Interview »Sonst zahlen wir einen furchtbaren Preis«
Bill Clinton sucht Mitstreiter in seinem Kampf gegen Aids, gegen die Armut in den Entwicklungsländern und den Klimawandel. Ein ZEIT-Gespräch mit dem früheren amerikanischen Präsidenten
Herr Präsident, Sie haben ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen, die Clinton Global Initiative. Die erste Konferenz findet Mitte September in New York statt. Warum diese Initiative?
Bill Clinton: Die Idee kam mir im Gespräch mit Freunden, die zum Beispiel die Aids-Arbeit meiner Stiftung unterstützen. Die mir sagen: Ich interessiere mich für den Klimawandel, für Aids, für den Kampf gegen Armut oder Malaria. Und die fragen: Was kann ich tun?
Auch voriges Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos habe ich festgestellt, dass mehr und mehr Leute diese Fragen stellen. Gut, habe ich mir gesagt, da ich in New York lebe und jedes Jahr zu Beginn der UN-Sitzungsperiode die führenden Politiker der Welt hierher kommen, sollten wir versuchen, Unternehmen und NGO-Chefs zusammenzubringen. Sie sollen dann hier in New York miteinander ins Gespräch kommen – mit dem Ziel, bestimmte Verpflichtungen zu übernehmen.
Ich möchte Leuten die Gelegenheit geben, zunächst einmal zu erfahren, welche Optionen sie haben bei Klimawandel und Energie sowie bei der Linderung der Armut. Ferner geht es darum, mit wirtschaftlichen Anreizen die Aussöhnung zwischen den Religionen und gutes Regieren (good governance) in armen Ländern zu fördern.
ZEIT: Ihre Konferenz findet zeitgleich mit dem Millenniums-Gipfel der Vereinten Nationen statt, die Agenda scheint mir ziemlich ähnlich zu sein. Was kann Ihre Initiative erreichen, das der UN-Gipfel nicht schaffen kann?
Clinton: Unsere Initiative legt ihren Fokus stärker auf den privaten Sektor. Und wir werden den Leuten ein Formular in die Hand drücken, das sie am Ende der Konferenz ausfüllen sollen. Wir werden sie bitten, ganz präzise Verpflichtungen einzugehen, im nächsten Jahr in einem der vier genannten Bereiche aktiv zu werden und uns anschließend Rechenschaft zu geben.
Ich möchte dies zehn Jahre lang machen, um zu sehen, ob wir eine messbare Wirkung bei diesen globalen Problemen erzielen können. Ich will den Millenniums-Gipfel unterstützen, nicht mit ihm konkurrieren.
ZEIT: Wie stellen Sie sicher, dass dies nicht bloß ein weiteres Davos wird?
Clinton: Zunächst mal fordern wir die Leute auf, Verpflichtungen einzugehen. Und die meisten werden sie auch einhalten. Zweitens berichten wir über diejenigen, die ihre Verpflichtungen eingehalten haben. Wer das nicht tut, wird im nächsten Jahr nicht wieder eingeladen.
ZEIT: Die Bekämpfung der Armut, vor allem in Afrika, war ein Hauptthema beim G8-Gipfel. Wie ernst ist es den Industrieländern mit ihren Zusagen?
Clinton: Sie werden ihre Zusagen einhalten, wenn zwei Dinge geschehen. Erstens, wenn die Afrikaner mit dem neuen Geld vernünftig umgehen. Zweitens, wenn es einen Mechanismus gibt, der den Prozess des good governance lebendig hält durch regelmäßige Wahlen.
ZEIT: Ohne good governance also kein Erfolg?
- Datum 18.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie cvd
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.08.2005 Nr.34
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Das ZEIT-Interview mit Bill Clinton erinnert an gute alte Zeiten: Als die USA 1948 dem kriegszerstörten Europa, insbesondere auch uns Deutschen, mit dem Marshall-Plan großzügig auf die Beine halfen. Der Marshall-Plan leitete eine Entwicklung ein, die zu Demokratie, Wohlstand und Aussöhnung zwischen Erzfeinden führte, also zum Frieden. Für diese Entwicklung sollten wir noch heute dankbar sein. Das Interview erinnert aber auch an Al Gores Buch Wege zum Gleichgewicht ein Marshall Plan für die Erde, mit dem der beinahe US-Präsident des Jahres 2000 bereits 1992, also während des Ausbruchs der weltwirtschaftsbeherrschten Globalisierung, eine neue Ära einzuleiten versuchte: Nach der Überwindung des Hitler-Regimes durch einen furchtbar wütenden Zweiten Weltkrieg und nach der Überwindung des Kalten Krieges in einem irrsinnigen Rüstungswettlauf, sah Al Gore die Zeit gekommen, nun endlich alle politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, technischen und kulturellen Kräfte auf das Überleben unseres Heimatplaneten Erde zu richten. Dies hat die gegenwärtige Form der Globalisierung leider vergessen. Wenn Bill Clinton nun Mitstreiter in seinem Kampf gegen Aids, gegen die Armut in den Entwicklungsländern und den Klimawandel sucht, so weckt diese einst mächtige Stimme ganz leise Hoffnungen. An Mitstreitern dürfte es jedenfalls nicht scheitern. DIE ZEIT müsste ihn nur auf die Global Marshall Plan Initiative aufmerksam machen, genau so, wie die deutschen Leser, als Elisabeth von Thadden in der Ausgabe Nr. 24 schrieb:
Die Impulse für eine Welt in Balance, zum Buch zusammengetragen von einer Gruppe aus Wissenschaftlern, Ökonomen, Politikern, Kirchenleuten, die sich Global Marshall Plan Initiative nennt, möchten im Grunde nur eins: Weil eine Welt aus den Fugen ist, in der 30000 Kinder täglich an Hunger, dreckigem Wasser und Elendskrankheiten sterben, während jeden Tag 2,84 US-Dollar für die Subventionen einer europäischen Kuh aufgebracht werden, muss ein neues Gleichgewicht her und zwar, indem die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das Jahr 2015, unterzeichnet von 191 Ländern, endlich umgesetzt werden.
Die Wege zum Gleichgewicht sind in den USA, Europa und weltweit bekannt; Wege, die nicht nur in transatlantischer, sondern auch in internationaler und interkultureller Zusammenarbeit zu mehr globaler Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden, auch mit der Natur, führen könnten. Kriege tun dies nicht. Auch Kriege gegen den Terrorismus nicht.
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