Glauben Sie eigentlich, dass es wichtig ist, dass Sie als Frau für das Bundespräsidentenamt kandidieren?" Diese Frage wurde mir unzählige Male während meiner Kandidatur gestellt, und ich habe im Laufe der Wochen meine Antwort darauf nicht grundsätzlich, aber in Akzenten verändert. Ich hatte zunächst unterschätzt, welche Ermutigung es für viele Frauen bedeutete, dass eine Frau sich zutraut, ein bisher nur von Männern besetztes Amt auszuüben. Zugleich bin ich auf viele politisch engagierte Frauen gestoßen, die es ablehnten, die Kandidatur nach dem Geschlecht zu beurteilen, die vielmehr die politische Option oder die Persönlichkeit selbst – egal ob Mann oder Frau – zum Kriterium machten. Es war mir auch lieber, wenn man mich wegen meiner Vorstellungen und nicht wegen meines Geschlechts wählen wollte. Auch in meinem beruflichen Leben hatte dies für mich immer im Vordergrund gestanden.

Seltsam fand ich es daher auch, als ich gleich bei meiner ersten Pressekonferenz in New York mit der Behauptung konfrontiert wurde, ich sei als Frau nur deshalb aufgestellt worden, weil ich ohnehin keine Chance hätte. Erstens hatte ich Wahlchancen – nicht große, aber doch einige –, was am Ende auch einige verblüffte, die sich hinterher ob ihrer anfänglichen Geringschätzung meiner Chancen bei mir entschuldigten. Zweitens bot ja bereits die Kandidatur eine erhebliche politische Chance: die öffentliche Debatte zu beeinflussen und Themen aufzuwerfen. Wenn mir nach dem 23. Mai auch von Anhängern und Mitgliedern der gegenwärtigen Opposition Dankes- und Glückwunschbriefe zugingen, so habe ich mich darüber nicht nur persönlich ungemein gefreut, sondern dies auch als Bestätigung dafür genommen, dass es mehr Chancen gibt, als man zuweilen denkt und die man aus einer Position der Stärke heraus oft übersieht. Schwierigkeiten machen erfinderisch, Macht verführt zur Arroganz.

Apropos Macht: Hier wurde mir im Laufe der Wochen immer klarer, dass es doch einen Unterschied bedeuten kann, ob man als Frau oder als Mann Politik betreibt. Denn Frauen verfügen oft, insbesondere wenn sie Familien und Kinder haben, aber auch allgemein wegen ihrer traditionellen Rollen in der Gesellschaft, über eine erhebliche soziale Kompetenz. Sie sind geübt, Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen, ihnen liegt auch in der Regel mehr daran, als im harten Wettbewerb andere kaltzustellen. Das ist nicht notwendigerweise so, es gibt Männer mit wunderbarer sozialer Kompetenz und knallharte Frauen, die andere wegkicken. Dennoch bietet sich Frauen, die eine andere Art von Macht auszuüben verstehen und dies auch wollen, eine wertvolle Chance, in einem repräsentativen Amt zur Erneuerung und zum Gelingen von Politik beizutragen. Es wäre eine Macht im Verständnis von Hannah Arendt, nicht von Max Weber. Während Weber Macht grundsätzlich als Gegen macht begreift, die andere von ihrem ursprünglichen Willen abbringt, sieht Hannah Arendt wahre Macht nur dort, wo Menschen zusammengeführt werden, um gemeinsam und in Freiheit etwas voranzubringen.

Diese Fähigkeit zum coalition building ist als hohe politische Kunst in unserer komplizierten Welt immer notwendiger, wenn sich demokratische Politik unter der Bedingung einer globalisierten Ökonomie erhalten soll. Schon nationale Politik wird immer mehr von der Komplexität unserer Vorentscheidungen und Institutionen angehalten, auf freiwillige Zusammenarbeit zu setzen. Erst recht gilt dies für den immer wichtigeren Bereich der Europäischen Union und für die gleichsam umwölbende global governance, auf die wir zur grenzüberschreitenden Politik in Sachen Energiepolitik, Klima, äußere Sicherheit angewiesen sind. Eine Frau könnte also durchaus einen neuen Stil in die Politik bringen oder aber ein Mann, der seine soziale Kompetenz unter Beweis stellt.

Sehr früh bin ich übrigens nach meiner Frisur gefragt worden. Manche rieten mir, sie umgehend zu ändern und mich für das Fernsehen stylen zu lassen. Wenig später hörte ich von Anfragen bei Friseuren, die nach dem Rezept der "Hochfrisur" zur Nachahmung gefragt wurden. Mich hat diese wohl nur bei Frauen thematisierte Frage nicht geärgert, sondern amüsiert, aber ich habe keinen Augenblick erwogen, meine Frisur zu ändern. Eine Anpassung an den Publikumsgeschmack wäre mir albern vorgekommen. Wenn ich letztlich die Wahl nicht gewonnen habe, so lag dies sicher nicht am Styling. Wichtiger war mir ohnehin, dass mir von vielen am Ende doch Vertrauenskapital zugesprochen wurde. Schließlich ging es mir von Anfang an darum, dass die Bürger wieder mehr Vertrauen in die Demokratie gewinnen. Das kann man auch als einfacher Bürger und wohl eher, wenn man sich treu bleibt, auch in der Frisur…

2004 sollte Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, auf Vorschlag der SPD Bundespräsidentin werden. Am Ende gewann Horst Köhler die Wahl