Architektur Neue Heimat Stadt
Ein Epochenwechsel kündigt sich an: Die Deutschen entdecken das urbane Leben wieder
Alles war Krise und die Zukunft große Düsternis. Viele Untergangsbücher erschienen: über das das den Und selbst John Friedmann, der bekannte amerikanische Planungstheoretiker, hielt es für abgemacht: Das war 2002.
Heute, nur drei Jahre danach, feiert die Planerzunft eine Art Osterfest: Die tote Stadt erfährt zur Überraschung aller ihre Auferstehung. Von einer Renaissance ist plötzlich die Rede, von der neuen Lust am urbanen Wohnen. Über Jahrzehnte drängte es die Menschen hinaus in die Vororte, in Reihen- und Einfamilienhäuser, nun aber kommt die Stadtflucht offenbar zu einem Ende. Erstmals wächst die Gruppe derer, die mitten im Geschehen und nicht irgendwo im Grünen leben möchten. Viele Menschen zieht es zurück in die Stadtkerne, allein in Leipzig entschlossen sich 30.000 binnen weniger Jahre zur Rückkehr ins Zentrum.
Zwar ist der neue Zug gen Mitte nicht überall so stark, und nicht überall schwächt sich die Zersiedelung ab. Dennoch scheint ein Epochenwechsel bevorzustehen: Die alten Gewissheiten in der deutschen Wohn- und Lebenslandschaft geraten ins Rutschen. Mit einem Mal beginnt der bürgerliche Traum vom Glück, das eigene Häuschen mit Garten, zu verblassen. Und das liegt nicht daran, dass der Bund die Eigentumsförderung streicht. Es sind vielmehr die Banken, die neuerdings die Zukunft von RH, EFH und DHH eher trübe sehen. Seit einiger Zeit schon ist mit Wohnimmobilien kaum noch Gewinn zu machen, real haben viele an Wert verloren. In Offenbach etwa ging der Durchschnittspreis für Einfamilienhäuser binnen zehn Jahren von 397.000 auf 269.000 Euro zurück. Diese Entwicklung, so lauten jetzt die Prognosen, werde sich verschärfen. »Niemand darf mehr erwarten, dass der Wertzuwachs wie in früheren Zeiten die Inflation ausgleicht«, sagt Jörg Sahr vom Magazin Finanztest. Spätestens in zehn Jahren, wenn die Zahl der Haushalte nicht mehr wächst und die Zahl der Deutschen merklich schrumpft, dürften sich viele Bungalows und Krüppelwalmdachhäuschen nur noch schwer verkaufen lassen. Manche werden gar keinen Käufer mehr finden, warnt eine Studie von Ulf Teubel, Volkswirt bei der Vereins- und Westbank. Denn die Nachfrage sinkt, das Angebot steigt.
Für viele eigentlich ein bedrohliches Szenario: Des Deutschen Haus, jener Ort, der Gemütlichkeit verhieß, Ankommen und Bleiben, der für Familienglück stand und für ein abgesichertes Alter, dieses Haus verliert seinen angestammten Wert. Doch erstaunlicherweise scheint das nur wenige zu beunruhigen. Ja, manche Bewohner der Vorstädte haben die Ratschläge der Banken sogar schon vorweggenommen. Es sind vor allem Ältere, die Woopies, die well-off older people, die sich von ihrem Besitz lösen. Ihre Kinder sind gerade aus dem Haus, rund dreißig Lebensjahre bei guter Rente liegen vor ihnen. Warum sollten sie die im eintönigen Suburbia fristen? Lieber ziehen sie dorthin, wo es Theater und Kunst gibt, gute Restaurants gleich ums Eck und beste ärztliche Versorgung. Bereits jeder dritte Deutsche über 50 favorisiert das urbane Leben, so das Bochumer Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung. Bis 2020 wird die Zahl dieser Deutschen um zehn Millionen wachsen.
Doch es sind nicht nur die Woopies, die sich den Einfamilienhausgefilden entziehen. Auch immer mehr Jüngere können sich das Einfamilienhaus allenfalls noch als »Lebensabschnittsimmobilie« vorstellen, wie es der Stadtforscher Walter Siebel nennt. Das Heim im Grünen, so seine Beobachtung, war immer gekoppelt an ein Leben als Familie. Je mehr Ehen aber geschieden werden, je mehr Alleinerziehende es gibt, je mehr Singles und kinderlose Paare, desto verzichtbarer wird die Vorstadt. Zudem macht sich der steigende Benzinpreis bemerkbar und ebenfalls die schwindende Pendlerpauschale. Vielen frisst das Hin und Her zwischen Heim und Arbeitsplatz zu viel Geld und zu viel Zeit. Der Durchschnittspendler ist im Jahr umgerechnet mehr als 30 Urlaubstage lang auf Schiene und Straße unterwegs. Verglichen damit, erweist sich eine Stadt mit kurzen Wegen als geradezu familienfreundlich. Hier lassen sich Kind und Karriere weit besser vereinbaren.
So können sich auch immer mehr Menschen ein urbanes Wohnen mit Kindern vorstellen, berichtet das Deutsche Institut für Urbanistik auf Grundlage von Bewohnerumfragen in München und Leipzig. Es sind vor allem die Gewinner der Gesellschaft, die Gutgebildeten und die Gutverdienenden, die das bunte, vielfältige Leben anstreben. Und langsam beginnen die Städte zu entdecken, wie wichtig gerade diese Einwohner für sie sind. Sie zahlen ihre Steuern nicht an die Randgemeinden, lassen ihr Geld nicht in Einkaufszentren der Vororte, sie verzichten aufs Pendeln und belasten so die Stadt nicht mit noch mehr Lärm und Autogestank. Vor allem aber sollen sie für Durchmischung sorgen, dafür, dass am Ende nicht nur die drei berüchtigten A die Quartiere bevölkern, die Armen, Alten und Ausländer.
Wie groß die Gruppe der neuen Stadtfreunde genau ist, vermag im Moment niemand zu sagen. Auch wie stark sie wächst, muss noch erforscht werden. Klar ist nur, dass sie wächst, und zwar kräftiger als alle anderen gesellschaftlichen Gruppen, sagt Bernd Hallenberg vom Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung. Schon jetzt bilden diejenigen, die von Milieuforschern als Hedonisten, als Experimentelle und Performer bezeichnet werden, rund ein Drittel der Bevölkerung. Viele von ihnen wohnten auch bisher schon gern in der Innenstadt, vor allem in Gründzeitquartieren. Allerdings wanderten etliche ins Umland ab, sobald es an die Familiengründung ging – weil große und vor allem günstige Wohnungen fehlten. Nun verflacht dieses Kostengefälle. Vor allem im Osten macht sich das schon bemerkbar, dort schrumpfen die Städte, 16 Prozent aller Wohnungen sind leer, die Mieten sinken, und davon profitieren überall die urbanen Kerne. Ähnliches steht auch im Westen bevor, nicht in reichen Städten wie etwa München, doch durchaus in Lübeck, Pirmasens oder Hagen. Auch dort wird Wohnen im Zentrum wieder erschwinglich.
Doch nicht nur die Kosten wirkten bislang als Stadtfluchtbeschleuniger. Vielen war das Angebot an Wohnungen auch schlicht zu einfallslos. Die meisten Baufirmen produzierten die immergleiche Zweikindfamilienware. Erst in jüngster Zeit sind sie gezwungen, das Angebot zu erweitern: Gestapelte Reihenhäuser, Lofts, Dachgärten – plötzlich gibt es eine Vielfalt von Wohnformen, die bisher nur in Eigenregie am Stadtrand möglich schien. Mehr als 50 Prozent aller Deutschen wünschen sich ungewöhnliche, möglichst individuelle Häuser und Wohnungen, sagt der Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung.
Zumindest einige davon entstehen nun, oftmals dort, wo innenstadtnahe Bauflächen frei werden, weil die Bundeswehr abzieht, weil Bahn, Post oder alte Industriebetriebe ihre Grundstücke freigeben. Es ist die große, die zweite Chance vieler Städte: dass sie denjenigen, die sonst ins Grüne verzogen wären, neuen Raum bieten können. So hat etwa Dortmund auf dem Gelände des Phoenix Stahlwerks, das nach China verschifft wurde, einen See angelegt und ermöglicht nun urbanes Wohnen mit Wasserblick. Etliche Kommunen allerdings subventionieren lieber Firmenansiedlung, statt in die eigene Urbanität zu investieren und das Leben mit Kindern zu fördern. Nur wenige betreiben eine familienfreundliche Baulandpolitik und unterstützen Baugemeinschaften, in denen sich Interessierte zusammentun, die gemeinsam ein Haus planen möchten. Hamburg unterhält neuerdings eine Agentur, die solche Kooperationen anregt und berät. Noch fehlt aber fast überall der Mut, auch durchmischte Quartiere auszuweisen, in denen nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet wird – in Hinterhöfen und Erdgeschossen, ganz wie einst in den Gründerzeitvierteln.
Allerdings lehnen viele der neuen Städter ein solches Mischmasch auch eher ab. Sie schwärmen zwar von den Gegensätzen der Stadt, von den unterschiedlichsten Ethnien und Lebensstilen, die sich dort auf engstem Raum vereinen, von dem Trubel, den Kneipen, den Cafés. Doch natürlich wollen sie nicht über einer Kneipe wohnen, wollen keinen Lärm vor dem Schlafzimmer und für ihre Kinder keine Schule mit vielen Ausländern. Sie wünschen sich das Beste aus beiden Welten: die Angebote der Stadt, dieser Versorgungs- und Kulturmaschine, zugleich aber auch die Beschaulichkeit der Vororte, ihre Geborgenheit und Ruhe. Und so entstehen hier und da bereits ländlich-urbane Zwitter, Einfamilienhausquartiere mitten in der City, in Hannover etwa, auf dem Areal der alten Gilde-Brauerei.
Die Bau- und Wohnformen mögen sich so zwar vervielfältigen, und am Ende könnte eine Straßenzeile mit neuen Stadtvillen im Herzen Berlins ebenso buntscheckig aussehen wie eine zusammengewürfelte Vorstadtsiedlung. Doch kann diese Vorliebe für äußerliche Individualisierung nicht verhehlen, dass viele, die in die Stadt zurückkehren, gern unter ihresgleichen bleiben möchten und urbane Gegensätze lieber aus der Ferne sehen. Daher erfüllt sich nur selten die Hoffnung vieler Soziologen und Planer: Sie preisen gern das Stadtleben als die bessere Daseinsform, weil es Toleranz lehre, weil es kulturelle Mischung erlaube, weil es den Gemeinsinn schule. Vielen neuen Urbaniten hingegen bedeutet Stadt vor allem Lifestyle, und sie scheren sich nicht weiter um die Visionen der Aufklärer.
So bleibt am Ende vor allem Verwunderung: darüber, dass sich die Schreckensszenarios nicht erfüllt haben. Vor zehn Jahren hieß es noch, die Datenströme des digitalen Zeitalters würden die Stadt hinfortspülen, dank Internet werde alles überall möglich sein und der reale Ort ganz und gar unbedeutend. Heute sieht es so aus, als brauche gerade der vernetzte Mensch ebenjene Stadt, die es seit 7.000 Jahre gibt: dicht und öffentlich und ganz unvirtuell, mit lauter Plätzen des Austauschs und Straßen der Begegnung. Das Leben verflüssigt sich, wird flexibler, flüchtiger. Was aber bleibt, ist die Stadt.
- Datum 18.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.08.2005 Nr.34
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Sozikulturelle, ökonomische und ökologische Vorteile der Städte sind schon lange bekannt. Hintergrund für Wanderungen Richtung Land oder Stadt sind hauptsächlich politische Vorgaben. Vor allem das örtliche Planungsrecht mit einem Angebot an Bauland in ländlichen Gebieten begünstigte Neu-Dörfler. Ergebnis: Zersiedelung, Zerstörung gewachsener Dorfstrukturen, Landschaftsentstellung, Verkehrsbelastungen, Vereinsamung, .....
Nanu? Der Artikel tut ja gerade so, als wäre der Trend zurück in die Stadt erst in den letzten drei Jahren geboren worden - das stimmt so natürlich nicht. Selbstverständlich wird die Stadt überleben. Sie wird sicherlich noch einige Male ihr Image ändern (so etwas tut eine Dame höheren Alters ab und an) aber sie wird keinesfalls völlig verschwinden. Wer immer das prognostiziert hat, kennt die Menschen schlecht.
Die Menschen werden selbstverständlich auch morgen noch Neues auf seine Tauglichkeit hin ausprobieren. In den Städten ebenso, wie anderswo. Sie werden ihre Blechlawinen angehen, an ihren Lärm- und an ihren Feinstaubproblemen arbeiten, über die Folgen von Segregationsprozessen nachdenken und mit der Verteilung des Grüns oder der Kultur experimentieren. Sie werden den Umgang mit den Begehrlichkeiten des Handels üben und sie werden versuchen, dem großen Geld und den lauten Reden Paroli zu bieten. Das, was sich bewährt hat, werden sie notfalls wiederentdecken und das, was sich nicht bewährt, werden sie wieder und wieder über Bord werfen - und sei es auch nur für ein paar Jahrzehnte. Die Städte werden nicht nur überleben, sie werden sich entwickeln und die Menschen in und mit ihnen.
Ich nehme an, die Zukunft wird den Städten Bewohner bescheren, die sich nicht mehr danach richten, was die Stadt ihnen zu bieten hat. Es werden Bewohner sein, die nicht mehr passiv zuschauen, wie ihre Umgebung sich verändert, um dann entweder zu- oder abzuwandern. Die Bürger der kommenden Jahre werden es gelernt haben, sich diejenigen Dinge in ihre Städte zu holen, die sie brauchen. Gegen diejenigen Dinge, die stören, werden sie sich erfolgreich zur Wehr setzen. Die Instrumente dafür haben sie schon heute. Nun müssen sie nur noch lernen, was sie haben einvernehmlich und zum gegenseitigen Vorteil zu nutzen. Das ist die wirklich spannende Frage in diesem Zusammenhang: Wie lange wird das noch dauern?
Es stimmt, was auch den Kommentar "Stadtgeschichte(n)" zu diesem Artikel einleitet: Ganz neu ist der Trend zurück in die Städte nicht. Und dennoch bringt der Artilel von Hanno Rauterbach eine Reihe parallel wirkender Entwicklungslinien unter das essayistische Brennglas, von denen einige sich in jüngster Zeit erst so recht verstärken. Schön und überzeugend zum Beispiel bündelt er die sozio-ökonomischen Lebenslagen, die sich im strukturellen Wandel des Arbeitens und im demografischen Wandel des Lebens in Deutschland immer deutlicher heraus bilden.
Die vielleicht wichtigste aber ist die letzte Textpassage. Wie häufig, wie lange schon und wie blumig ist sie besungen worden: die mit dem Aufbau der Datennetze angeblich schwindende Bedeutung des realen Ortes. Das Gegenteil ist der Fall: immer größer wird der Bedarf an realen Begegnungen, an sinnlich erlebbaren "Events", kurz an einer Kultur, die nur die real örtliche Urbanität bieten kann. Und wie wichtig ist es, diesen wie so viele andere kopfgeborenen Topoi der sozialwissenschaftlich inspirierten Näherung an die reale Welt zu entmythologisieren.
Wichtig aber auch sein Fingerzeig auf das "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass"-Verhalten der neu-wohlhabenden Städter. Auch sie bleiben lange vor der Reifung für eine real ethnisch und also auch kulturell durchmischte Gesellschaft stehen. Da mögen sie noch so viele Ethno-Audios hören und noch so viele Weltküchen schmecken. Der Austausch mit den Nachbarn aus anderen Kulturen bleibt häufig schon deshalb aus, weil sich deutsche Wohngemütlichkeit auch innerstädtisch weiter abgrenzt.
Und damit erreichen wir einen Punkt, der mir persönlich immer wieder Bauchweh bereitet: die Ausblendung der globalen Perspektive in unseren Betrachtungen. Es sind höchst luxuriöse Bedingungen, unter denen sich in den demografisch verbilligten Stadtimmobilien die neue Gemütlichkeit einrichtet. Denn nicht nur hier, im reichen, aber jammervollen Deutschland, bleibt die Stadt der ganz reale Anziehungspunkt. Er bleibt es auch in den armen Ländern dieser Welt. Aber aus anderen und ganz alt-bekannten Gründen. Und es ist eine völlig andere Stadt, die DORT bleibt...
Karl-Heinz P. Kohn
Ich wünsche mir mehr solcher Artikel!
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