Dieser "Ernstfall" (nein, es geht nicht um Krieg) tritt zweimal ein – in der Liebe. Die erste zu einer schönen Unbekannten, offenbar englischer oder amerikanischer Herkunft. Handke plaudert ja niemals Intimitäten aus, aber immerhin doch dies: "Das ›Pritzeln‹, Klicken, Knacken, maschinenhaft, gestern der Heupferdchen im Karst über dem See von Doberdob, unter dem fast identischen Geräusch der Überlandleitung. Und die schwarzen Maulbeeren in der Wildnis. Und das Rot ihrer Lippen mit dem Rot der Erdbeere. Und die aus der Steppe mit heiserem Gebell hervorbrechenden Rehböcke. Und ihr weißer Reisstrohhut in der hüfthohen blumenreichen Savanne." Mit der zweiten Liebesgeschichte, über die wir wiederum fast nichts erfahren, endet das Buch. Sie scheint von Dauer, denn der Autor begibt sich auf die Suche nach einer Wohnung, die offenbar nicht nur für ihn allein bestimmt ist.

Bevor er am Ende zur Ruhe kommt, sehen wir ihn unterwegs, wie er den wunderbar weißhaarigen alten Schuster in Tripoli beobachtet; den Wachhabenden vor der amerikanischen Botschaft in Tokyo; den Lesenden in Cambridge ("sie küsste ihn, der las; er las beflügelt weiter – Blick durch ein Erkerfenster, Abbey Road"); die allein wartende Frau in einem spanischen Hotel. Er ist unterwegs bei jedem Wind und Wetter, mit Sonne, Mond und Sternen; unterwegs im japanischen Bambuswald ("mein Klopfen gegen die Bambusschäfte im großen Bambuswald, allein, der letzte Mensch, bei Wind und grauer Kälte"); unterwegs mit Hölderlin, Novalis, Inoue, Wittgenstein, Epiktet, Tschechow, Skácel und immer wieder der Bibel.

Die Bibel liest er im Original und macht sich übersetzungskritische Anmerkungen. Er geht in die Kirchen und Museen, und es sind vor allem die biblischen Darstellungen, die ihn anziehen. In Amiens sieht er, "wie die Schlafenden im Mittelalter immer dabei ihr Gewand festhalten: sich wegträumend daran festhalten"; und in Sansepolcro sieht er den Auferstandenen des Piero della Francesca, "noch tief erschrocken vom Totsein". Bemerkenswert, wie sehr sich Peter Handke dem Katholischen und also seiner Herkunft wieder nähert, ein kenntnisreich und voller Skepsis Glaubender. "Die Geschichte Jesu als eine dramatische Entdeckungsgeschichte: die Entdeckung des Göttlichen in sich – die wiederum zum Menschendrama an sich führt", schreibt er einmal, und damit ist sicherlich auch gemeint, dass wir alle das Göttliche in uns suchen sollten. Jedenfalls sucht es Handke, selbst wenn dieses Göttliche nicht unbedingt moraltheologisch korrekt ist und hölderlinsche Eigenschaften hat.

Er ist wahrhaft ein Pilger, aber nicht im Sinne von Georg Thurmairs Kirchenliedklassiker Wir sind nur Gast auf Erden, denn dafür interessiert ihn diese Erde allzu sehr, und wir lernen sie durch ihn wieder kennen, als wäre sie uns neu. Seine Pilgerschaft trägt religiöse Züge, in der Hauptsache aber ist sie ästhetisch begründet – im ursprünglichen Sinn, denn aisthesis heißt Wahrnehmung. Wenn er etwa über den Begriff der "Levitation" bei Teresa di Avila nachdenkt, schreibt er: "Du kommst da doch, obwohl leicht levitiert, auf deinem Grund an und schaffst, in der so genannten Levitation, die Verbindung zu deinen Gründen, immer wieder; also hab keine Angst dabei vor einer Unwirklichkeit; der Wirklichkeit der Historie zieh vor die des je Geschehens, Werdens, Seins, Verschwindens – das ist die Kategorie, und nicht die Geschichte."

Die Kinder halten die Hand in den Regen: Das ist ihr Gedicht

Das ist ein romantisch-philosophisches Projekt, es bezieht sich auf die berühmte Forderung: "Die Welt muss romantisiert werden." Was das heißen soll, erläutert Novalis so: "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es." Nichts anderes tut Handke, und er tut es im Bewusstsein einer Tradition, der er ausdrücklich angehören möchte. Der Wille, einer der "Großen" (er schreibt sie meist in Anführung) zu sein, taucht in mehreren Notaten auf. Folglich ist das hier erzählende Ich kein privates, sondern ein beherrschtes, geformtes, das gerade deshalb Macht, Ausdrucksmacht gewinnt. Der Effekt, der sich auf den Leser überträgt, ist wahrhaft zauberisch: Nach und nach (und man kann dieses großartige Buch nur nach und nach lesen) verlangsamt man sich, gewinnt Gehör für die Stille, die Handke immer wieder fordert und findet, schließlich ein Auge für das scheinbar Unscheinbare und Schöne, das uns "Handwerkern" (Hölderlin) zumeist entgeht, immerzu geplagt von den Geschäften des Alltags. Wem ist das schon aufgefallen: "Das seltsame Grüßen der Schotten, den Kopf zur Seite verrenkend, als jucke sie etwas am Hals." Oder dies: "Der Säugling, chauffiert in seinem Wagen von der Mutter, lässt deren Liebesblick schmunzelnd über sich ergehen." Überhaupt die Kinder: Ihr Anblick erregt in Handke die mildesten und frohesten Gefühle, und einmal erkennt er in ihnen einen Got-tesbeweis. Oder das Dichtertum: "Die Kinder als Dichter: sie stehen da, halten die Hand in den Regen, und das ist ihr Gedicht." Und dann beobachtet er dies: "Ein Kind zum andern: ›Und was kannst du?‹ Das andere Kind: ›Ich kann gar nichts.‹ (Begeistert:) ›Ich kann überhaupt nichts!‹"

Man möchte endlos zitieren. Wir erfahren "das Erzählen als das große Staunen" (das ist ja sein Ziel, das er konkurrenzlos erreicht) und finden es ganz natürlich, "dass es so übergeht ins Singen", wie in den großen Epen. Von einem Buch zu sagen, es mache glücklich, klingt nach Peter Hahne. Dieses stammt von Peter Handke. Es zu lesen beschert Glück.