Ist dies nun der erhoffte Durchbruch in der Stammzellforschung? Eine Sensation? Zumindest wurden Ergebnisse der Harvard University vom Fachblatt Science in dieser Woche als solche verkündet. Schon rumort es in den Expertenzirkeln des Deutschen Bundestags. Geht die Stammzelldebatte jetzt erst richtig los?

Dem Team von Kevin Eggan war es gelungen, erwachsene Körperzellen eines Menschen zu "reprogrammieren". Es versetzte sie in den Zustand embryonaler Zellen zurück, und dies ganz ohne Eizellspenden, ohne die Zerstörung eines Embryos, ohne Klonen. Haben die Biotechniker aus Haut- und Knochenzellen ein potenzielles Heilmittel gezaubert, ohne dass in dem Verfahren ethischer Konfliktstoff auszumachen wäre?

Ihr Trick: Sie verschmolzen Körperzellen mit gezüchteten embryonalen Stammzellen (ES). Und siehe da, auch die Körperzelle nahm daraufhin wieder den juvenilen Zustand an. Im Prinzip sollte es also in Zukunft möglich sein, patientenspezifische ES-Zelllinien für Therapien zu erzeugen, ohne auf das ethisch umstrittene therapeutische Klonen von Embryonen zurückgreifen zu müssen.

Im Prinzip, wohlgemerkt. Tatsächlich hat die vermeintliche Pioniertat viel eher politische als wissenschaftliche Bedeutung. Der Befund der US-Wissenschaftler ist ein Prestigeerfolg bei dem Bemühen, zu den davongepreschten Klonforschern in Südkorea aufzuschließen. Diese hatten im vergangenen Jahr als Erste menschliche Embryonen geklont, sowie kürzlich einen Hund. Hwang Woo Suk wird bereits als Nationalheld gefeiert. Das PR-Getöse von Science über nationale Höchstleistungen kommt da nicht von ungefähr.

Die Erkenntnisse des Eggan-Teams haben die Fachwelt nicht überrascht. Dieselben Befunde sind längst mit Mauszellen erhoben worden. Dass es mit der Reprogrammierung menschlicher Zellen anders aussehen würde, hätte niemand im Ernst erwartet.

Zu befürchten ist nun, dass die Schlagzeile von der biotechnischen Wellness-Kur für Körperzellen in der biopolitischen Debatte instrumentalisiert wird – von den Gegnern des therapeutischen Klonens. Motto: Wir haben ja immer gesagt, dass wir die ganze ES-Zellforschung und die Klonerei nicht brauchen.

Irrtum! Die Zellhybriden der Amerikaner taugen nie für therapeutische Zwecke. Sie enthalten statt der normalen 46 nun 92 Chromosomen – den Erbgutsatz der beiden Zellen, aus denen sie entstanden. Wie die überschüssigen Chromosomen wieder zu entfernen sind (und ob dabei der Embryonalzustand bestehen bleibt), weiß heute niemand.

Erst weitere Forschung wird zeigen, wie therapietaugliche Embryonalzellen ohne Klonen erzeugt werden können. Die Hybriden aus Harvard sind keine Lösung, sondern ein passables Werkzeug, um die Lösung dieses Problems zu suchen. An ihnen lassen sich die biochemischen Mechanismen studieren, die bei einer Reprogrammierung ablaufen. Erst mit dieser Erkenntnis wird der leidige Streit um Embryonenforschung und Klonen vielleicht überflüssig. Ulrich Bahnsen