Maigret-Romane enden nicht auf der letzten Seite. Unbeirrbar steuert die Geschichte auf ihr schlechtes Ende zu, das Recht siegt, aber Gerechtigkeit sieht anders aus. Also ist Maigret unzufrieden, also ist der Leser unzufrieden, also wollen beide mehr, warten auf den nächsten Fall, den nächsten Mord, den nächsten Beweis, dass die Welt nicht fair ist. Simenon schrieb vom "dumpfen Ton in meinem Werk, der überall zu spüren ist, und dieser kalten, hellsichtigen Verzweiflung".

Von Marlowe, Poirot, Holmes, Wallander, Brunetti mag jeder sein (Film-)Bild im Kopf haben, von Maigret ist es vor allem die Stimme. Muffig brummelnd, bei Bedarf scharf und laut, wenn ihm bei aller gebotenen Melancholie und Gleichgültigkeit der Kragen platzt. In Deutschland ist es die Stimme Paul Dahlkes, und es ist dieser einlullende Klang, der den angenehm karg instrumentierten Maigret-Romanen Dauer verleiht. Fünf Hörspiele von 1958 und 1961 veröffentlicht der Audio Verlag in einer Sonderedition, und sie bewahren – über allen Retro-Reiz und Edgar-Wallace-Charme hinaus – jene anheimelnde existenzielle Leere, die Simenon (1903 bis 1989) zum Vorläufer Albert Camus’ gemacht hat. In Maigret und seine Skrupel kennt er die Motive, die Täter, den Hass und die Liebe, nur der Mord fehlt. Auf den wartet er, den kann er nicht verhindern. Oder er klärt – in Maigret und die Groschenschenke – ein altes Verbrechen und verhilft dem Mörder (wunderbar gelangweilt: Horst Frank) zur ersehnten Ruhe.

"Maigret macht Ferien" nennt der Diogenes Verlag seine saisonale Werbeaktion für Simenon/Maigret und trifft den Kern. In Urlaub sein oder, noch konsequenter, in Pension erweist sich als der ideale Zustand für Maigret, aus diesem Gefühl heraus entstehen die osmotischen Gedanken, jenes beiläufige Kombinieren, das Verstehen aus Intuition, nicht unbedingt aus Intellekt ("Ich ziehe nie Schlüsse, ich glaube nie etwas"). Mit einem voyeuristisch teilnehmenden und deshalb unverstellten Blick aus der Distanz sieht er die Welt. Maigret stopft seine Pfeife, raucht, erzeugt – wie jeder Pfeifenraucher – zugleich Abstand und Nähe, nebelt den anderen ein und verschafft sich selbst Zeit und damit Klarheit. "Sie erlauben doch, dass ich meine Pfeife weiterrauche?" Und so ist es unglaublich beruhigend und (ent)spannend, zuzuhören, wie das Leben unbeirrt seinen Lauf (zum Tode) nimmt.

Um die 400 Romane hat Georges Simenon geschrieben. Hier sind fünf Hörspiele, dazu ein sehnsüchtiges Feriengefühl, ein guter Anfang.