Interview »Sonst zahlen wir einen furchtbaren Preis«Seite 4/4

ZEIT: Ein Anliegen Ihrer Initiative ist es, Religion als versöhnende Kraft zu stärken. Sehen wir nicht genau das Gegenteil? Verhärten sich nicht wegen des islamistischen Terrors zwischen den Religionen die Fronten?

Clinton: Natürlich. Und dann gibt es auch eine religiöse Revolte gegen die Globalisierung, und zwar bei denen, die sich ausgegrenzt, abgehängt oder verletzt fühlen. Und offensichtlich gibt es vielerorts eine Reaktion auf den islamischen Fundamentalismus. Aber wir müssen einen Weg finden, die Religiosität von Milliarden Menschen so aufzunehmen, dass er unsere gemeinsame Humanität betont statt unsere ideologischen und politischen Differenzen. Das ist sehr, sehr wichtig. Dort, wo dies geschieht, ist die Welt besser geworden. Wo dies nicht geschieht, zahlen wir einen furchtbaren Preis.

ZEIT: Könnte in unseren Ländern ein christlicher Fundamentalismus aufkommen als Antwort auf den islamischen Fundamentalismus?

Clinton: Zunächst einmal glaube ich, dass es eine Empfänglichkeit dafür gibt. Ich glaube aber nicht, dass dies ein Problem ist, solange daraus nicht eine ultrarechte, fremdenfeindliche Agenda erwächst. Die fundamentalistischen Christen in unserem Land sind zumeist superkonservative Republikaner, für mich haben die nicht gestimmt. Aber zugleich sind sie vorneweg gewesen beim Kampf gegen Aids und gegen die Armut. Wir sollen also religiöse Menschen dafür gewinnen, so zu handeln, dass sie eine einigende Kraft sind, nicht eine, die aus religiösen Überzeugungen heraus spaltet.

ZEIT: UN-Generalsekretär Kofi Annan möchte die Vereinten Nationen erneuern. Dazu gehört die Reform des Sicherheitsrates. Deutschland will darin ständiges Mitglied werden, die amerikanische Regierung widersetzt sich diesem Wunsch. Sollte Deutschland in den Sicherheitsrat?

Clinton: Absolut, ich denke, ja. Deutschland sollte dazugehören und Japan auch. Wahrscheinlich auch Indien. Die Lateinamerikaner sollten einen Sitz bekommen, entweder für Brasilien oder einen rotierenden Sitz.

Lassen Sie mich sagen, was wirklich das Problem ist. Ich weiß, dass Amerika und Deutschland in dieser Sache über Kreuz sind. Ich weiß, was los ist, weil ich in meiner eigenen Regierung die gleiche Debatte hatte. Um alle regionalen wirtschaftlichen und politischen Probleme, einschließlich derjenigen Afrikas, angehen zu können, brauchen Sie einen Rat mit 24 Mitgliedern. Viele Diplomaten in den Vereinigten Staaten sagen aber, dass ein solcher Rat zu schwerfällig, dass er ein schreckliches Problem sein würde.

Ich hatte die gleiche Debatte, als ich Präsident war. Ich bin am Ende zu dem Schluss gelangt, dass es wichtiger ist, im Sicherheitsrat politisch agieren zu können, als ihn auf eine leicht zu handhabende Größe zu reduzieren. Der Präsident ist heute in einer anderen Lage. Aber ich glaube, auf sicherem Boden zu sein, wenn ich sage: Welche Differenzen die deutsche und die gegenwärtige amerikanische Regierung auch immer gehabt haben mögen – das Problem sind die Diplomaten im State Department, die einfach keinen Sicherheitsrat mit 24 Mitgliedern haben wollen. Deshalb zögert Amerika.

Ich weiß, dass Madeleine Albright, die unsere Botschafterin bei den Vereinten Nationen war und die einen ständigen Sitz Deutschlands und Japans befürwortete, besorgt war über einen Rat mit 24 Sitzen. Aber ich glaube, wir können die politischen Probleme, die wir mit Lateinamerika, mit Indien, mit Afrika haben, ohne einen größeren Sicherheitsrat einfach nicht lösen. Meiner Meinung nach hätten Deutschland und Japan schon vor Jahren im Sicherheitsrat sitzen sollen.

Die Fragen stellte Matthias Nass

 
Leser-Kommentare
  1. Das ZEIT-Interview mit Bill Clinton erinnert an „gute alte Zeiten“: Als die USA 1948 dem kriegszerstörten Europa, insbesondere auch uns Deutschen, mit dem „Marshall-Plan“ großzügig auf die Beine halfen. Der Marshall-Plan leitete eine Entwicklung ein, die zu Demokratie, Wohlstand und Aussöhnung zwischen Erzfeinden führte, also zum Frieden. Für diese Entwicklung sollten wir noch heute dankbar sein. Das Interview erinnert aber auch an Al Gores Buch „Wege zum Gleichgewicht – ein Marshall Plan für die Erde“, mit dem der „beinahe US-Präsident des Jahres 2000“ bereits 1992, also während des Ausbruchs der weltwirtschaftsbeherrschten Globalisierung, eine neue Ära einzuleiten versuchte: Nach der Überwindung des Hitler-Regimes durch einen furchtbar wütenden Zweiten Weltkrieg und nach der Überwindung des Kalten Krieges in einem irrsinnigen Rüstungswettlauf, sah Al Gore die Zeit gekommen, nun endlich alle politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, technischen und kulturellen Kräfte auf das Überleben unseres Heimatplaneten Erde zu richten. Dies hat die gegenwärtige Form der Globalisierung leider vergessen. Wenn Bill Clinton nun „Mitstreiter in seinem Kampf gegen Aids, gegen die Armut in den Entwicklungsländern und den Klimawandel“ sucht, so weckt diese einst mächtige Stimme ganz leise Hoffnungen. An Mitstreitern dürfte es jedenfalls nicht scheitern. DIE ZEIT müsste ihn nur auf die Global Marshall Plan Initiative aufmerksam machen, genau so, wie die deutschen Leser, als Elisabeth von Thadden in der Ausgabe Nr. 24 schrieb:
    „Die Impulse für eine Welt in Balance, zum Buch zusammengetragen von einer Gruppe aus Wissenschaftlern, Ökonomen, Politikern, Kirchenleuten, die sich Global Marshall Plan Initiative nennt, möchten im Grunde nur eins: Weil eine Welt aus den Fugen ist, in der 30000 Kinder täglich an Hunger, dreckigem Wasser und Elendskrankheiten sterben, während jeden Tag 2,84 US-Dollar für die Subventionen einer europäischen Kuh aufgebracht werden, muss ein neues Gleichgewicht her – und zwar, indem die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das Jahr 2015, unterzeichnet von 191 Ländern, endlich umgesetzt werden.“

    Die „Wege zum Gleichgewicht“ sind in den USA, Europa und weltweit bekannt; Wege, die nicht nur in transatlantischer, sondern auch in internationaler und interkultureller Zusammenarbeit zu mehr globaler Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden, auch mit der Natur, führen könnten. Kriege tun dies nicht. Auch „Kriege gegen den Terrorismus“ nicht.

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