musikDie Meistersinger aus Tokyo

Der Dirigent Masaaki Suzuki und sein hinreißendes Bach-Collegium Japan auf Deutschland-Tournee von Wolfram Goertz

Bei Herrn Suzuki kommt die einfache Mathematik zu höherer Weihe. "Das vierstimmige machen wir mit 6, 4, 4, 4, das fünfstimmige mit zwei Mal 3, 2, 2, 2." Masaaki Suzuki hat sich über die Verteilung der Stimmgruppen vom Sopran bis zum Bass und die Zahl 18 als Summe kluge Gedanken gemacht. "Mit 18 Sängern klingt es am schönsten", sagt er, "dann haben wir die richtigen Kontraste zwischen Solo und Chor, den besten Mischungsgrad im Klang, und wir bleiben locker und beweglich." Eine lebenswichtige Tugend. Ohne sie geht ein Chor in Johann Sebastian Bachs kläglich baden.

Masaaki Suzuki, 1954 in Kobe geboren, ist Dirigent des Bach-Collegiums Japan, einer handverlesenen Formation von Musikern, die sich seit 1990 so kompetent und dauerhaft um Bach kümmert, dass dem Abendland die Spucke wegbleibt. Soeben wurde Suzukis Team für die 27. Folge seiner Einspielung aller Bach-Kantaten von den Juroren des Deutschen Schallplattenpreises geehrt, jetzt hat sich die Truppe ins fränkische Ansbach begeben, um bei der dortigen Bachwoche die h-moll-Messe aufzuführen. Nach dem Konzert sah man in den Gesichtern der Zuhörer vor allem Ungläubigkeit. Mancher fragte sich wohl, was mit der Welt und ihren Traditionen passieren konnte, dass ihm sein heiliger Bach so tief, so virtuos und so innig ausgerechnet von Japanern geboten wird.

Anzeige

Herrn Suzuki muss man nicht fragen, woher solch latenter Hochmut kommt. Er hat in Amsterdam Cembalo bei Ton Koopman und Orgel bei Piet Kee studiert; er zählt zu jenen vielen Musikern aus Fernost, die nach fleißigen Jahren in der Heimat ihren flammenden Lerneifer auf die Musikhochschulen Europas ausdehnen ("in Koopmans Wohnung saßen wir immer bis vier Uhr nachts") und dann mit Koffern prall von Erkenntnis in die Heimat zurückkehren. Suzuki indes ist interkontinental rege geblieben, für ihn ist Bach ein offenes Buch, das immerzu erforscht und befragt werden will. Die Experten sitzen in Leipzig und Göttingen, Suzuki kennt sie alle. Seine Schallplattenfirma BIS sitzt in Schweden. Und bis heute hat er Ton Koopmans weisen Lehrsatz im Ohr: "Mach es nicht so, wie ich es mache. Sei eigenwillig!"

Ein japanischer Protestant, der schon als Kind Kirchenlieder spielte

Nicht kopieren, sondern selbst denken: Das hat Suzuki erst lernen müssen. Jetzt ist er ein könnender Kenner. Suzuki kennt aber auch die Bibel, den Katechismus und überhaupt die spirituelle Basis der Musik Bachs. Er ist Spross einer der wenigen protestantischen Familien in Japan, also kein in Glaubensfragen spät Angelernter, und hat schon als Kind Kirchenlieder in der Messe gespielt ("auf dem Harmonium, das war auch gut für die Beinarbeit"). Fließend deutsch spricht Suzuki, seit er ein paar Jahre an der Musikhochschule in Duisburg das Fach Cembalo unterrichtete. Deutsch als zweite Amtssprache ist bei seiner Arbeit am Bach unentbehrlich; natürlich präpariert er seine Leute, worum es in der Messe, in den Kantaten und Passionen geht. Indes zählen auch Germanisten und Theologen zur erweiterten Equipe des Bach-Collegiums. "Wer bei mir singt", sagt Suzuki mit einem fast unmerklichen Lächeln, "der weiß von langen Abenden, was es mit den sichtbaren und unsichtbaren Dingen auf sich hat."

Kein Säuseln, niemals. Sondern Frische, Dynamik, Elan

Das Publikum interessiert vor allem die hörbaren Dinge. Nun, die Meistersinger aus Tokyo erfüllen die luxuriösesten Ansprüche, denn es ist ein Singen aus freudiger Hingabe, virtuoser vokaler Eignung und typisch japanischer Disziplin. Als in der Ansbacher Generalprobe eine von Suzukis Wunderglockensopranistinnen es wagte, ein hohes A einen Hauch zu tief anzusingen, lachte sie still und schlug sich die Noten vor die Stirn – eine goldige Mischung aus Scham, Mängelbewusstsein und Selbstironie. Im Konzert gelang die Stelle so schön, dass man sich darin hätte verlieren mögen. Einer der beiden chorischen Countertenöre sang die h-moll-Messe von vorn bis hinten auswendig. Er hatte sie so auswendig drauf, dass er sogar auswendig umblätterte. Wie all seine 17 Kolleginnen und Kollegen wirkte er glücklich, Bach singen zu dürfen. Von solchem Ethos könnten manche Musiker hierzulande viel lernen, die Bach zu besitzen glauben, aber nur ungern mit seinen höchsten Ansprüchen in Kontakt kommen.

  • Serie cvd-vorab
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Musik | Tokio | Ansbach | Cembalo | Dirigent | Japan
Service