DIE ZEIT: Herr Buttiglione, Herr Thierse, wann waren Sie zuletzt in der Kirche?

Rocco Buttiglione: Letzten Sonntag.

Wolfgang Thierse: Vor zwei Wochen. Letzten Sonntag war ich unterwegs.

ZEIT: Geht es die Öffentlichkeit überhaupt etwas an, ob Sie in die Kirche gehen? Oder ist Religion Privatsache?

Buttiglione: Religion ist nicht nur Privatsache. Sie konstituiert die Identität eines Menschen. Religion hat deshalb einen Effekt auf alles, was man tut, Politik eingeschlossen. Heißt das, dass die Katholiken in der Politik Befehlen des Vatikans zu gehorchen haben? Selbstverständlich nicht. Denn meine Religion sagt mir, dass ich im Bereich der Politik wie in allen Bereichen des Lebens meinem Gewissen gehorchen soll. Das Gewissen ist der Ort, an dem der Mensch ganz allein mit Gott in Berührung kommt.

Thierse: Natürlich ist Religion zunächst Privatsache, insofern sie eine immer neue individuelle Entscheidung des Einzelnen ist. Aber da ich der Überzeugung bin, dass es den christlichen Glauben nicht nur als geglaubten Glauben geben kann, sondern dass er immer eine Form menschlicher Praxis ist und damit auch in einem vernünftigen Sinn eine gesellschaftliche und öffentliche Dimension hat, sind öffentlich und privat nicht ganz zu trennen.

ZEIT: Gibt es so etwas wie einen katholischen Politiker? Oder gibt es nur weltliche Politiker?

Buttiglione: Heute gibt es katholische Politiker, weil manchmal Katholiken in der Politik diskriminiert werden. Im Prinzip aber würde ich sagen, es gibt keine "katholischen Politiker". In der Politik bewege ich mich nach den Prinzipien des Naturrechtes, das heißt der menschlichen Vernunft. Ich beziehe keine besondere Autorität von meinem Glauben. Aber hoffentlich hilft mir mein Glaube, das Menschliche besser zu verstehen.

Thierse: Ich glaube nicht, dass es eine unmittelbare Diskriminierung des christlichen Bekenntnisses von Politikern gibt, eher ein Desinteresse daran.

ZEIT: Herr Buttiglione, was haben Sie vor Augen, wenn Sie sagen, katholische oder christliche Positionen in der Politik werden diskriminiert?

Buttiglione: Wir erleben heute in Europa eine Woge des Nihilismus. Dieser Nihilismus hat das Christentum als Hauptgegner gewählt. Zugleich richtet er sich gegen die Aufklärung. Die Aufklärung hatte als Hauptbegründung die Idee eines Naturrechtes, einer menschlichen Vernunft, die die Wahrheit suchen und manchmal – nicht immer – die Wahrheit auch erreichen kann. Der neue Nihilismus sagt: Es gibt keine Wahrheit. Es wird behauptet, all jene, die moralische Überzeugungen haben, seien schlechte Bürger und könnten keine Demokraten sein. Dagegen wehren sich nicht nur die Christen, sondern auch die Liberalen, jene, die sich auf das Erbe des aufgeklärten Liberalismus berufen.

Thierse: Ich habe Zweifel, ob der Begriff des Nihilismus angemessen ist. Unübersehbar ist, dass die Bindungswirkung des Christentums dramatisch abgenommen hat, auch in Europa, dem ehemals so christlich geprägten Kontinent. Wir erleben die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher religiöser Ansprüche, also auch eine Konkurrenz von Wahrheitsansprüchen, die Präsenz unterschiedlicher Religionen. Auch unterschiedliche philosophische Ansätze konkurrieren miteinander. Zugleich erleben wir etwas anderes: die Dominanz des Ökonomismus, einen Zeitgeist, der bestimmt ist durch betriebswirtschaftliches Denken. Der absolute Sieg des Konsumismus erstickt Sinnfragen, die über den Tag hinaus reichen. Das ist es, was mich beunruhigt.

ZEIT: Herr Buttiglione geht aber noch einen Schritt weiter und sagt: Derjenige Politiker, der diese Sinnfragen stellt, wird diskriminiert.