Interview »Ich frage, was wäre …«Seite 5/5

ZEIT: Sie sind nie nach Newark zurückgegangen.

Roth: Der Witz ist ja, dass ich mein Zuhause verließ, um hinaus in die Welt zu gehen, und dann den Rest meines Lebens damit verbrachte, über mein Zuhause zu schreiben. Das tun Schriftsteller eben. Joyce tat es. Als er in Triest lebte, bat er seine Mutter daheim in Irland in Briefen um die Beschreibung der Farbe von den Backsteinen eines gewissen Gartentors eines gewissen Hauses in einer gewissen Straße. Viele amerikanische Schriftsteller, die von zu Hause flohen wie Thomas Wolfe, Sherwood Anderson oder Sinclair Lewis, schrieben über nichts anderes als das Zuhause.

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ZEIT: Sie haben wiederholt erklärt, dass Sie Verschwörung gegen Amerika nicht mit der Absicht geschrieben haben, ein Bild der derzeitigen politischen Situation in Amerika zu zeichnen. Dennoch eine letzte Frage: Wie würde Amerika, wie würde die Welt aussehen, hätten die Angriffe vom 11.September nie stattgefunden?

Roth:(sehr langes Schweigen) Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass diese Regierung bis zum 11. September ein völlig mittelmäßiges Profil hatte. Man erwartete vier schläfrige Jahre unter einer ineffizienten Administration, die ihre ganze Energie darauf konzentrieren würde, die Reichsten Amerikas noch reicher und die größten Konzerne noch größer zu machen. Daran arbeitet diese Regierung noch immer und wird es auch weiterhin tun. Sie versucht, sämtliche Errungenschaften der Roosevelt-Ära, des New Deal zu demontieren. Sie versucht, alles zu eliminieren, was auch nur entfernt die Züge eines Wohlfahrtsstaats trägt. Das ist natürlich kriminell. Hätten die Ereignisse vom 11. September nun nicht stattgefunden … der islamische fundamentalistische Faschismus würde sich trotzdem Gehör verschaffen. Es wäre irgendwann sowieso zum Showdown gekommen zwischen Amerika und dem Islam und Europa und dem Islam. Die Welt sähe also möglicherweise gar nicht so anders aus.

ZEIT: Und die Kriege in Afghanistan und dem Irak?

Roth: Ohne den 11. September hätten wir vermutlich keinen Krieg in Afghanistan. Den Krieg im Irak wollte Bush ja offensichtlich seit seinem Amtsantritt. Diese Regierung hätte auch ohne die Anschläge Vorwände gefunden, in der Welt den Schaden anzurichten, den sie derzeit anrichtet.

Das Gespräch führte Sacha Verna

 
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