DIE ZEIT: In diesen Tagen verfolgt die ganze Welt den Abzug aus Gaza, die Räumung der israelischen Siedlungen. Welche Bedeutung hat das aus Ihrer Sicht?

Amos Oz: Das ist eine ernste Krise für Israel. Das Land hat den Moment der Wahrheit in seiner Geschichte erreicht. Dessen sind sich viele ganz stark bewusst. Dabei geht es nicht nur um die besetzten Gebiete und den Widerstand der Siedler. Es geht um Theokratie versus Demokratie, um die Rolle der Rabbiner und der Thora, um die Fundamente einer demokratischen Zivilgesellschaft. Unter all den Streitereien um Sicherheit, historische Rechte, Siedlungen, Gefühle, Schuld und Frieden sind wir am harten Felsblock angelangt.

ZEIT: Hat es Sie überrascht, dass ausgerechnet der Architekt der Siedlungen, Ariel Scharon, zu diesem Schritt bereit war?

Oz: Es hat mich sicherlich weniger überrascht als der Sadat-Besuch in Jerusalem oder als Menachem Begin den ganzen Sinai abgab. Auch nicht mehr als de Gaulle, als er aus Algerien abzog.

ZEIT: Das sind große, historische Parallelen…

Oz: Ich werde erst in drei Jahren Vergleiche ziehen, wenn sich die Entwicklung in Gaza abgezeichnet hat. Denn wenn der Abzug in einem Bombenhagel auf israelische Städte endet, dann war das der letzte Abzug, ganz egal, was das Friedenslager sagt. Wenn aber der Abzug eine gewisse Stabilisierung der Lage in Gaza bringt, dann gibt es eine Chance, dass wir die israelische Öffentlichkeit davon überzeugen werden weiterzumachen. Man kann nicht mit einer Hand klatschen. Es ist ein Fehler, zu glauben, dass der Frieden allein an Israels Macht hängt, die richtigen Schritte zu tun.

ZEIT: Die Sehnsucht nach Frieden im Nahen Osten scheint mir im Ausland manchmal größer zu sein als vor Ort.

Oz: Ja, es ist manchmal schon fast zwanghaft, wie sehr sich die Menschen in Europa für den Frieden im Nahen Osten interessieren. Es gibt solche, die glauben, dass Frieden eine emotionale Angelegenheit ist. Etwas zwischen Gruppentherapie und Familienberatung. Such dir einen guten Therapeuten, und die Ehe wird wieder funktionieren. Geh zu einer Gruppentherapie, und jeder wird sich mitteilen und dann den anderen in Tränen umarmen. Das ist aber kindisch. In Beziehungen, nicht nur zwischen Ländern und Nationen, sondern auch zwischen Individuen, ist manchmal das Beste, was man kriegen kann, eine Koexistenz mit punktuellen Zusammenstößen. Universelle Liebe ist zu viel verlangt, da unterscheidet sich meine Auffassung von den Forderungen meines Landsmannes Jesus. Es reicht schon, dass man nebeneinander leben kann, auch wenn man den Nachbarn nicht leiden mag oder eine große Wut auf ihn hat. Solange es nicht gewaltsam zugeht, ist dies gut genug.

ZEIT: In welcher Rolle würden Sie denn Europa gerne sehen?

Oz: Europa sollte sich jetzt fragen, was es für die palästinensischen Flüchtlinge tun kann, die seit 1948 in den Lagern verrotten. Ganz unabhängig von der Schuldfrage, die meines Erachtens verteilt ist auf Israel, die arabische Welt und die Palästinenser selbst. Aber für diese Hunderttausende von Menschen muss doch ganz dringend etwas getan werden. Das kann noch vor einem Abkommen sein, schließlich reden wir hier nicht von ganz Afrika oder der ganzen Dritten Welt. Es geht in den dringendsten Fällen vielleicht um 200.000 Menschen. Wenn jetzt in Gaza ein riesiges Häuserprojekt und Jobs entstehen, dann wird das für Israel und die Palästinenser gut sein. Denn solange diese Leute in den Lagern verrotten, wird Israel keine Sicherheit haben, mit oder ohne Dokument in der Hand.