In Deutschland wächst die Zahl der Armen, in Tschechien die der Millionäre. In Ungarn erregt man sich über die deutsche "Treibjagd auf Billigarbeiter", die Deutschen wiederum beklagen die "modernen Sklaven" auf Baustellen und in Schlachthöfen. Die Franzosen protestieren gegen das "unsoziale" Europa, während die Finnen davon träumen, dass alte Leute immer seltener erkranken und die Armut auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten fällt.

So ungleich ist Europa.

Nicht nur die Wachstumsraten unterscheiden sich von Land zu Land, auch die Probleme. Während jeder fünfte Slowake wegen seines geringen Einkommens als arm gilt, trifft dieses Schicksal in Deutschland nur jeden Zehnten. Während ein Zypriot durchschnittlich 76 Jahre alt wird, lebt ein Este nur bis 66. Und während in Luxemburg die Arbeitslosigkeit im Jahr 2002 gerade zwei Prozent betrug, war sie in der Slowakei zehnmal höher.

Schnell ist man bei der Frage, die in Brüssel offiziell niemand zu stellen wagt: Wie viel Ungleichheit verträgt die EU?

Glaubt man dem Berliner Soziologen Jens Alber, dann sind die Unterschiede innerhalb Europas heute vielfach größer als innerhalb der USA. Auch die Statistik zeigt das: Die Kaufkraft eines Bewohners von Inner London ist zehnmal höher als die eines Polen in der Provinz Lubelskie. Und weil weiter östlich die weißrussischen und ukrainischen Billiglöhner auf ihre Chance warten, werden sich diese Welten einander auch nur langsam annähern.

Die Koordinaten für Gerechtigkeit, entwickelt im weithin wohlhabenden Westeuropa, stimmen nicht mehr: Wer verdient mehr Solidarität, der billige Pole oder der deutsche Arbeitslose? Wieso ist es fairer Wettbewerb, wenn Tschechen zu Hause mit deutschem Kapital billiger produzieren als die Deutschen in Deutschland? Und wieso ist es unfair, wenn dieselben Tschechen auch hierzulande billiger arbeiten wollen? Wer darf welche öffentliche Hilfe bekommen und warum? Und wer soll diese Hilfe bezahlen?

"Solidarität ist stark an die eigene Nation gebunden. Die schafft Gemeinschaft und Zugehörigkeit und legitimiert auf diese Weise auch Umverteilung", sagt der Bremer Sozialwissenschaftler Steffen Mau. Um anderen Deutschen zu helfen, zahlen die Deutschen vergleichsweise willig, für Arme aus anderen Ländern fühlen sie sich nicht verantwortlich - es sei denn, Tagesschau und heute zeigten allabendlich ihre Hungerbäuche. "Der nationalstaatliche Blick befreit vom Elend der Welt", hat es der Soziologe Ulrich Beck formuliert. Derzeit stören uns die Polen also, weil sie das deutsche Sozialsystem durcheinander wirbeln - und nicht, weil sie arm sind.

"Solange der eiserne Vorhang existierte, war alles sehr einfach: auf der einen Seite die Reichen, auf der anderen die Armen", sagt John Monks, Chef des EU-Gewerkschaftsverbandes ETUC. Obwohl durchlässig geworden, existiert der Vorhang immer noch: Der Durchschnittslohn beträgt in den neuen Mitgliedsstaaten nur rund 40 Prozent des Durchschnitts in der alten EU der Fünfzehn. Sind 90 Prozent der Menschen im Westen der EU mit ihrem Leben zufrieden, so sind es im Osten nur 60 Prozent. Dazu klagen in den neuen Mitgliedsländern doppelt so viele Arbeitnehmer über schlimme Arbeitsbedingungen wie in den alten.