Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie" nannte Willy Brandt das Metier, das er als junger Mann selbst lange ausgeübt hatte. Ein erstes und letztes Mal wurde mit ihm ein politischer Journalist Kanzler. Er war enorm erfolgreich, scheiterte aber früh, und das war völlig unabhängig von seinem "Image" oder seiner "Performance".

Lichtjahre liegen zwischen diesem Begriff von Journalismus und den Bedingungen, unter denen Gerhard Schröder, der "Medienkanzler", zum letzten Mal seine Wirksamkeit testet. Brandts Agenda 2010, die Entspannungspolitik hieß, hätte er nicht durchsetzen können ohne die Hilfe liberaler Medien und autonomer Journalisten, von Marion Gräfin Dönhoff und Ted Sommer über Rudolf Augstein und Peter Bender bis Henri Nannen. Wenn möglich, sollte auch noch ein Herausgeber der FAZ dabei sein. Tatsächlich hatten sie alle schreibend für diese Nach-Kalter-Krieg-Politik seit Jahren den Boden bereitet. Idylle war es keineswegs – aber es herrschte eine gewisse politische Balance in der "politischen Öffentlichkeit", Liberales, Kritisches, Konservatives tarierte sich aus, und Liberalität reduzierte sich nicht in der Dramatik von heute auf "Markt".

Ohne Nostalgie: Ein beschwingendes Gefühl von Autonomie und Hineinredenkönnen beherrschte noch in den siebziger Jahren das Gros der jungen Journalisten. Die vierte Gewalt, das sind wir! Überschätzte man im Überschwang, beim "mehr Demokratie wagen" schreibend dabei zu sein, seine Freiheit, seinen Einfluss? Die Bonner Korrespondenten hockten eng mit der Politik zusammen, sehr eng. So sehr man auf der Hut sein wollte, sich nicht einbinden zu lassen – dabei sein wollte man auch.

Bei Schröder sind Medien Chefsache. Im Griff hat er sie nicht

Ein Schmiergeld namens Nähe überschrieb der Journalist Peter Zudeick eine Philippika gegen diese Enge, die es schwer machte, die Rollen zwischen Politikern und Journalisten trennscharf auseinander zu halten. Den Verdacht gegen sich selbst verdrängte man lieber, dass sich das Problem aus den Adenauer-Jahren in neuer Form auch für die nächste Generation stellen könne, als die Korrespondenten brav zu den "Teegesprächen" im Palais Schaumburg pilgerten und glaubten, die Republik an der Seite des Alten selber zu regieren.

Das Wort vom "Medienkanzler" wäre einem bei Willy Brandt nicht in den Sinn gekommen, er war noch ein Kanzler der Wortewelt. Er selber verstand sich darauf, dem Affen Zucker zu geben, die Großjournalisten umgarnte er locker, und die "kritische Generation" hatte er zur Kritik ja ausdrücklich eingeladen. Das trug viel bei zu dem trügerischen Gefühl, in der Nähe der Macht zu siedeln, aber nicht Hofjournalist bei Hofe zu sein.

Das Fernsehen bricht herein: Die Wechselbeziehung zwischen Journalisten und Politik am Tatort nahm sich auch zu Helmut Schmidts Zeiten noch vergleichsweise unkompliziert aus, obgleich der häufig über die "Medienbarriere" klagte und auf das unordentliche Völkchen gern ein bisschen mehr pädagogischen Einfluss gehabt hätte. Laut schimpfte er darüber, dass das Fernsehen zu Oberflächlichkeit verführe, für seinen Berufsstand sei es gefährlich, weil es "sympathiesüchtig" mache. Schmidt prägte das Wort vom "Staatsschauspieler", aber darin schwang mit, dass einer, der das durchschaut, auf dem Rücken des Tigers reiten könne.