DIE ZEIT:Philip Roth, was macht einen Juden zum Juden?

Philip Roth: Darauf werden Sie von mir keine Antwort kriegen.

ZEIT: Weil es keine Antwort darauf gibt?

Roth: Nein, es gibt eine Antwort. Aber man müsste sich hinsetzen und ein Buch darüber schreiben. Was viele getan haben. Lesen Sie zwanzig, fünfundzwanzig Bücher, und versuchen Sie, sich eine Antwort zusammenzusetzen. Was man "Jude" nennt, existiert gar nicht.

ZEIT: Wovon sprechen wir dann, wenn wir von Juden sprechen?

Roth: Wir sprechen von unzähligen Arten von Juden. Diese Arten sind stark geprägt von dem Land, in dem die Juden leben. Für Israelis zum Beispiel ist es enorm schwierig, die Natur des jüdischen Lebens in Amerika zu verstehen. Die israelische Ideologie unterscheidet sich so sehr von jener der amerikanischen Juden, dass sich selbst unideologische Israelis ein Leben hier nicht vorstellen können. Sogar Leute wie Amos Oz oder Abraham Ben Jehoschua verhalten sich amerikanischen Juden gegenüber herablassend. Das erscheint mir unsagbar töricht.

ZEIT: Wodurch zeichnet sich das jüdische Leben in Amerika denn aus?

Roth: Durch seine Reichhaltigkeit. Dadurch, dass sich die meisten amerikanischen Juden keinen Deut darum scheren, Juden zu sein. Darüber ärgern sich die Israelis ohne Ende. Und der Erfolg! Was und wie es die Juden in Amerika geschafft haben, zählt zu den größten Leistungen in der Geschichte des jüdischen Volkes seit der Niederlassung der Juden in Spanien im Zeitalter der Römer: Sie kamen zu Zehntausenden hierher, die meisten in den Jahren zwischen 1890 und 1910, ohne Geld in der Tasche, ohne eine Sprache, die jemand verstand, und hatten dann diesen kolossalen Erfolg. Ich meine damit nicht wachsenden Reichtum. Ein kolossaler Erfolg war, dass die Juden einen Ort fanden, wo sie glücklich und ungehindert leben konnten. Und dieser Erfolg dauert an.

ZEIT: In Ihrem Roman Verschwörung gegen Amerika schildern Sie einen alternativen Geschichtsverlauf, in dem nicht Franklin D. Roosevelt 1940 wiedergewählt wird, sondern Charles Lindbergh Präsident wird, ein erklärter Antisemit, der einen Friedensvertrag mit Hitler schließt. War von dem schwelenden und schließlich offen zutage tretenden Antisemitismus, den Sie in diesem Buch so genau beschreiben, in Wirklichkeit nichts zu spüren?

Roth: Natürlich gab es Antisemitismus in Amerika. Die 1930er Jahre waren schlimme Jahre für die Juden überall auf der Welt. Und trotzdem hat sich in Amerika nicht wiederholt, was in Europa geschah. Das war es, was mich beim Schreiben dieses Romans interessierte: Die Tatsache, dass es hier nicht zur Katastrophe kam. Die Glückssträhne, die die Geschichte den Juden in diesem Land bescherte. Und nun ist die zweite Glückswelle angerollt: Amerika hat seine Tore den Hispaniern geöffnet und den Asiaten – die Juden haben aufgehört, als Minderheit wahrgenommen zu werden. Die meisten Amerikaner unter vierzig erkennen nicht einmal einen jüdischen Namen als solchen. Wir alle schauen uns Seinfeld im Fernsehen an und empfinden die Serie weder als besonders jüdisch noch als besonders nichtjüdisch. Wir Juden sind jetzt ein paar von vielen. Können Sie sich vorstellen, was für ein Glück das ist? Vielleicht kommt es hier irgendwann in der Zukunft zu einer jüdischen Tragödie. Aber das bezweifle ich stark. Die Juden haben Gefallen gefunden an Amerika, an der amerikanischen Demokratie, und die amerikanische Demokratie hat Gefallen gefunden an den Juden.

ZEIT: Glauben Sie, dass der Nationalsozialismus ein deutsches Phänomen war und unter anderem deshalb in Amerika nicht Fuß fassen konnte?