Rap-Musik Avantgarde der HärteSeite 3/3
Am Abend desselben Tages treffen sich B-Tight, der »krasse Neger« und Tony D, der »Araber« in einem Neuköllner Studio, um letzte Hand an ihren jüngsten Streich zu legen. Die Herbstoffensive aus dem Hause Aggro steht bevor, die beiden sollen zur Ehre der Firma und zur Mehrung des eigenen Ruhms noch einmal allerhärteste Berliner Härte zu demonstrieren. Eine leichte Aufgabe ist das nicht, denn inhaltlich stagniert der Hauptstadt-Rap. »Das ist nur das Vorspiel, am 8.8. wird Deutschland gefickt!«, brüllen B-Tight und Tony D nach Leibeskräften ins Mikro, was folgt, ist die bekannte Suada aus Verwünschungen und Imponiergehabe, bei der das Leitmotiv »Ficken« zum Rammdösigwerden oft wiederholt wird, bevor endlich der Pizzabote kommt und das Abendessen bringt: Auch die Härtesten müssen irgendwann mal Pause machen.
Als Augenzeuge der Fabrikation der Provokationen fragt man sich, was passieren wird, wenn sich draußen im Land herumspricht, was die wahrscheinlichste Lösung des Suchrätsels Härte-Rap ist: dass die vielen F-Wörter so gewaltsam sind wie die eingebaute Vorfahrt in einem S-Klasse-Mercedes. Dass sie nichts anderes besagen als: Hoppla, hier komm ich! Dass es sich, mit anderen Worten, um eine bloße Form handelt, die die Wünsche und Ängste der Betrachter auf sich zieht und folglich genau jene Macht ausübt, die man ihr zugesteht. Wer nicht an Gespenster glaubt, erlebt den Sprechgesang Berliner Prägung in diesem Herbst nämlich vor allem als heiß gelaufene Ego-Maschine, die unter hoher Lärmentfaltung um die Tatsache ihres eigenen Erfolgs kreist. Es geht nur noch darum, sich so hart zu machen wie die Verhältnisse – nicht um sie zu brechen, sondern um von ihnen zu profitieren. Bis diese Erkenntnis sich durchsetzt, muss das Böse sich selbst anpreisen, um nicht jetzt schon als Ladenhüter zu enden. Heiße Ware heißt der neue Hit in spe von B-Tight und Tony D. Das Album, das in Kürze herauskommt, trägt den neckischen Titel Indexgefährdet.
Ob die Bundesprüfstelle das unmoralische Angebot annehmen wird, stand bei Redaktionsschluss nicht fest, doch unlängst setzte sich Monika Griefahn mit Sido für die Bravo zu einem »Krisengipfel« zusammen. »Sido, aus dir ist was geworden«, ging die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien in die Offensive. »Mach was draus, und trag dazu bei, dass unsere Gesellschaft und unsere Sprache besser werden!« – »Das tue ich!«, konterte Sido. Erst vor kurzem sei er wieder vor eine Schulklasse getreten, »und ich weiß: Bei diesen Kindern habe ich etwas bewegt!« Der Bock als Gärtner – das hat natürlich wieder ein Riesengewieher hinter den Kulissen gegeben. Sieger nach Punkten in diesem Kampf ist eindeutig Sido, zumal anzunehmen ist, dass Monika Griefahn die hinreißende Komik der Situation entgangen sein wird. So beweist dieser Krisengipfel wenigstens eine verloren geglaubte Wahrheit: Jugendkultur ist, wenn die Erwachsenen es nicht verstehen.
- Datum 02.05.2008 - 04:17 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.08.2005 Nr.34
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Guten Morgen
Ein schönes "Morgen"
Während verblichene Jugendkulturen immer etwas anderes suchten, Sehnsucht und Recht auf einen lebenswerten Gefühlshaushalt ausdrückten, nach Besserem strebten hat die Kommerzialisierung nun den Sieg davongetragen. (Scheiden vom wachsen schmerzt und will sublimiert werden)
Haben ist alles, gleich vor "das steht mir zu" das bekomme ich.
Vorbei die Suche, das Experiment schon in der Kindheit; die Jugend verbraucht.
Die "Erwachsenen" können Stolz auf ihr geliefertes Vorbild deren Varianz in Vielseitigkeit, Subtilität und Intensität mindestens mangelhaft ist.
der ganze Artikel macht den Eindruck, als hätte Thomas Gross zwar die üblichen Verdächtigen interviewt, aber die Musik nicht wirklich gehört.
Prinz Porno in einem Satz mit Bushido und Frauenarzt zu nennen ist ziemlich ungeschickt, da doch gerade er durch gut durchdachte, gesellschaftskritische Texte bekannt und beliebt geworden ist.
Immerhin "Jugendkultur ist, wenn die Erwachsenen es nicht verstehen." - wie wahr, wie wahr. Auf der einen Seite bejammern die Medien das Neospiessertum der Jugendlichen, ihre Angepasstheit und das Revival traditioneller Werte (zum Beispiel im genialen "Spiesser-Schwerpunkt" im ZEIT Zuender Magazin), auf der anderen Seite beklagt man die Popularität von "Killerspielen" und "Pornorap". Kann man es als Junger Mensch der Gesellschaft eigentlich noch recht machen? Wie?
solche Fragen stellte man auch angesichts eines "your trick with fruit was kinda cute" oder "brown sugar". Der Titel des Liedes, aus dem das erste Zitat stammt, wurde kurzerhand in "Starbucker" umgetextet, Live in Paris war dann wieder O-Ton. Da sollen uns Rapper schrecken? Eine Lachnummer. Woodstock generierte eine ganze Generation von Bekifften, deren Idole reihenweise den Drogentod oder Entziehungskuren erfuhren. Sie sind die, die heute als mittlere Generation für das Wohl und Wehe dieser Welt verantwortlich zeichnen. Wenn das, vor allem bei sog. Gangsta-Rappern analog läuft, wird auch das sich bald biologisch oder per Magnum erledigt haben. Kein Wunder, dass sich da der eine oder andere klammheimlich ins Fäustchen lacht, wenn er die Bühnenattitüde abgelegt hat.
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