Komiker Der Abendschüler

Der Komiker Kurt Krömer tritt als Berliner Hartz-IV-Empfänger auf. Mit derben Witzen trifft er den Zeitgeist.

Fünf Minuten, höchstens, dann hat Kurt Krömer den Saal im Griff. Dann hat er im Westberliner Kabarett-Theater Die Wühlmäuse den Zwischenrufer, der ihn mit Du Pottsau begrüßt hatte, ausgekontert mit dem Satz Ich habe euch tausendmal gesagt, ihr sollt die Leute aus Spandau nicht reinlassen. Krömer hat den Spacko dahinten zum Schweigen gebracht und sich zwei Zuspätkommer vorgeknöpft: Saallicht! Wo kommt ihr jetzt her? Fünf Minuten, die Krömer reichen, um seinem Ruf als kommender Kabarettstar gerecht zu werden.

Seit über zehn Jahren spielt Alexander Bojcan Kurt Krömer auf Kabarettbühnen. Und wer freitags kurz vor Mitternacht durch die dritten Programme und 3sat schaltet, der hat auch gute Chancen, in der Kurt Krömer Show zu landen, die seit Frühjahr 2004 produziert wird. Da holt sich der 30-Jährige Gäste auf die Bühne, unter anderen Gregor Gysi, Nora Tschirner und Hellmuth Karasek. Die scheinen sich nach den Drei-Minuten-Gesprächen irritiert zu fragen, was Krömer jetzt eigentlich von ihnen wollte - wenn er sich etwa bei dem Schauspieler Matthieu Carriére erkundigt: Dein Name klingt nicht gerade türkisch. Lebst du in Paris? Und warum die 400 Menschen im Publikum darüber lachen. Die Verwunderung ist verständlich. Was ist schon komisch daran, wenn jemand im Kunstfaserhemd, mit bunter Krawatte und Hornbrille auf der Bühne steht, die Mundwinkel zu einem Grinsen hochzieht und dann in genäseltem Berlinerisch Geschichten aus seiner Heimat erzählt, dem Problembezirk Neukölln?

Da ist vor allem seine mit einem Lächeln servierte Bösartigkeit. Wenn Leute zu spät kommen, ist es für mich ein großes Geschenk - das lockert die Runde ein bisschen auf, sagt Bojcan zwei Abende nach dem Pottsau-Ruf. Er sitzt in einer Bistro-Sitzecke im Obergeschoss des Theaters Wühlmäuse, das Dieter Hallervorden gehört und mittlerweile Krömers Heimtheater ist. Zwei Abende seines Programms Sommernachtskrömatorium hat Krömer da schon absolviert, zwei liegen noch vor ihm. Zwei Abende, an denen er wieder erzählen wird, dass er Fernsehen-Star ist und jemanden in der ersten Reihe fragen wird: Hab ich dich angespuckt? Kannse morgen bei eBay verkaufen. Wie man das in seinem Kiez eben so sagt. Neukölln ist offen und ehrlich, sagt Bojcan. Die Brille fehlt, die trägt er nur auf der Bühne. Er berlinert auch jetzt, aber nur selten näselnd, und das sind dann eingestreute Krömer-Einlagen.

Warum findet ganz Deutschland jemanden amüsant, der die Weltläufte aus der Perspektive eines Berliner Hartz-IV-Bezirks betrachtet? Vielleicht, weil Neukölln in diesen Zeiten mit Agenda 2010 und Neuwahlen repräsentativ ist.

Bojcan ist kein politischer Kabarettist. Zu der vorgezogenen Bundestagswahl fallen ihm vor allem Fragen ein: Find ick dit gut? Find ick die SPD gut? Hat die SPD Scheiße gebaut? Soll ick jetzt zur Strafe die CDU wählen? Die Linkspartei?

Krömers Volksnähe hat sich Bojcan, der zwar in Neukölln geboren, aber in Wedding aufgewachsen ist und heute in Kreuzberg lebt, hart erarbeitet.

Antrainiert in der nach einem Jahr erfolgreich abgebrochenen Lehre als Herrenausstatter, als Stullenschmierer in der Dialysestation, als Zeitungsverkäufer, als Meerschweinchen-Fütterer im Zoo. Mit Auftritten bei Straßenfesten und in Bierzelten, mit dem harten Weg über die Kleinkunstbühnen. Eine Karriere über die Abendschule sozusagen. Auf dem zweiten Bildungsweg, fast wie Gerhard Schröder. Ick weeß, was läuft, sagt Bojcan. Es sind noch anderthalb Stunden bis zum Auftritt, und er sagt das so, dass man Kanzler Kurt Krömer vor sich hin murmelt. Nicht nur wegen der schönen Alliteration.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.08.2005 Nr. 34
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