InternetDie Humanisierung des Netzes

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht von Mario Sixtus

Für alteingesessene Netznutzer ist Nachsitzen angesagt. Eine E-Mail-Adresse zu besitzen und unfallfrei einen Web-Browser bedienen zu können genügt nicht mehr, um "drin" zu sein. "Social Software", soziale Dienste und Anwendungen, verändern das Internet gerade gewaltig. Auch viele Zeitgenossen, die sich im Grunde ihres Herzens für Netz-affin halten, verpassen den Anschluss – und wissen es selbst nicht einmal. "Es entsteht gerade eine riesige Kluft. Wer jetzt nicht dabei ist, dem entgehen wesentliche Möglichkeiten", befürchtet Thomas Burg. Der Wissenschaftler leitet das Institut für Neue Medien an der Donau-Universität Krems. Er warnt angesichts des behäbigen Verhaltens der Internet-Nutzer im deutschsprachigen Raum vor einer "Digitalen Spaltung zweiter Ordnung".

Medienforscher wie Burg beobachten eine Umwälzung, die jeder, der sich nur mit den bunten Frontseiten des World Wide Web begnügt, soeben verschläft. Ein dichtes Geflecht von Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, wächst da heran – sozusagen ein Netz im Netz. Menschen teilen darin Faktenwissen und Expertentipps ebenso wie ihre Fotosammlungen und Musikvorlieben. Und im Unterschied zu früher versteckt sich hier keiner mehr hinter Decknamen, niemand hantiert mehr folgenlos im luftleeren Raum, die virtuelle Welt ist realer geworden. Die Akteure treten auf wie im echten Leben, lernen einander kennen, knüpfen private und berufliche Kontakte. Sie bahnen Geschäfte an, planen Projekte oder schachern sich gegenseitig Arbeitsplätze zu. Wer von Social Software profitieren will, muss allerdings selbst aktiv werden. Anders als die Klüngelclubs und Seilschaften vergangener Zeiten stehen die neuen Netzwerke jedem offen. Den Techniken, die dabei angewandt werden, räumt Thomas Burg ein enormes Potenzial ein. Zwar könne man auch noch "eine Weile" ohne Social Software klar kommen, aber: "Wer sie nutzt, hat einen eindeutigen Vorteil gegenüber Leuten, die das nicht tun – persönlich und beruflich."

Anzeige

Nur, die Handhabung der neuen Werkzeuge will erst gelernt sein. "Die Web-Dienste der ersten Generation besaßen alle eine Entsprechung in der realen Welt", erläutert der Journalist und Buchautor Doc Searls. "Versandhändler, Auktionshäuser oder Online-Banking brauchte man nicht zu erklären, das versteht jeder sofort." Bei RSS und Social Bookmarking, bei Blogs und Trackback, Podcasts und Feeds ist das anders.

Am Anfang war das Blog

Das Rückgrat der neuen Bewegung besteht aus einer Vielzahl einzelner Online-Journale (Weblogs oder kurz Blogs). Ihre Gesamtheit nennt man auch Blogosphäre. Mit einer kostenlosen Blog-Software, wie sie zum Beispiel der Anbieter Blogg.de zur Verfügung stellt, kann jeder – auch der Programmierunkundige – eine Art Log- oder Tagebuch ins Internet stellen. Neue Einträge erscheinen am Anfang der Seite, und jeder Leser kann Kommentare hinterlassen. Die Trackback-Funktion erlaubt es, zu verfolgen, in welchen fremden Blogs Einträge aufgegriffen worden sind und wo Debatten weitergeführt werden. Denn Blogger sind schrecklich geschwätzig. Sie schreiben gern voneinander ab. Noch lieber kommentieren sie.

"Bloggen ist wie Schneebälle einen Hang herunterrollen, manche bleiben liegen, andere rollen weiter, manche werden sogar riesig", sagt Searls. Ein einziger inspirierter Eintrag kann in der Welt der Blogs eine Eigendynamik ohnegleichen entwickeln. Daher gilt die Blogosphäre als Frühwarnsystem für Themen, Trends und manchmal sogar Nachrichten. "Blogs sind Gespräche", persifliert sich Searls selbst. Mit der Phrase "Märkte sind Gespräche" hatte er vor sechs Jahren die Grundlage des Cluetrain Manifests gelegt (ZEIT Nr. 27/00). In dieser Kampfschrift für eine "neue Unternehmenskultur im digitalen Zeitalter" warfen Searls und seine Koautoren der Wirtschaft vor, das Internet und seine Kommunikationsmöglichkeiten nicht zu begreifen. Inzwischen hofft Searls: "Blogs können Firmen helfen, ihre Kunden besser zu verstehen."

Leserkommentare
  1. In der Fachwelt werden die neuen Erfindungen unter dem Begriff "social machines" diskutiert. Ein sehr guter Aufsatz mit vielen Beispielen findet man unter: http://www.continuousblog...
    Die neuen sozialen Möglichkeiten werden insbesondere durch eine Verbindung der neuen kleine transportablen digitalen Geräte (iPod, Handy, Laptop usw), durch das Internet und die kabellosen Verbindungen und eben durch die neuen Programme und Software, die ganz neue Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten eröffnen.

    • EJulian
    • 27. August 2005 13:11 Uhr

    Was fehlt, ist eine Reflexion auf die Wirkungen, die das qualitativ neue Netz auf die Stellung der professionellen Meinungsmacher (in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) hat. Die sind durchaus ambivalent. Zunächst mag es – unter demokratietheoretisch partizipatorischen Gesichtspunkten - erfreulich erscheinen und auch sein, dass deren Monopol, wenn noch nicht gebrochen, mindestens schon beeinträchtigt, langfristig gefährdet ist. Was bedeutet das aber für die politische und gesellschaftliche Konsensfähigkeit? Ich jedenfalls sehe - beobachte - in dem jetzt "humanisierten" Netz eine deutliche Tendenz zu horizontal und vertikal _abgeschlossenen_ und oftmals weitgehend _selbstreferenziellen_ Netzwerken, die eine starke Tendenz haben, vom außerhalb (noch) bestehenden kulturellen und gesellschaftlichen Konsens abzuweichen. Wenn es den professionell-fundierten Meinungsmachern nicht gelingt, sich in das neue Netz einzuflechten, und bisher sind ihre entsprechenden Bemühungen eher nur zögerlich und wenig gekonnt, dürfte das nicht ohne – eher unerwünschte – kulturelle, gesellschaftliche und politische Folgen bleiben.

    julian@alpenjodel.de

  2. Wie in Arbeitsbüchern die Randbemerkungen sind die genannten Kommentare eigentlich Notizen der Gedanken, die ich mir zu dem Gelesenen mache.

  3. Na, wenn das nicht gut klingt: Die Humanisierung des Netzes! Wer kann dagegen schon Vorbehalte haben?

    Und tatsächlich: Als gute Demokraten freuen wir uns, wenn Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zunehmen, wenn Masken fallen und Minderheiten endlich zu Wort kommen. Es gefällt uns, wenn wir das Gefühl haben, selbst das ausgefallenste Thema fände noch (s)eine ganz persönliche Mehrheit im globalen Dorf. Schließlich dürfen wir uns einbilden, wir würden das Leben der Menschen um Facetten bereichern, die sonst kaum je zu erkennen gewesen wären. Aber ist das tatsächlich wahr und: Ist das alles?

    Humanisieren bedeutet immer auch, die inneren Konflikte der Menschheit auf irgend etwas zu übertragen. Einer dieser Konflikte besteht in der immer rascher immer tiefer werdenden Spaltung in die, die dazu gehören, und die anderen. Es ist nicht vordringlich ein Problem Deutschlands, wenn seine Bürger neue Chancen im Netz verschlafen. Es ist in erster Linie das Problem jedes Einzelnen. Und es ergeben sich selbst für den, der "dabei" ist, nicht nur adaptierte (nicht neue!) Chancen aus den neuen Technologien, sondern auch adaptierte Risiken.

    Wer den Begriff Segregation kenn, weiß, wovon ich rede. Es ist ein alter Hut: Wenn man nicht Dutzende von Unfähigen hinter sich her schleppen muss, bewegt man sich schneller. Die Geschwindigkeit der Veränderungen nimmt heutzutage weniger deswegen zu, weil die Rechner schneller arbeiten. Sie nimmt zu, weil die Menschen sich zunehmend spezialisieren, weil sie sich auf Einzelthemen konzentrieren und weil sie sich zu Spezialistengruppen zusammenschließen. Die neueren Entwicklungen im Netz beruhen genau auf diesem Phänomen. Ich muss nicht mehr suchen, man findet mich. Das bedeutet Zeiteinsparung, das Vermeiden von Um- und Mehrwegen, aber eben auch Abnahme der Möglichkeit, rein zufällig und unbeabsichtigt oder aber gezwungenermaßen über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen.

    Nein, man braucht unter seinesgleichen keine Maske. Man ist schließlich zu Hause. Man muss sich denen, die einen nicht begreifen, nicht stellen. Es gibt genügend andere. Gruppen geben Sicherheit, sie schränken einen allerdings mitunter auch beträchtlich ein. Man schmort sozusagen im eigenen Saft. Und das fatale an den neuen technischen Möglichkeiten: Andere tun das auch. Es ist nicht auszuschließen, dass letztendlich Tausende, gar Millionen von Parallelwelten existieren, die zwar weltweit vernetzt sind, untereinander jedoch nur noch sehr wenig Kontakt haben. Eine Horrorvision: Ein Planet voller hochspezialisierter Autisten.

    Der Mensch geht mehrheitlich ganz gern den leichten Weg, nicht den, der am besten für ihn wäre. Er nennt dieses Vorgehen human. Das Netz unterstützt diese Vorliebe. Nur der eigenverantwortliche, selbstkritische und unbequeme Mensch kann die Chancen und die Risiken der gegenwärtigen Netzentwicklung voneinander unterscheiden und im Gleichgewicht halten. Dürfen wir denn sicher sein, dass wir alle bereits solche Menschen sind?

    • Charly
    • 28. August 2005 20:21 Uhr

    Dem Autor möchte man am liebsten eine Dankestorte backen und ins Gesicht werfen.

    Ja, er hat mir eine neue Welt erschlossen. Seit heute Blogge ich! Und finde es toll. Danke!

    Aber hey, ich mache das freiwillig!
    Sie müssen mir nicht mit Verlust der Arbeitsstelle, der sozialen Kontakte und jeglichen Ansehens in der Welt drohen.
    Glauben Journalisten eigentlich, dass sie immer und bei jedem Thema eine Angskulisse aufbauen müssen?

    Bitte, bitte, laßt die Angst-Peitsche doch wenigsten am Sonntag versteckt. Morgen könnt ihr mir wieder erzählen, dass es Deutschland noch nie, niemals so schlecht ging wie heute und dass ich mich jeden Tag zwei Stunden bilden muss um den Anschluß nicht zu verpassen und zum Alteisen abgeschoben zu werden.

    • EJulian
    • 29. August 2005 14:21 Uhr

    Was fehlt, ist eine Reflexion auf die Wirkungen, die das qualitativ neue Netz auf die Stellung der professionellen Meinungsmacher (in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) hat. Die sind durchaus ambivalent. Zunächst mag es – unter demokratietheoretisch partizipatorischen Gesichtspunkten - erfreulich erscheinen und auch sein, dass deren Monopol, wenn noch nicht gebrochen, mindestens schon beeinträchtigt, langfristig gefährdet ist. Was bedeutet das aber für die politische und gesellschaftliche Konsensfähigkeit? Ich jedenfalls sehe - beobachte - in dem jetzt "humanisierten" Netz eine deutliche Tendenz zu horizontal-personell und vertikal-neiveaumäßig _abgeschlossenen_ und oftmals weitgehend _selbstreferenziellen_ Netzwerken, die eine starke Tendenz haben, vom außerhalb (noch) bestehenden kulturellen und gesellschaftlichen Konsens abzuweichen. Wenn es den professionell-fundierten Meinungsmachern nicht gelingt, sich in das neue Netz einzuflechten, und bisher sind ihre entsprechenden Bemühungen eher nur zögerlich und wenig gekonnt, dürfte das nicht ohne – eher unerwünschte – kulturelle, gesellschaftliche und politische Folgen bleiben.

    Die klassische mediale Meinungsmacht ist gebrochen, jedenfalls insofern sie wesentlich auch darin bestand,
    (1) dass der medial geäußerten Meinung, wenn überhaupt, nur medial widersprochen werden konnte,
    (2) die entsprechenden Medien aber nur den professionellen Meinungsmachern zu Verfügung standen.
    Potentiell steht jetzt jedermann die gleiche (globale) mediale Reichweite zur Verfügung. Jeder Netzteilnehmer ist für jeden anderen Netzteilnehmer erreichbar. Mit bloßem "lies!", "höre!", "schau!", "und merk' dir's" ist es nicht mehr getan. Wer unzugänglich, nicht kommunikationsbereit ist, riskiert, ignoriert zu werden.

    julian@alpenjodel.de

    • yeomeo
    • 30. August 2005 0:27 Uhr

    Die meisten der neuen Angebote sind gute Werkezeuge wie z.B. die von Ihnen in der Linkliste genannte Site del.icou.us (Link oder auch Blog-Aggregstoren wie Blogsnow.com (Link. Sie helfen derzeit (bis Spamer die Angebote für sich entdecken) besser als Suchmaschinen, Informationen zu bestimmten Themenbereichen oder einen Überblick über Themenstränge zu finden. Ein wenig wirkt hier das alte human-made Katalogprinzip, auch wenn die Angebotsseiten nun eine erheblich komplexere Technik haben. Die Redaktion wird nicht mehr von wenigen betrieben, eine Web-Gemeinschaft verbunden durch clever entwickelte Webseiten selektiert via unterschiedlich ermittlete Linkhäufigkeit interessante Inhalte.

  4. 8. Exakt

    Das "verpassen den Anschluss – und wissen es selbst nicht einmal" trifft exakt, sogar den Autor des Artikels. Wird doch der Bereich der Wikis, in denen diese persönliche Involvierung, der Dialog, der Austausch von Wissen und Erfahrung am tiefsten ist, nicht mal erwähnt.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Internet | Microsoft | Blog | Blogosphäre | RSS | London
Service