csu Der dreifache Stoiber

Bayerns Ministerpräsident steckt voller Widersprüche. Er ist zugleich politischer Missionar, Egozentriker und Zauderer

Man darf sich die Welt Edmund Stoibers niemals zu einfach vorstellen. Es gibt Tage, an denen strahlt der Himmel über der bayerischen Staatskanzlei. Drinnen liest der Hausherr schon früh am Morgen Akten. Am Mittag tagt sein Kabinett und beschließt eine Hand voll Reformen. Mal geht es um das bayerische Hochschulrecht, mal um die Frage, ob in Dießen am Ammersee ein Steg für ein neues Polizeiboot gebaut werden soll. Drei der Reformen seien einmalig in Deutschland, heißt es in einer sechsseitigen Pressemitteilung, die am Nachmittag verteilt wird. Stoiber referiert derweil die Ergebnisse einer neuen Standortstudie. Am Abend spielt der FC Bayern in der Allianz-Arena. Erst weit nach Mitternacht kommt der Ministerpräsident nach Hause. »Muschi«, wird er dann zu seiner Frau sagen (er nennt sie tatsächlich »Muschi«), »ich habe das schönste Amt der Welt.«

An anderen Tagen, meist sind es jene, an denen der bayerische Ministerpräsident schon früh vom Franz-Josef-Strauß-Flughafen in Richtung Berlin aufbricht, ist der Himmel trüb. Rekordarbeitslosigkeit, Rekordschulden, Nullwachstum. Selbst Edmund Stoibers Kinder müssen sich von einem Job zum nächsten hangeln. Und in Berlin herrscht Stillstand. Schröder regiert, immer noch. Stoiber verzweifelt. Am Abend, zurück in Wolfratshausen, wird ihn seine Frau fragen: »Mein Edelmann, warum tust du dir das an?« (Sie nennt ihn tatsächlich »mein Edelmann«.) Er antwortet: »Weil Deutschland wieder in der Champions League mitspielen muss.«

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Der Wahlkämpfer dreht auf. Und manchmal durch

Die Welt des Edmund Stoiber ist voller Widersprüche. Und auch wenn diese Widersprüche nicht alles entschuldigen, was Stoiber in den vergangenen Tagen über »Kälber«, »Frustrierte« und »Ostdeutsche« verbreitet hat – vielleicht helfen sie doch zu erklären, warum der CSU-Chef derzeit wie ein Derwisch über die politische Szene fegt und dabei den bereits sicher geglaubten Wahlsieg der Union noch einmal aufs Spiel setzt. Stoiber ist stets dreierlei zugleich. Er ist ein Polit-Maniac, ein Besessener, der etwas bewegen will, und brennt vor Ehrgeiz. Zugleich ist er ein Egozentriker, der immer erst an sich und Bayern denkt. Schließlich ist Stoiber ein Zauderer, weil die Verhältnisse ihn manchmal dazu zwingen und es obendrein seinem Naturell entspricht.

Es gibt nicht viele Politiker, die ihr Geschäft mit solcher Hingabe betreiben wie Edmund Stoiber. Schon gar nicht mit bald 64 Jahren. Stoiber macht seit dreieinhalb Jahrzehnten hauptberuflich Politik. Seit 1993 ist er Ministerpräsident. Dabei hat er sich einen erstaunlich unschuldigen Glauben an die Möglichkeiten der Politik – und damit an seine eigene Bedeutung – bewahrt. Zynismus oder Resignation liegen ihm fern. Stoiber glaubt den Grund dafür zu kennen, dass es Bayern gut geht, dass dort die besten Bildungsergebnisse erbracht werden, der Staat nicht hoffnungslos verschuldet und die Arbeitslosigkeit im Vergleich gering ist: Seit 1957 regiert ununterbrochen die CSU. Und er glaubt fest daran, dass es mit Deutschland bergauf gehen würde, wenn er nur selbst endlich etwas in Berlin zu sagen hätte.

Vor genau drei Jahren, im August 2002, war Stoiber beinahe am Ziel. Seitdem weiß er aus eigener bitterer Erfahrung, wie das ist, wenn ein Vorsprung beginnt zu bröckeln. Er hat erlebt, wie stark Schröder auf der Zielgeraden zulegen kann. »Den Wahlsieg gefährden wir nur, wenn wir glauben, es läuft von selbst«, lautet die Lehre, die er aus der Kampagne 2002 gezogen hat. Gerade deswegen dreht er derzeit ziemlich auf. Und manchmal durch. Doch Stoiber, der selbstlose (und selbst ernannte) Antreiber der Union, ist nie allein. Ob auf den Marktplätzen von Eisenach, Deggendorf oder Hamburg oder beim Sommerinterview des ZDF in Südfrankreich: Stets steht ein zweiter Stoiber neben ihm. Einer, der die Niederlage gegen Schröder vor drei Jahren bis heute als sehr persönliche Angelegenheit betrachtet. Und einer, der immer noch fest daran glaubt, er allein könnte Deutschland am allerbesten führen.

Es war am Abend der Wahl 2002, Stoiber war gerade in einem hohlen Triumphzug nach Bayern zurückgekehrt, als er seinen Anhängern in der Münchner Hanns-Seidel-Stiftung zurief: »Binnen Jahresfrist werde ich die Regierung neu bilden.« Am Tag darauf kündigte er eine Reise in die USA an, »als Spitzenrepräsentant der Union«. Nun muss er zusehen, wie Angela Merkel unter günstigeren Vorzeichen vollendet, was er vor drei Jahren begonnen hat. Sein früherer Wahlkampfmanager Michael Spreng hat unlängst verraten, was die CSU – und mit ihr Stoiber – von Merkel hält. »Die Kanzlerkandidatin«, so Spreng, »ist aus ihrer Sicht zweit- oder sogar nur drittbeste Wahl.«

Will Stoiber Merkel also absichtlich schaden? Das nicht. Eher erinnert der bayerische Ministerpräsident in diesen Tagen an den Fußballspieler Oliver Kahn, der glaubte, er könne als Torwart die Weltmeisterschaft 2002 im Alleingang gewinnen – und dann im Endspiel patzte. Dass Stoibers abfällige Bemerkungen über Ostdeutschland der Union im Wahlkampf geschadet haben, wird auch in München nicht bestritten. Doch dass Stoiber einen solchen Fehler öffentlich einräumen, sich gar entschuldigen könnte, widerspricht seinem Selbstbild. Und dem Bild, das seine Paladine tagtäglich von ihm entwerfen. Selbstkritik, das sei »so gar nicht seine Art«, sagt einer, der Stoiber seit vielen Jahren kennt.

Doch was will der Bayer? Welches Ziel hat Stoiber vor Augen? Doch Berlin?

In Bayern ist der Stoiberismus längst an seine natürlichen Grenzen gestoßen. Die Staatskanzlei schnurrt, die Fraktion pariert, alle Kompassnadeln in der Partei sind auf den großen Vorsitzenden ausgerichtet. Besser als bei der Landtagswahl vor zwei Jahren – die CSU erreichte 60,7 Prozent – kann es kaum noch werden. Aber hört man sich in der CSU derzeit um, was aus Stoiber nach einer gewonnenen Bundestagswahl wird, erhält man ganz unterschiedliche Antworten, je nachdem, welche Facette des Ministerpräsidenten gerade zum Vorschein tritt. Ein enger Mitarbeiter ist sich sicher: »Der geht nach Berlin, der brennt darauf, ganz oben mitzugestalten.« – »Nein«, sagt ein anderer Vertrauter, »wer selber einmal fast Kanzler war, der kann und will sich doch nicht unterordnen.« Als Beleg verweist der Adlatus auf eine Sitzung der CSU-Landtagsfraktion, bei der Stoiber unverblümt mitgeteilt habe: Man müsse sich schon sehr genau überlegen, ob man in Berlin die Nummer zwei sein wolle, hinter Merkel.

Unpatriotisch? »Das kommt darauf an, wie Sie die Patria definieren«

Und es gibt eine dritte Antwort, die offenbart, warum Stoiber sich mit einer Entscheidung so schwer tut – sie lautet: Egal, was er macht, es darf der CSU nicht schaden. Am allerwichtigsten sei es, dass die Partei geschlossen bleibe (keine Nachfolgekämpfe um das Amt des Ministerpräsidenten!) und bei der nächsten Landtagswahl wieder 50 Prozent plus X erreiche. Bayern first? Das ist eine recht kleinliche Antwort, zumal wenn es stimmt, was Stoiber landauf, landab verkündet: dass Deutschlands Zukunft auf dem Spiel steht. Ist das nicht ziemlich unpatriotisch? »Das kommt darauf an, wie sie die Patria definieren«, entgegnet ein führender CSUler und lacht.

Nicht, dass Edmund Stoiber sich keine politische Aufgabe außerhalb Bayerns vorstellen könnte. Der Reiz ist da. Doch soll er ernsthaft Wirtschafts-, Arbeits- oder Finanzminister werden? Als Bayer verantwortlich sein für harte Einschnitte in das soziale Netz, ohne die Gewähr, schnelle Erfolge auf dem Arbeitsmarkt vorweisen zu können? »Da gerät die bayerische Landtagswahl 2008 für uns zum Überlebenskampf«, graust es einem seiner Vertrauten. Und Außenminister? Im vergangenen Jahr hätte Stoiber Bundespräsident werden können. Damals hat er dankend abgelehnt, weil er zum bloßen Repräsentieren kaum taugt. Selbst die Offerte des Bundeskanzlers, ihn als EU-Kommissionspräsidenten zu nominieren, hat er ausgeschlagen. So recht wohl fühlt er sich nicht auf internationalem Parkett.

Stoibers jüngste Eskapaden haben einen Wechsel nach Berlin ohnehin zusätzlich erschwert. Und so wird Edmund Stoiber am Ende möglicherweise doch in Bayern bleiben. Von München aus kann er als mächtiger Landesfürst in der Berliner Politik mitmischen oder – wenn die Interessen es erfordern – nur den Bayern spielen. Er könnte weiter hin- und her-lavieren, wenn es ihm beliebt, Merkel jederzeit dazwischenfahren und dem Land kraftmeierisch demonstrieren, dass er und die Bayern es sowieso am allerbesten können. In München bliebe der dreifache Stoiber ungefährdet: der Maniac, der Egozentriker, der Zauderer.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel entspricht auch meiner Einschätzung.

    Herr Stoiber ist sehr unglaubwürdig.
    Wenn man bei einer Bundestagswahl antritt muß das Ziel darin bestehen in das Parlament gewählt zu werden.

    Ein taktieren kann daher nicht akzeptiert werden.

    Solange ein Kandidat nicht klar seine Ziele formuliert und auch persöhnlich dazu steht ist er für die Partei äußerst widersprüchlich.

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