Medienrepublik Medienmacht
Den Kauf von ProSiebenSat.1 kann man Springer nicht verwehren - wohl aber listig gegen den neuen Konzern vorgehen
Wenige Tage vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen war auf der Seite zwei von Bild ein wuchtiger Vierspalter eingerückt. Das große Bild zeigte die damalige Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn, wie sie den Mund aufsperrte und eine Gabel Kraut oder Kartoffelsalat einschob. Dass Frau Höhn, die im Zweifel schon mal wegen eines Feldhamsters eine Industrieansiedlung verzögerte, außerhalb der grünen Wählerschaft keine große Sympathieträgerin war, war ihre eigene Schuld. Allerdings sieht beim Zuschnappen keiner von uns sehr vorteilhaft aus, vor allem wenn er in der richtigen Perspektive erwischt wird. Die Headline lautete: 9411 Euro Pension für zehn Jahre Arbeit. Dieser Bild-Artikel war vermutlich wirksamer als sämtliche Plakate und Broschüren von Jürgen Rüttgers. Das ist die Macht der Bild-Gruppe: Emotionskommunikation.
Was geschieht nun, wenn zur publizistischen Macht der Printmedien Springers noch eine mächtige Senderfamilie kommt? Wenn das Bundeskartellamt zustimmt und die Axel Springer AG die Fernsehsender ProSieben, Sat.1, kabel eins, den Nachrichtenkanal N24 sowie 9Live übernimmt?
Haim Saban, ein amerikanischer Finanzinvestor, hatte bisher die Senderkette gemeinsam mit anderen US-Fonds kontrolliert. Er ist kein guter Onkel aus Beverly Hills. Zwar kein »Bushie«, sondern ein Freund und Förderer des früheren Präsidenten Bill Clinton und damit der Demokratischen Partei. Aber ein Geschäftsmann. Sein Geld hatte er dieses Mal eben in deutsche Fernsehsender gesteckt, also in Unternehmen der Bewusstseinsindustrie, Ideologieproduzenten und Prägestöcke des Lifestyles. Saban hat sie seither wie spekulative Papiere behandelt, was dem deutschen Kulturkritiker nicht gefallen konnte – egal, ob er an Adorno oder der Bewahrpädagogik geschult ist.
Saban hatte also keine politischen Interessen in Deutschland. Weder für Gerhard Schröder noch für Angela Merkel würde er eine erfolgreiche Serie kippen, um ein Zur Sache, Kanzler produzieren zu lassen wie einst Leo Kirch.
Springer auf der anderen Seite ist ein deutsches Medienhaus, das zwar nicht mehr über einen missionarischen Verleger verfügt, dieser Gründerfigur aber verpflichtet bleibt, besonders über die Hauptaktionärin Friede Springer. Matthias Döpfner ist ein differenzierter Intellektueller, aber liberalkonservativ ist er schon, und dreinschlagen kann er auch. Also gibt es Medienpolitiker in Deutschland, die die amerikanische »Heuschrecke« (um einen eingeführten, wenn auch unpassenden Begriff zu benutzen) dem stockseriösen deutschen Kunsthistoriker an der Spitze von Springer vorziehen. Sie fordern zum Beispiel Konzentrationsregeln (Cross Media Ownership Rules) wie in den Vereinigten Staaten, die das Print-Haus Springer daran hindern würden, auch nach Fernsehmacht zu greifen. Der Vorsitzende des deutschen Journalistenverbandes hat erklärt: »Eine solche Vormachtstellung kann nicht im Sinne der Demokratie und des möglichst umfassenden meinungsbildenden Einflusses der Medien sein.«
Nun könnte von »Vormachtstellung« keine Rede sein, auch nicht von »vorherrschender Meinungsmacht«, wie sie eine Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) zum Kriterium machen könnte. Bertelsmann wäre immer noch größer als das möglicherweise entstehende Gebilde, es gibt Holtzbrinck, den Spiegel, die WAZ- Gruppe, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und eine ziemlich vielfältige und eigenständige Lokalpresse, vor allem aber das Internet und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihren vielen Sendern.
- Datum 18.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.08.2005 Nr.34
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Die Medienpolitik ist also (beinahe) tot. Woran mag sie nur gestorben sein?
Ich nehme an, sie ist an ihrer eigenen Überflüssigkeit zu Grunde gegangen. Es hat sich in den vergangenen Jahren offenbar als nicht notwendig erwiesen, Zeit, Geld und Gedanken zu investieren in Dinge wie Medienkommissionen oder gar Eigentümer-Gesetze. Kein Wunder: In einer Demokratie muss man schließlich nicht jeden für sich gewinnen, sondern lediglich eine Mehrheit. Dabei spielt die Qualifikation dieser Mehrheit eine untergeordnete Rolle. Am besten ist es sogar, die Mehrheit fragt nicht groß, sondern folgt einfach.
"Lasst sie doch reden!", mag das Motto der Stunde gewesen sein. Das "freie Agenda-Spiel" stellt schon lange für niemanden mehr eine Bedrohung dar und was keine Bedrohung ist, muss nicht bekämpft werden. Man kann es gelassen beim finanziellen Verhungern beobachten (Ich weiß, ich sollte endlich ernsthaft über ein taz-Abo nachdenken!). Und das genau ist das Problem: Ohne - zumindest gefühlte - Bedrohung kein Streit und ohne Streit keine Bewegung. Ob man den Streit nun nach historischem Vorbild als alles entscheidenden, radikal-politischen Richtungskampf bezeichnet, oder ob man ihn in real-kapitalistischer Cool-Manier lediglich als Konkurrenz ausgibt ist egal. Es kommt offensichtlich ausschließlich darauf an, überhaupt einen ernst zu nehmenden Gegner zu haben.
In sofern kann ich es nur begrüßen, wenn diejenigen, die ungern mit dem Strom schwimmen, sich auf alte "Kriegslisten" besinnen. Mögen sie meinetwegen die vorhandenen "Interventionen ausbauen", die geballte Macht der Mainstream-Medien "unterwandern", mögen sie dabei ruhig abgebrüht und realistisch vorgehen: Meinen Segen haben sie. Sie sollten sich lediglich davor hüten, den eigenen Listen aufzusitzen. Denn siehe: Zwangsverpflichten kann man niemanden zum Konsum. Auch nicht zum Konsum irgendwelcher Medien. Der Grat zwischen anbieten und anbiedern ist schmal und es ist wesentlich leichter, auf dem platten Feld des Parolen-Konsens daherzuwalzen, als entlang der Gipfel und Abgründe freier Agenden zu balancieren. Manch einer ist dabei schon vom Wege abgekommen...
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