Internet Die Humanisierung des NetzesSeite 5/5

Bemerkenswert ist auch die neue Sitte, im Netz überwiegend als man selbst aufzutreten – ohne Maske. Dominieren in Foren und Chats des alten Netzes immer noch per Pseudonym anonymisierte Netznutzer, agieren die meisten Weblog-Autoren unter ihrem echten Namen. Medienwissenschaftler Thomas Burg erklärt diesen Kulturwandel so: »Man kann sich online eine Reputation aufbauen, beispielsweise durch ein fachlich gutes und interessantes Weblog. Die Anerkennung dafür kann man dann in der echten Welt nutzen.« Wie man es schafft, Web und Wirklichkeit miteinander zu verbinden, zeigt exemplarisch der Düsseldorfer Anwalt Udo Vetter. Seit rund zwei Jahren beschreibt der 40-Jährige in seinem LawBlog mit trockenem Humor und launigem Tonfall seinen Arbeitsalltag zwischen Strafgericht und Straßenverkehrsamt. Bisweilen wird in dem Blog auch heiß diskutiert: Zum Eintrag über einen aktuellen Fall sammelten sich kürzlich binnen eines einzigen Tages über 200 Leserkommentare an. Diese Aufmerksamkeit spürt Vetter auch beruflich. »Anfangs war es wirklich nur ein Spaß«, sagt er, »ich schreibe gern, und als ich Blogs entdeckte, bot sich dieses Format einfach an.« Seit etwa einem halben Jahr ist ein zweiter Aspekt hinzugekommen. »Seit neuestem häufen sich die Erstklienten, die mich nur aus dem Internet kennen. Inzwischen ist mein Blog tatsächlich zu einem Wirtschaftsfaktor für mich mutiert; das hätte ich so nie erwartet.«

Die Stärken der neuen Technologien zeigen sich in den Auswirkungen außerhalb des Netzes. Wer sie einzusetzen weiß, sieht im Idealfall die Resultate an seinem Arbeitsplatz, im Auftragsbuch, auf dem Kontoauszug – oder im Bekanntenkreis. Schließlich geht es um eine Humanisierung des Netzes.

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Leser-Kommentare
  1. Na, wenn das nicht gut klingt: Die Humanisierung des Netzes! Wer kann dagegen schon Vorbehalte haben?

    Und tatsächlich: Als gute Demokraten freuen wir uns, wenn Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zunehmen, wenn Masken fallen und Minderheiten endlich zu Wort kommen. Es gefällt uns, wenn wir das Gefühl haben, selbst das ausgefallenste Thema fände noch (s)eine ganz persönliche Mehrheit im globalen Dorf. Schließlich dürfen wir uns einbilden, wir würden das Leben der Menschen um Facetten bereichern, die sonst kaum je zu erkennen gewesen wären. Aber ist das tatsächlich wahr und: Ist das alles?

    Humanisieren bedeutet immer auch, die inneren Konflikte der Menschheit auf irgend etwas zu übertragen. Einer dieser Konflikte besteht in der immer rascher immer tiefer werdenden Spaltung in die, die dazu gehören, und die anderen. Es ist nicht vordringlich ein Problem Deutschlands, wenn seine Bürger neue Chancen im Netz verschlafen. Es ist in erster Linie das Problem jedes Einzelnen. Und es ergeben sich selbst für den, der "dabei" ist, nicht nur adaptierte (nicht neue!) Chancen aus den neuen Technologien, sondern auch adaptierte Risiken.

    Wer den Begriff Segregation kenn, weiß, wovon ich rede. Es ist ein alter Hut: Wenn man nicht Dutzende von Unfähigen hinter sich her schleppen muss, bewegt man sich schneller. Die Geschwindigkeit der Veränderungen nimmt heutzutage weniger deswegen zu, weil die Rechner schneller arbeiten. Sie nimmt zu, weil die Menschen sich zunehmend spezialisieren, weil sie sich auf Einzelthemen konzentrieren und weil sie sich zu Spezialistengruppen zusammenschließen. Die neueren Entwicklungen im Netz beruhen genau auf diesem Phänomen. Ich muss nicht mehr suchen, man findet mich. Das bedeutet Zeiteinsparung, das Vermeiden von Um- und Mehrwegen, aber eben auch Abnahme der Möglichkeit, rein zufällig und unbeabsichtigt oder aber gezwungenermaßen über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen.

    Nein, man braucht unter seinesgleichen keine Maske. Man ist schließlich zu Hause. Man muss sich denen, die einen nicht begreifen, nicht stellen. Es gibt genügend andere. Gruppen geben Sicherheit, sie schränken einen allerdings mitunter auch beträchtlich ein. Man schmort sozusagen im eigenen Saft. Und das fatale an den neuen technischen Möglichkeiten: Andere tun das auch. Es ist nicht auszuschließen, dass letztendlich Tausende, gar Millionen von Parallelwelten existieren, die zwar weltweit vernetzt sind, untereinander jedoch nur noch sehr wenig Kontakt haben. Eine Horrorvision: Ein Planet voller hochspezialisierter Autisten.

    Der Mensch geht mehrheitlich ganz gern den leichten Weg, nicht den, der am besten für ihn wäre. Er nennt dieses Vorgehen human. Das Netz unterstützt diese Vorliebe. Nur der eigenverantwortliche, selbstkritische und unbequeme Mensch kann die Chancen und die Risiken der gegenwärtigen Netzentwicklung voneinander unterscheiden und im Gleichgewicht halten. Dürfen wir denn sicher sein, dass wir alle bereits solche Menschen sind?

    • yeomeo
    • 30.08.2005 um 0:27 Uhr

    Die meisten der neuen Angebote sind gute Werkezeuge wie z.B. die von Ihnen in der Linkliste genannte Site del.icou.us (Link oder auch Blog-Aggregstoren wie Blogsnow.com (Link. Sie helfen derzeit (bis Spamer die Angebote für sich entdecken) besser als Suchmaschinen, Informationen zu bestimmten Themenbereichen oder einen Überblick über Themenstränge zu finden. Ein wenig wirkt hier das alte human-made Katalogprinzip, auch wenn die Angebotsseiten nun eine erheblich komplexere Technik haben. Die Redaktion wird nicht mehr von wenigen betrieben, eine Web-Gemeinschaft verbunden durch clever entwickelte Webseiten selektiert via unterschiedlich ermittlete Linkhäufigkeit interessante Inhalte.

  2. Was fehlt, ist eine Reflexion auf die Wirkungen, die das qualitativ neue Netz auf die Stellung der professionellen Meinungsmacher (in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) hat. Die sind durchaus ambivalent. Zunächst mag es – unter demokratietheoretisch partizipatorischen Gesichtspunkten - erfreulich erscheinen und auch sein, dass deren Monopol, wenn noch nicht gebrochen, mindestens schon beeinträchtigt, langfristig gefährdet ist. Was bedeutet das aber für die politische und gesellschaftliche Konsensfähigkeit? Ich jedenfalls sehe - beobachte - in dem jetzt "humanisierten" Netz eine deutliche Tendenz zu horizontal-personell und vertikal-neiveaumäßig _abgeschlossenen_ und oftmals weitgehend _selbstreferenziellen_ Netzwerken, die eine starke Tendenz haben, vom außerhalb (noch) bestehenden kulturellen und gesellschaftlichen Konsens abzuweichen. Wenn es den professionell-fundierten Meinungsmachern nicht gelingt, sich in das neue Netz einzuflechten, und bisher sind ihre entsprechenden Bemühungen eher nur zögerlich und wenig gekonnt, dürfte das nicht ohne – eher unerwünschte – kulturelle, gesellschaftliche und politische Folgen bleiben.

    Die klassische mediale Meinungsmacht ist gebrochen, jedenfalls insofern sie wesentlich auch darin bestand,
    (1) dass der medial geäußerten Meinung, wenn überhaupt, nur medial widersprochen werden konnte,
    (2) die entsprechenden Medien aber nur den professionellen Meinungsmachern zu Verfügung standen.
    Potentiell steht jetzt jedermann die gleiche (globale) mediale Reichweite zur Verfügung. Jeder Netzteilnehmer ist für jeden anderen Netzteilnehmer erreichbar. Mit bloßem "lies!", "höre!", "schau!", "und merk' dir's" ist es nicht mehr getan. Wer unzugänglich, nicht kommunikationsbereit ist, riskiert, ignoriert zu werden.

    julian@alpenjodel.de

  3. Wie in Arbeitsbüchern die Randbemerkungen sind die genannten Kommentare eigentlich Notizen der Gedanken, die ich mir zu dem Gelesenen mache.

  4. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Podcasts, wie man sehr gut auf http://www.podster.de/ sehen kann, dem Portal für Deutsche Podcasts.
    Merkwürdig nur, dass in der Zeit bisher nichts zum Thema Podcasting zu lesen war, wo doch die Pioniere der Deutschen Podcast-Szene von der ZEIT in Zusammenarbeit mit Audible auf der IFA in Berlin präsentiert wurden.

    • Charly
    • 28.08.2005 um 20:21 Uhr

    Dem Autor möchte man am liebsten eine Dankestorte backen und ins Gesicht werfen.

    Ja, er hat mir eine neue Welt erschlossen. Seit heute Blogge ich! Und finde es toll. Danke!

    Aber hey, ich mache das freiwillig!
    Sie müssen mir nicht mit Verlust der Arbeitsstelle, der sozialen Kontakte und jeglichen Ansehens in der Welt drohen.
    Glauben Journalisten eigentlich, dass sie immer und bei jedem Thema eine Angskulisse aufbauen müssen?

    Bitte, bitte, laßt die Angst-Peitsche doch wenigsten am Sonntag versteckt. Morgen könnt ihr mir wieder erzählen, dass es Deutschland noch nie, niemals so schlecht ging wie heute und dass ich mich jeden Tag zwei Stunden bilden muss um den Anschluß nicht zu verpassen und zum Alteisen abgeschoben zu werden.

  5. 7. Exakt

    Das "verpassen den Anschluss – und wissen es selbst nicht einmal" trifft exakt, sogar den Autor des Artikels. Wird doch der Bereich der Wikis, in denen diese persönliche Involvierung, der Dialog, der Austausch von Wissen und Erfahrung am tiefsten ist, nicht mal erwähnt.

  6. Was fehlt, ist eine Reflexion auf die Wirkungen, die das qualitativ neue Netz auf die Stellung der professionellen Meinungsmacher (in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) hat. Die sind durchaus ambivalent. Zunächst mag es – unter demokratietheoretisch partizipatorischen Gesichtspunkten - erfreulich erscheinen und auch sein, dass deren Monopol, wenn noch nicht gebrochen, mindestens schon beeinträchtigt, langfristig gefährdet ist. Was bedeutet das aber für die politische und gesellschaftliche Konsensfähigkeit? Ich jedenfalls sehe - beobachte - in dem jetzt "humanisierten" Netz eine deutliche Tendenz zu horizontal und vertikal _abgeschlossenen_ und oftmals weitgehend _selbstreferenziellen_ Netzwerken, die eine starke Tendenz haben, vom außerhalb (noch) bestehenden kulturellen und gesellschaftlichen Konsens abzuweichen. Wenn es den professionell-fundierten Meinungsmachern nicht gelingt, sich in das neue Netz einzuflechten, und bisher sind ihre entsprechenden Bemühungen eher nur zögerlich und wenig gekonnt, dürfte das nicht ohne – eher unerwünschte – kulturelle, gesellschaftliche und politische Folgen bleiben.

    julian@alpenjodel.de

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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