Der tiefe Pessimismus, mit dem Amerikas prominentester Schriftsteller die amerikanische Demokratie beurteilt, lässt sich am Scheitern all jener Patrioten ermessen, die in seinem neuen Roman für ihre freiheitlichen Ideale kämpfen. Da ist der sanfte Familienvater Herman Roth, der im eigenen Wohnzimmer eine Prügelei anfängt, weil er die moralische Verkommenheit seiner Landsleute nicht länger erträgt. Da ist der scharfzüngige Kolumnist Walter Winchell, der bei einem Wahlkampfauftritt hinterrücks erschossen wird, weil er, benebelt vom eigenen Gerechtigkeitsfanatismus, auf die Fairness seiner Gegner vertraut hat. Und da ist Vetter Alvin, der als halbstarker Fremdenlegionär gegen Nazideutschland ins Feld zieht, als Krüppel zurückkehrt und erkennen muss, dass sein Martyrium umsonst war. Denn die meisten Staatsangehörigen des amerikanischen Idylls, wie Philip Roth es beschreibt, fürchten sich ja keineswegs vorm Faschismus. Im Gegenteil. Sie wollen mit Hitler paktieren, lieber heute als morgen. Das Faschistoide, das in ihren Hirnen und Herzen nistet, wartet nur auf eine Gelegenheit, sich mittels demokratischer Wahlen sowie eines geeigneten Präsidentschaftskandidaten durchzusetzen.

Diesen Kandidaten liefert uns Roth in seiner Verschwörung gegen Amerika. Und da es sich bei dem fiktiven 33. Präsidenten der USA, der im November 1940 das Weiße Haus erobert, nicht um einen verrückten Dr. Evil handelt, scheint die retrospektive Utopie denkbar. Charles A. Lindbergh, 1902 bis 1974, Luftpostpilot aus Minnesota, Antisemit und Fortschrittsidol, hatte 1927 im Alleinflug den Atlantik überquert. 1929 huldigten ihm Bertolt Brecht und Kurt Weill in ihrer Radio-Kantate Der Lindberghflug als einem siegreichen Ikarus. Zur Ehrenrettung Brechts kann gesagt werden, dass Lindbergh sich erst in den dreißiger Jahren für die Naziluftwaffe zu begeistern begann und erst 1938 auf Anweisung Hitlers den Deutschen Adlerorden bekam. Trotzdem verleiht das Hörspiel der Rothschen Fiktion zusätzliche Glaubwürdigkeit: wenn selbst der jüdische Komponist Weill und der kommunistische Schriftsteller Brecht dem Überflieger-Charme des Piloten erlagen! Lindbergh erscheint als der plausible republikanische Albtraum, der sich zwischen Franklin D. Roosevelt und dessen tatsächlichem Nachfolger Harry S. Truman leicht hätte ereignen können.

Provozierend an diesem Roman ist nicht allein die Hybris, mit der der Autor auf die verbotene Frage antwortet: Was wäre gewesen, wenn? Das haben andere Schriftsteller auch gewagt, zum Beispiel Robert Harris in Fatherland (1992) und Stephen Fry in Making History (1996). Roth selbst ließ bereits 1979 in Ghostwriter die totgeglaubte Anne Frank an einem amerikanischen College auftauchen, und 1994 in Operation Shylock spielte er mit der Schreckensvision, alle nach Israel geflohenen Juden müssten in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Jetzt aber zeigt er den Faschismus als wählbare Option, als die konsequent zu Ende gedachte Demokratie.

"Ich gehe gern wählen", behauptet Herman, das brave jüdisch-amerikanische Familienoberhaupt, aber neuerdings verstehe er die Amerikaner nicht mehr: "Sie wählen einen Faschisten. Nicht bloß einen Idioten wie Coolidge, nicht bloß einen Trottel wie Hoover. Und als Vize einen faschistischen Demagogen, diesen Mr. Wheeler, und sie bringen Mr. Ford ins Kabinett, einen Antisemiten, so schlimm wie Hitler." Roth fügt die historischen Gestalten so selbstverständlich in das Ensemble seiner dramatischen Personen ein, er ordnet die Weltgeschichte so mühelos der Logik seiner Fiktion unter, dass das Fantastische schließlich ganz realistisch wirkt. Das Argument, mit dem Lindbergh sich in der Verschwörung gegen Amerika durchsetzt, benutzte jedenfalls auch der echte Burton K. Wheeler, ein abtrünniger Demokrat, gegen Roosevelt: Amerikas Kriegseintritt müsse um jeden Preis verhindert werden.

Philip Roth berechnet nun den Preis für diesen totalen Frieden, es ist der Krieg mit anderen Mitteln. Die höfliche Diskriminierung der Juden wird zu handgreiflichem Antisemitismus. Statt schleichender Ghettoisierung erfolgt die staatlich sanktionierte Zerstörung der Gemeinden und eine zwangsweise Umsiedlung einzelner Familien ins puritanische Outback. Dabei gelingt dem Erzähler die Verbindung der philosophischen Spekulation mit dem Familienroman. Wir erleben Lindberghs Präsidentschaft in der ärmlichen Newarker Wohnung des Versicherungsvertreters Herman Roth. Wir hören die Pogrom-Nachrichten mit den Ohren seiner Frau und durchleiden mit dem jüngsten Sohn Philip den Einzug des verbitterten Vetters Alvin ins Kinderzimmer. Eine typische amerikanische Kleinbürgerfamilie, die nur "vage jüdisch" ist, wird ins Ghetto ihrer Religionszugehörigkeit gezwungen, und der siebenjährige Philip durchlebt diesen Albtraum als peinigende Schlaflosigkeit. Der zornige Invalide Alvin, der am liebsten sterben will, liegt im selben Zimmer mit dem verängstigten Kind, das so viel Lebensmüdigkeit kaum erträgt. Philips einziger Ausweg ist, zum Helden zu werden: indem er den Vetter zum Reden bringt, indem er ihn stützt und aufmuntert.

In solchen Episoden entfaltet Roth seine ganze verehrungswürdige Erzählkunst. Zart, aber schonungslos, peinlich genau und doch taktvoll. Er beschreibt die Katastrophe nie ohne einen gewissen distanzierten Humor, seine Sätze tendieren unmerklich zum Aphorismus. Weil Roth so schreibt, wie er schreibt, hält man auch die Weitschweifigkeiten seiner Romane geduldig aus. Die pingeligen Aufzählungen, die Lebensläufe nebensächlicher Figuren.

Fatal ist jedoch, dass Roth in Verschwörung gegen Amerika seine eigene Fiktion am Ende demontiert. Nach 350 Seiten will er uns weismachen, Lindbergh sei gegen seinen Willen von Hitler inthronisiert worden. Eine Erpressung! Ein Treppenwitz der nicht stattgefunden habenden Geschichte! Das Böse haust also doch in Berlin? Brillant an den ersten 350 Seiten ist ja, wie Roth den Antisemitismus als grenzüberschreitendes Phänomen schildert, ohne den deutschen Faschismus zu verharmlosen. Wie er einen faulen Frieden infrage stellt, ohne den Krieg zu verherrlichen. Die Welt dieses Romans ist irreale Endzeit: Konsequenz all des Negativen, zu dem der Mensch fähig ist. Anerkennung der Tatsache, dass die Demokratie mit demokratischen Mitteln abgeschafft werden kann und "dass man nichts richtig machen konnte, ohne gleichzeitig etwas falsch zu machen, so falsch, dass man vielleicht besser abwarten und gar nichts tun sollte – außer dass Nichtstun ebenfalls ein Tun war". Schade, dass Roth dieses radikal desillusionistische Buch am Ende durch seine Mutlosigkeit ruiniert.

Ab 27. August im Buchhandel erhältlich