kino Heim zu MamaSeite 2/2
Auch die bewegendste Szene von Don’t Come Knocking ist eine Gratwanderung. In der Rolle von Spences ehemaliger Freundin Doreen hat Jessica Lange einen großartigen Auftritt. Auf der Straße liest sie dem durchgebrannten Vater ihres Sohnes die Leviten. Und mit ihm all den Kerlen, die in die Welt ziehen, ihre Gene verstreuen und am Ende doch wieder die Nestwärme der Mutter oder Geliebten suchen. Es ist eine Abrechnung mit der eigenen Ohnmacht, mit dem Müll der Männlichkeitsideale, mit den ewig in die Prärie oder in den Kampf ziehenden Kinohelden, die sich weiß Gott was auf ihre Freiheit und Coolness einbilden.
Während Jessica Lange spricht, weint, schimpft, anklagt und vor aufgestauter Wut um ihren ehemaligen Geliebten zu tanzen scheint, zieht ein natürlicher Lichtwechsel über die Szene. Es ist eine langsame, sanfte Veränderung, und doch wirkt sie wie das entscheidende Quentchen zuviel. Als drohe das Bild zu zerreißen, zwischen der zufällig einwirkenden Natur, dem authentisch gespielten Drama der Gefühle und der ästhetisierenden Abstraktion, mit der es gefilmt wird.
Wenders will immer beides: die große Künstlichkeit und unbestechliche Ehrlichkeit. Den Diskurs der Bilder und die Nähe zu den desillusionierten Menschlein, die sie bevölkern. Eine Fotografie, die sich in artifizielle Höhen erhebt, und eine Kamera, die den Figuren direkt in die Herzkammern blickt. Er will alles, er will manchmal zu viel, und er bezahlt dafür. Aber das Sympathische und Schöne ist, dass er sich immer wieder an dieser Quadratur des Kreises, die ja letztlich die Quadratur des Kinos ist, versucht.
- Datum 25.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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