kinoHeim zu Mama

Manchmal sind die Stärken eines Regisseurs nicht ohne seine Schwächen zu haben: "Don’t Come Knocking" ist Wim Wenders’ bester Fim seit langem von 

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wer es darauf anlegt, wird in alle Vorurteile bestätigt finden, die man gegen das Kino von Wim Wenders hegen kann. In der Geschichte eines Mannes, der auszieht, seine Vergangenheit, einen angeblich erwachsenen Sohn und irgendwie auch sich selbst zu finden, gibt es hoffnungslos pathetische Einstellungen. Momente, in denen man am liebsten im Plüsch des Kinosessels verschwinden möchte. Man begegnet Szenen, in deren inszenatorischem Gebälk es mächtig knirscht, und Schauspielern, die so unbeholfen geführt sind, dass sie in den emotionalen Übergrößen des Drehbuchs versinken. Und dann ist da wieder die Wenders-typische Redundanz, sein Hang, die Bilder mit Bedeutung zu überladen, als sei der Zuschauer ein begriffsstutziges Kind.

Tatsächlich wäre es ein Leichtes, Don’t Come Knocking zu verreißen, in die Tonne zu treten, was auch immer. Man könnte aber auch behaupten, dass die Stärken dieses Regisseurs ohne seine Schwächen nicht zu haben sind, ja dass sie einander bedingen. Dass Don’t Come Knocking der beste Wenders-Film seit langem ist. Und dass es mehr Mut erfordern kann, einen Film zu drehen, der im emphatischen Sinne mit seinen Figuren ist, als sie mit einer gewissen Coolness ins Versuchslabor zu stecken.

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Alles beginnt mit einer vertrauten Westerneinstellung. Zu sehen ist ein pittoreskes, vielfach gefilmtes und zu Tode fotografiertes Motiv: ein erodierter Felsbogen in der Wüste von Nevada. Doch Wenders lässt diesen Bogen so lange stehen, bis er zum Rahmen, zur Brille wird und die Landschaft zur Kulisse. Es ist eine Kulisse, die tausend Kinogeschichten und Männerbiografien hervorgebracht hat. Don’t Come Knocking fragt, was passiert, wenn einer dieser Helden plötzlich feststellen muss, dass er im eigenen Leben keiner ist. Wenn er aus dem Setting flüchtet und den Mythos hinter sich lässt.

Ohne ein Wort zu sagen, galoppiert der in die Jahre gekommene Westerndarsteller Howard Spence (Sam Shepard) in Cowboykluft vom Drehort weg, legt die Sporen ab und folgt den Spuren der eigenen Geschichte. Nach einem Leben mit Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll geht es heim zu Mama. Die Beziehung zwischen der liebenswert adretten Mutter (Eva Marie Saint) und ihrem Schauspieler-Sprössling, der sich als versoffener Versager entpuppt, ist die schönste des Films. Es gibt keine Tränen, keine Fragen und nicht den kleinsten Vorwurf an einen Sohn, der sich 30 Jahre lang nicht zu Hause blicken ließ und dann plötzlich wieder ins allzeit bereite Nest schlüpfen will. Mit großer Zärtlichkeit erzählt Wenders von Mrs. Spences würdevoller Kleinstadtexistenz. Wir sehen eine ältere Dame, die mit sich im Reinen ist, regelmäßig Plastikblumen auf das Grab des Ehemannes legt und sich selbst mit duftenden Cookies beglückt. Dass in diesem Provinzdasein mehr Empfindung und vielleicht sogar Leben steckt als in den Eskapaden des Sohnes, ist eine ganz und gar unspießige Mutmaßung dieses Films. Genauso beiläufig erzählt Wenders von einem Leben, in dem sich letztlich nichts ereignet hat. Dafür genügen ihm zwei Einstellungen: Spence in seinem mit Postern behängten Jugendzimmer, das aussieht, als habe er es gestern erst verlassen. Und Spence beim Durchblättern der Zeitungsausschnitte, die seine Mutter aus der Skandalpresse ausgeschnitten hat.

Mit der Frage, ob von den Jahren nicht doch mehr geblieben ist als Saufexzesse, Weibergeschichten und ein paar schlechte Filme, ziehen Wenders und sein Held in die Weite von Montana. Hier, wo Spence seinen angeblichen Sohn sucht, scheinen sich die Bilder zu dehnen. Hier, wo der Fotograf Wenders ganz bei sich ist, schickt er seinen Excowboy im hellblauen Oldtimer durch amerikanische Traumlandschaften. Und doch ist diese Weite nicht mehr der unbegrenzte Möglichkeitsraum, in dem sich jeder selbst entwirft. Im Gegenteil. Durch eine Hauptfigur, die die armselige Wahrheit hinter den großen Freiheitsversprechungen verkörpert, gelingt es Wenders, die Landschaft vom Mythos zu befreien. Umso hemmungsloser kann er sie feiern.

In Butte, Montana, einem Städtchen, in dem Spence seinen Sohn und wer weiß was noch zu finden hofft, entfalten sich die Einstellungen weiter, werden zu melancholischen Gemälden im Stile Edward Hoppers. Die stille Ewigkeit einer schattenlosen Häuserecke, der Blick auf eine menschenleere Straße – an der Virtuosität dieser Momentaufnahmen, am Spiel mit Farben, Licht und Kontrasten kann man sich kaum satt sehen. Das filmische Auge, seine Begeisterung für den komponierten Augenblick, ist Wenders’ große Stärke. Und zugleich die Schwäche seiner Erzählung.

Denn so perfekt er seine Bilder komponiert, so schwer fällt es ihm wiederum, aus den zu Tableaus erstarrten Momenten lebendige Figuren herauszuschneiden. Wenn Spences erwachsener Sohn alle Wut gegen den jahrzehntelang abwesenden Vater herauslässt, dann ist nicht nur ein Schauspieler mit seiner Rolle überfordert. Vielmehr haben realistische Herzschmerzgefühle in der hyperrealistischen Wenders-Welt keinen rechten Ort. Sie wirken verloren und seltsam deplaziert, so als beginne ein Paar in einem durchgestylten Designerladen plötzlich einen intimen Ehestreit.

Leserkommentare
  1. Veni, vidi, risi, admiravi ...

    Ich werde noch ein zweites Mal reingehen müssen, um etliche Andeutungen zu entdecken und zu verstehen, ob die Grabsteinknappheit im Vietnamkrieg, das verschämte Fragen, ob eine Zahlung mit Bargeld dem Verkäufer oder Dienstleister recht wäre ...

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