geht das denn? Im Folgenden öffnete sich ein Ausschnitt von eineinhalb Minuten, in dem gezeigt wurde, wie ein großflächig tätowierter Mann im Luxusschlitten durch die Stadt fuhr, wüste Dinge von einer Bühne herabschrie und sich dafür von den Teenagern im Publikum feiern ließ. Nachdem der Spuk vorbei war, lockerte sich die versteinerte Miene von heute-journal-Moderator Claus Kleber ein wenig, und er wagte, gleichsam als Moral der Geschichte, so etwas wie einen Rap. »Bushido lacht sich bestimmt krank« – Kunstpause – »auf seinem Weg zur Bank.«

Der Mann, von dem die Rede war, saß unterdessen zu Hause auf seiner Riesenpornocouch für 8.000 Euro vor seinem Superplasmabildschirm für 5000 Euro – und lachte sich tatsächlich krank. Bushido, der »King of Kingz«, Rapper aus Berlin-Tempelhof, Vater Araber, Mutter Deutsche, berüchtigt für seine jugendverderberischen Texte, live im ZDF – und dann trifft der Fernsehtyp auch noch den Nagel auf den Kopf! Gern würde Bushido dem Menschen mal die Hand schütteln und sagen: Coole Sache, Alter. Damit er merkt, was jeder merkt, der ihm gegenübersitzt: dass Anis Mohammed Yussuf Ferchichi, wie Bushido bürgerlich heißt, ein angenehmer und gebildeter Gesprächspartner ist, solange man ihm mit Respekt begegnet. Keineswegs muss er 24 Stunden am Tag den Charakter nach außen kehren, den er in seinem jüngsten Hit Carlo Cokxxx Nutten 2 verkörpert: einen Wortkrieger aus der Berliner Halbwelt mit enormen Qualitäten als Beischläfer und Drogenverticker. Ganz ohne Schrecken allerdings geht es nicht. »Ich spiel damit, auch mit diesem Buh-Effekt.« Schließlich ist die Härte der Reime das Berliner Markenzeichen. Und einen guten schlechten Ruf zu verlieren hat man auch.

Der Buh-Effekt ist das kostbarste Kapital, das derzeit in der frisch gekürten Rap-Metropole zirkuliert. Lange Zeit schien gar nichts zu gehen, werkelte die Szene ausschließlich im Verborgenen vor sich hin. Die musikfernsehende Welt schaute nach Stuttgart oder Hamburg, wo die Gymnasiasten das Sagen hatten, allenfalls ein paar besprühte U-Bahn-Züge und schlecht produzierte Tapes zeugten vom Treiben im Untergrund. Dann stieß Sido an die Oberfläche, der Mann mit der Maske, der zu einem Streifzug durchs Märkische Viertel lud, wo die Stütze-Empfänger wohnen und die Häuser 16 Stockwerke haben (ZEIT Nr. 32/04: Der Bauch Berlins ). Dealer, Eckensteher und Pitbull-Halter geisterten durch das Video zu seiner gerappten Sozialstudie Mein Block, und plötzlich war es, als habe sich die Tür zu einer Unterwelt geöffnet, in der Gestalten namens King Orgasmus One, Prinz Porno oder Der Soziopathe ihr Unwesen treiben. Rapper, die zuvor niemand zur Kenntnis nahm und die wohl auch weiterhin niemand zur Kenntnis genommen hätte, stünden sie nicht plötzlich in enormer medialer Vergrößerung vor den Kinderzimmern und machten: Buh!

Inzwischen ist eine unübersichtliche und für viele profitable Gemengelage entstanden. Bürgerliche Teenager, die sich von echten Kerlen aus dem Problemkiez mit Gruseln über dunkle Geschäfte und bizarre Sexualpraktiken aufklären lassen, während mehr oder weniger berufene Instanzen die Stirn runzeln – wann hat es das zuletzt gegeben? Eine Musik steht zur Verhandlung, die nicht gecastet ist, sondern polarisiert, Verrohungsdebatten und Indizierungen inklusive. Kamerateams rücken an und stöbern in dunklen Ecken Berlins nach noch härterem Stoff, die Elite des bösen Rap provoziert unterdessen weiter den Mainstream. Seit auch noch Fler, der Jüngste der Bösen, mit Frakturschrift und Reichsadler eine »Neue Deutsche Welle« ausrief und die gesamte Szene in den Verdacht geriet, die fünfte Kolonne des Rechtsextremismus zu sein, kommen sogar Beobachter aus dem Ausland, um in der alten Frontstadt nach dem Rechten zu sehen. Bei Bushido hat sich ein Reporter der New York Times angesagt. Die Sache sei extrem wichtig, sagt Bushido und fährt mit der Hand über sein strichdünnes Backenbärtchen: Morgen früh muss er unbedingt noch zum Friseur.

Erster Befund auf der Suche nach einem Milieu: Die Heimkinder und Migrantensöhne, die den harten Kern von Berlins HipHop-Szene bilden, genießen das Interesse der Offizialkultur. So viel Aufmerksamkeit wurde ihnen in ihrem gesamten bisherigen Leben nicht zuteil. Rasant haben sie dazugelernt und wuchern mit ihrem Pfund, wenn immer neue Delegationen aus Politik und Fernsehen eintreffen. Was die Bundesprüfstelle anbelangt – soll sie doch weiter indizieren, das belebt das Geschäft! Aggro Berlin, die unabhängige Plattenfirma, die die Härte zum Markenzeichen machte, bekam im laufenden Jahr zweimal Gold; Bushido, der bei der siechen Industrie gelandet ist, kurvt mittlerweile im 7er BMW durch den Kiez. Jetzt gilt es, am Image zu feilen, ohne sich dabei zu verrenken. Denn manchmal wirken die Helden des Härte-Raps bereits wie Darsteller in einer Reality-Soap: Sido, der Lustige, Bushido, der Gentleman-Provokateur, Fler, der hässliche Deutsche. Was zum zweiten Befund führt: Der böse Rap ist eine Welt der Rollenspiele und wundersamen Verwandlungen. Im einen Moment verschwinden die Protagonisten in ihrer Kunstfigur. Im nächsten sind sie wieder nette Jungs aus der Nachbarschaft.

Zum Beispiel Robert Davis alias B-Tight: Das Cover seiner CD Der Neger (in mir) zeigt einen muskelbepackten Ghetto-Gangster in extremer Aktion. Die Tür seiner hübsch eingerichteten Wohnung im Stadtteil Wedding öffnet ein eher feingliedriger junger Mann mit Brille und flaumigem Bärtchen. »Künstlerische Freiheit«, findet B-Tight, Sohn einer Deutschen und eines Afroamerikaners – man muss auch ein bisschen übertreiben dürfen. Er führt ins »Ghetto-Zimmer«, wo Tony D gerade Ego-Shooter spielt. Tony D ist halber Libanese, ein paarmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, »das Übliche eben«, nichts wirklich Ernstes. Dass er momentan ein Fußleiden kuriert, hindert ihn nicht daran, als Rapper zum »Damager« zu werden, der alle Konkurrenten von der Platte putzt.

»Ficken« wird das in den Texten des Härte-Rap ebenso durchgängig wie unermüdlich genannt, »Ich fick dich«, »Ich fick dich zurück«, »Jetzt fick ich dich aber erst recht«, eine Praxis, die nicht nur auf persönliche Rivalitäten begrenzt ist. Die eine Gang fickt die andere, der Wedding fickt Lichtenberg, Lichtenberg Schöneberg, Schöneberg Tempelhof, Berlin insgesamt den ganzen Rest, der Extremfick ist der »Kopfschuss«: Peng, du bist tot. Im Hauptstadt-Rap sei das nichts Besonderes, finden Tony und BTight, der Witz liegt für sie in Pose, Variante und Steigerung. Übertreibungen stellen sich automatisch ein, wenn man sich auf der Straße durchsetzen muss, Autoritäten anflehen gilt als »schwul«. Das, noch ein Befund, ist den meisten Berliner Rappern gemeinsam: Sie sind in einem Umfeld groß geworden, in dem jeder Konflikt untereinander geregelt wird. Im Zweifelsfall behält der die Oberhand, der das größere Maul hat. Oder den krasseren Cousin.