Als Angela Merkel Kanzlerkandidatin wurde, illustrierten einige Zeitungen die möglicherweise nahende weibliche Macht, indem sie Merkels Handtasche in Großaufnahme zeigten. In den Zeitungen war jedes Mal das gleiche Foto zu sehen, das eine trapezförmige, eher praktische Tasche zeigte, denn bereits zu jener Zeit waren die Gelegenheiten selten, zu denen Merkel eine Handtasche trug.

Spätestens aber seit sie offiziell Kanzlerin werden will, trägt sie keine Handtasche mehr. Und wenn doch, heißt es, gebe sie die Tasche rechtzeitig weiter, bevor die Fotografen kommen.

Angela Merkel hat sich eines eindeutig weiblichen Accessoires entledigt, weil sie sich scheut, ihr Geschlecht ins Spiel zu bringen. (CDU-Slogans wie "Ohne Frauen ist kein Staat zu machen", die noch bei manchen CDU-Familien in der Küche kleben, stammen aus einer Zeit, als klar war, dass vorrangig Männer den Staat machten.) Vor allem aber hat Merkel mit der Tasche jenen Gegenstand abgelegt, der wie kein anderer undurchsichtige weibliche Macht symbolisiert: Für viele Männer ist die Handtasche der Frau ein Mysterium, sie begreifen nicht, wie es Frauen gelingt, dieses Behältnis und seinen Inhalt zu organisieren. Selbst im Kino ziehen Frauen mühelos ein Taschentuch aus der Handtasche, wohingegen Männer scheitern, wenn sie bei Tageslicht Brillenetuis oder Portemonnaies finden sollen. Männer rufen dann: "Hier ist kein Portemonnaie", die Frau eilt augenrollend herbei, findet das Portemonnaie. Kurz: Männliche Wähler misstrauen Handtaschen. Angela Merkel aber will "Vertrauen zurückgewinnen". Also: Weg mit der Handtasche!

Matthias Stolz