terrorismus Wir brauchen eine islamische Reformation
Endlich sieht der Vorsitzende des muslimischen Rates in England die Verantwortung für den Terror nicht nur bei anderen. Das ist ein Anfang, mehr aber auch nicht
Als Sir Iqbal Sacranie, der Vorsitzende des Muslimischen Rates von Großbritannien, erklärte, die Terroranschläge vom 7. Juli seien von »unseren eigenen Kindern« verübt worden, bekannte sich ein britischer Muslim – meines Wissens zum ersten Mal – zu der Verantwortung, die seine Gemeinschaft für Verbrechen trägt, die von Muslimen begangen wurden. Statt über die amerikanische Außenpolitik herzuziehen oder einer »Islamophobie« die Schuld zu geben, bezeichnete Sacranie die Anschläge als »große Herausforderung« für die muslimische Gemeinschaft. 1989 hatte derselbe Sacranie allerdings erklärt, dass der »Tod vielleicht zu einfach« wäre für mich, den Autor der Satanischen Verse. Tony Blairs Entschluss, Sacranie in den Adelsstand zu erheben und ihn als akzeptables Gesicht des moderaten, traditionellen Islams zu betrachten, ist entweder Ausdruck seiner Neigung zu religiösem Appeasement oder ein Hinweis darauf, wie beschränkt seine Optionen sind.
Sacranie ist ein entschiedener Verfechter von Blairs viel kritisiertem neuen Religionsschutzgesetz, das kritische Äußerungen über Religionen in Zukunft erheblich erschweren wird. Tatsächlich erwartet Sacranie denn auch, dass nicht mehr vom islamischen Terrorismus gesprochen werden darf. So erklärte er bereits am 13. Januar: »Es gibt keine islamischen Terroristen. Das ist eine große Beleidigung. Dank dieses Gesetzes wird man in Zukunft nicht mehr behaupten können, dass Muslime Terroristen sind.« Zwei Wochen später boykottierte der Muslimische Rat eine Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz vor sechzig Jahren. Wenn Sir Iqbal das Beste ist, was Tony Blair in der Kategorie »guter Muslim« aufbieten kann, dann haben wir ein Problem.
Der Fall Sacranie zeigt die Schwäche von Blairs Strategie, sich beim Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus auf traditionelle, orthodoxe Muslime zu stützen. Der traditionelle Islam ist eine breite Kirche, zu der sich Millionen toleranter, zivilisierter Männer und Frauen bekennen, aber auch viele, die hinsichtlich der Rechte der Frau vorsintflutliche Ansichten vertreten, die Homosexualität als Sünde betrachten, die die Meinungsfreiheit verdammen, wiederholt antisemitische Auffassungen vertreten und, im Fall der muslimischen Diaspora, man muss es leider sagen, mit Christen, Hindus, Juden oder Ungläubigen oft nicht zurechtkommen.
In Leeds, der Stadt, aus der mehrere der Rucksackbomber kamen, leben viele traditionelle Muslime weitgehend zurückgezogen und isoliert von der Mehrheitsbevölkerung. Diese jungen Männer, die in dieser abgeschotteten Welt aufgewachsen sind, haben eine moralische Grenze überschritten, als sie sich mit ihren Bomben auf den Weg machten.
Dass junge Männer sich dem Terrorismus zuwenden, mag mit dem Irak-Krieg zu tun haben, aber in den geschlossenen Gemeinschaften vieler traditioneller Muslime in Westeuropa kann sich ihre Entfremdung besonders gut entwickeln. Wir müssen die Tradition überwinden, wir brauchen eine Reformbewegung, die die Kernideen des Islams in die Moderne überträgt, wir brauchen eine muslimische Reformation, die sich gegen die fundamentalistischen Ideologen und die verstaubten, engen Seminare der Traditionalisten wendet und die Fenster aufreißt, damit überall frischer Wind eindringen kann.
Es wäre gut, wenn Regierungen und Sprecher innerhalb und außerhalb der muslimischen Welt sich hinter diesen Gedanken stellen würden, denn eine lebendige Reformbewegung setzt vor allem eine Bildungsinitiative voraus, deren Ergebnisse vielleicht erst in einer Generation zu spüren sein werden, ein neues Denken, das an die Stelle engstirniger, dogmatischer Lehren und Auffassungen tritt. Es ist höchste Zeit, dass die Muslime die Offenbarung ihrer Religion im historischen Kontext und nicht als etwas Übernatürliches betrachten.
Alle Muslime sollten erkennen, dass der Islam die einzige Religion ist, deren Ursprung historisch dokumentiert ist, also nicht auf Legenden, sondern auf Tatsachen zurückgeht. Der Koran wurde zu einer Zeit tiefgreifender Veränderungen in der arabischen Welt offenbart, als im 7. Jahrhundert die matriarchalisch-nomadische Kultur durch eine städtisch-patriarchalische Ordnung verdrängt wurde. Als Waisenkind erlebte Muhammad die Schwierigkeiten dieser Umwälzung am eigenen Leib. Man kann den Koran durchaus als Plädoyer für die alten matriarchalischen Werte in einer neuen patriarchalischen Welt interpretieren, als ein konservatives Plädoyer, das revolutionär wurde, weil es bei all jenen Anklang fand, die die neue Ordnung an den Rand drängte, die Armen, die Machtlosen und die Waisen.
- Datum 18.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.08.2005 Nr.34
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die eigene Perspektive, der eigene Kontext. Manchmal erlaubt dieser Dinge zu erkennen und manchmal verhindert er, andere Dinge wahrzunehmen.
Es ist oft der Schmerz, der einen Dinge nicht sehen lässt und auf der anderen Seite steht die Liebe, die einem die Möglichkeit gibt, offen auf andere zuzugehen.
Ich habe mit meiner Familie sehr viele schmerzhafte Dinge zusammen erlebt. Manchmal waren diese Dinge so schmerzhaft, dass wir sie nicht miteinander teilen konnten - nur um dem anderen in seinem Schmerz nicht noch mehr zu zu muten.
Unser Vater ist gestorben als ich 13 Jahre alt war. Mein jüngster Bruder war erst 9. Meine Mutter ist mit 38 Witwe geworden, in einer Zeit, in der sie endlich dachte, dass jetzt alles gut wird.
Wir waren glücklich. Wir lebten in Deutschland. Mein Vater hat sehr gearbeitet und hat wenig verdient. Doch es hat uns vollkommen gereicht.
Wir hatten endlich einen großen Garten, wie wir uns das schon immer gewünscht hatten, seit dem wir in Deutschland lebten. Wir hatten einen kleinen Hühnerstall gebaut und hatten Hühner, deren Eier nicht nur uns glücklich gemacht haben. Die Hühner waren frei und wir auch. Durch den Garten hatten wir auch die Möglichkeit etwas Gemüse anzubauen, was uns in vielerlei Hinsicht bereichert. Hühner sind noch heute meine Lieblingstiere.
Dann kam der 13. Januar 1989. Mein Vater starb bei einem sehr tragischen Autounfall. Wir waren auf der Hochzeitsgesellschaft meiner Qusine als wir davon erfuhren.
Alles, aber auch alles hatte sich an diesem Tag verändert. Die Welt konnte sich für uns nicht mehr drehen.
Alles, was wir hatten, war nur noch unser Glaube. Unser Glaube daran, dass wir unseren Vater im Jenseits wieder sehen werden. Nach islamischen Vorstellungen. Dies war wahrscheinlich auch der Grund, warum wir immer gläubiger geworden sind.
Kurze Zeit nach dem unser Vater, der Geliebte meiner Mutter gestorben, erlebte unser Bruder, der nie nach Deutschland kommen konnte, dann durfte, zwei tragische Unfälle: Das eine Mal fiel er aus sieben Meter Höhe bei seiner Arbeit runter. Scheinbar war er nicht gesichert als er seine Arbeit gemacht hat und das andere mal verlor er seine rechte Hand und fast sein Leben. Auch wieder ein Arbeitsunfall.
Auch danach blieb uns nichts, außer unsere Liebe zueinander und der Glaube, dass es zu Mindest im Paradies anders werden könnte. Im Paradies wo wir alle wieder zusammen sind und es keine Armut gibt.
Dann kamen sehr viele andere Dinge, die auch in anderen Familien passieren. Und dann, es höhrte alles nicht auf, kam das Erdbeben in der Türkei, wo unser Bruder mit seinen mitlerweile 6 Kindern und seiner Frau und unzählige andere Verwandte von uns lebten. Wir hatten trotzdem noch Glück, denn es ist in unserer Familie nur einer bei diesem großen Erdbeben gestorben.
Und wieder war alles, was wir hatten unser Glaube. Allah, den wir trotzdem bei uns gespürt haben und der uns trotzdem die Kraft gab, am Leben zu bleiben und uns zu lieben.
In dieser Zeit erlebte ich sehr viel spirituelle Energie. Allah war mein bester Freund.
Doch dann kam der 11. September und nahm mir meinen besten Freund. Der 11. September hat uns alle so zerrissen und die Diskussionen um den Islam tun es noch immer.
Ich frage mich nur warum? Warum will man den Muslimen ihre Verbindung zu Allah nehmen, wo doch alle anderen auch glauben dürfen.
Diese Frage möchte ich ihnen und vielen anderen Stellen, die sich jetzt auf Weihnachten freuen und sich vorbereiten.
Wo ist unser Fest der Liebe, das wir begehen dürfen ohne an Terror und Gewalt erinnert zu werden. Ohne jedes mal die Gretchenfrage gestellt zu bekommen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir antworten. Auch über andere Kommentare freue ich mich. Ich hoffe nur, dass ich von irgendwelchen Rassisten und Antiislamisten unbehelligt bleibe.
Sakine Subasi
Lieber oder liebe Sakine Subasi,
Ihre Beiträge haben mich sehr bewegt und auch erfreut.
Leider habe ich diese, wie auch den Zeit-Beitrag, erst soeben gelesen, weshalb die Antwort also verspätet kommt, ich hoffe, dass Sie diese dennoch mitgekommen.
Das Leben ist nicht immer leicht, sehr schwer auch zu verstehen - man wünscht sich eigentlich, dass es anders ist, leicht, angenehm, und leicht zu verstehen.
Das ging den Menschen offenbar schon immer so. Früher haben sie ja vor allem Angst vor den Naturgewalten gehabt, die sie weder verstehen konnten, und denen sie stärker als wir ausgesetzt waren. Mit der Beherrschung der Naturgewalten kamen dann aber die Probleme zwischen den Menschen, die mit der Zeit immer größer geworden sind - und auch deshalb hat man sich schon seit langem neue Religionen, neue, bessere, hilfreichere, Denksysteme und Götter gegeben und geschaffen. Und Sie beschreiben hier sehr schön, wie einem solch ein Gott, der Glaube an einen gemeinsamen Gott, der einen mit anderen Menschen liebevoll verbindet, hier eben helfen kann. Wir können nicht alles erklären und verstehen - warum stirbt der eine heute, der andere morgen usw. usf.
Dies gilt nun aber für alle modernen Religionen. In Europa haben wir hier Weihnachten, dies ist aber kein rein christliches Fest - Jesus sagte uns ja nicht, dass wir Weihnachten feiern sollen - sondern ein Fest der Familie, also letztlich auch der Fruchtbarkeit, zumindest denken hier viele so.
Jesus war und ist aber nicht der Gott der Fruchtbarkeit, nicht der Prophet des irdischen ewigen Lebens, sondern, wie wohl auch Mohammed, der des Untergangs dieser Welt. Und darin, darin dass wir eines Tages alle verschwunden sein werden, liegt auch etwas Beruhigendes, eine große Gerechtigkeit letztendlich auch. Aber sicher kann man sich darüber nun nicht freuen, freuen kann und soll man sich aber darüber, dass wir nicht in einer Apokalypse umkommen wollen werden bzw. "sollen", sondern, stattdessen, die Kraft für das liebevolle und wohlorganisierte Aussterben haben werden.
Darin besteht die eigentliche Freude des christlichen Glaubens: Wir wissen zwar dass die Welt unter geht - und gerade in diesem Gefühl ist es eben eine große Hilfe, wenn man sich mit anderen, auch den Vorfahren, nicht nur den eigenen, liebevoll, im Glauben daran, dass man sich trotzdem bis zuletzt lieb haben und verstehen soll und will, tief verbunden weiß. Bei allen Religions-Reformationen, die man sicher bei allen Religionen machen muss, oder die man ja sogar in Form eine neuen Weltanschauung auch mal neu formulieren kann, darf uns diese Liebe zu den noch lebenden und den bereits gestorbenen Mitmenschen nicht verloren gehen.
In diesem Sinne, der mir dem Ihrigen nicht fern zu stehen scheint, sollten Sie also auch das (nun eben nächste) Weihnachtsfest vor allem als Zeit der Liebe und der Besinnung sehen - und dabei sollten wir auch das wichtige Gemeinsame zwischen allen Religionen und Menschen finden können.
Alles Gute für Sie!
Lieber Tobias Werner,
ich danke ihnen für ihre Antwort, ich danke ihnen ebenso, dass sie mein Wissen über Weihnachten und das Christentum erweitern.
Ich denke jedoch, dass der Islam wie jede andere Religion gesellschaftlich nicht reformiert werden muss. Ich denke, dass es falsch ist, den Glauben zu instutionalisieren, wie es in der Kirche der Fall ist und wie es jetzt auch für den Islam verlangt und durchgeführt wird.
Wenn es um Glauben geht, vertrete ich einen laizistischen Ansatz und empfinde es als richtig, wenn jeder für sich den Glauben in seinem jeweils persönlichen Leben auslegt. Jeder Mensch, der glaubt, erneuert die Relgion und legt sie neu aus. Instutionalisierte Religionen führen m.E. nur zu Dogmen, zu Strukturen, aber nicht zur Spiritualität. Sie sprechen von den Funktionen des Glaubens. Ich dagegen bin der Überzeugung, dass wir nicht alles auf seine Funktion reduzieren können, auch wenn dieser ein wichtiger Bestandteil ist. Ich denke, dass jede Religion, jeder Glaube, so absurd sie auch scheinen, so weltfremd, einen Platz in jeder Gesellschaft haben muss. Lediglich der gesellschaftliche Rahmen muss festgelegt sein. Das heißt, es muss das universelle "Recht, Rechte zu haben", das Hannah Ahrendt schon beschrieben hat, verbindlich festgelegt sein. Dabei ist grundlegend, dass jegliches Töten untersagt ist, ob für den Staat, für den Glauben oder für den Profit. Selbst zur Strafe darf das Töten nicht sein. Auf dieser Grundlage können Strukturen für bestimmte Funktionen festgelegt werden. Doch der Glaube muss frei bleiben.
Ich lebe seit 27 Jahren in Deutschland, ich habe in einer katholischen Kleinstadt studiert. Meine Eltern haben mich am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen lassen, weil sie es besser fanden, als ganz ohne religiöse Bildung aufzuwachsen. Ich bin im protestantischen Norden aufgewachsen. Zu Hause wurde ich islamisch erzogen. Ich weiß sehr viel über das Christentum, doch für mich stellt sich die grundsätzliche Frage, wieviel das Christentum bereit ist, über den Islam zu erfahren, um nicht immer wieder Vorurteile walten zu lassen?
Sakine Subasi
interkulturelle Kopftuchforschung - Bremen
Römer Straße 42
28203 Bremen
Ich stimme ihnen im vielen Argumenten zu aber nicht in allen!
Ich glaube, dass sie in diesem Kontext ebenso aus ihrem eigenen Kontext argumentieren. Aus dem Kontext eines politisch verfolgten, weil er eigentlich sehr schöne Romane geschrieben hat und darauf beharrt, dass es mehr als nur ein männlich-dominierte Interpretation des islamischen Glaubens gibt. Ich finde diesen Kontext äußerst bedauerlich und hoffe, dass der islamofaschismus, der so etwas möglich macht, selbst zur Einsicht kommt, dass das so nicht geht.
Doch sie können mit ihrer Argumentation die Internationale Politik der USA ignorieren oder gar legitiemieren.
Jeden Tag werden Muslime in der ganzen Welt entführt. In Guantanamo und in anderen Camps der Welt sitzen die Menschen in Konzentrationslagern und sie sagen, Muslime sollte sich in diese Diskussion einmischen.
Ich glaube, dass auch sie zwei verschiedene Dinge mischen und denke, dass sie ebenso im Kampf gegen den internationalen Faschismus die Kritik gegen die USA nicht schmälern dürfen. Denn letzten Endes gefährden die unsere aller Sicherheit vielmehr als jene andere. Dass die Familie Bush mit der Familie Bin Ladin zusammen in eine Firma investiert, die vom 11.September besonders viel profitiert hat, können sie doch auch nicht leugnen.
Und leugnen kann man ebenso wenig, dass die USA erst solche Diktatoren an die Macht bringt ( wie Osama Bin Ladin, Saddam Hussein), um Menschen unterdrücken zu lassen.
Ich will es mir nicht einfach machen und sagen, dass die USA an allem schuld sei, doch kapitalistische Zwänge, die besonders in den USA zu spüren sind, begünstigen faschistische Strukturen, wenn man, wie im Falle der USA, nicht fähig ist, sich selbst durch Kreativität und eigene Arbeit an der Spitze zu halten.
Dass die USA zu vielem nicht fähig ist, hat man spätestens gesehen, als der Süden überflutet war. Dieser Präsident war nicht in der Lage, diesen Menschen zu helfen.
Doch, um immer wieder von seiner Unfähigkeit abzulenken und zu Mindest die letzten Freunde aus der Rüstungsindustrie zu behalten, führt Bush immer wieder Krieg.
Sie können deswegen nicht die Muslime, welche diese Kritik gegen faschistoide Politik richten, mit den "Muslimen" vermischen, die sie verfolgen!
Sakine Subasi
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