nur weil sie eine frau ist? Der Ossi als Wessi

Wie und warum Angela Merkel im Wahlkampf ihre Herkunft verleugnet

An der westdeutschen Ostsee scheint die deutsche Einheit zur Zufriedenheit aller Beteiligten vollzogen. Es ist Ferienausklang, Freitagabend um sieben, und Angela Merkel erklärt den Bewohnern von Heiligenhafen zur Begrüßung, dass im nahe gelegenen Lübeck die Arbeitslosigkeit genauso hoch sei »wie in dem Land, aus dem ich komme«. Merkels Redenschreiber sind ihr Gehalt wert: Das Publikum hebt schon die Hände für einen ersten donnernden Applaus – ehe es gerade noch rechtzeitig erschrickt vor der Tatsache, dass die Gemeinsamkeit zwischen Schleswig-Holstein und Brandenburg, also dem altbundesdeutschen Volk und seiner neubundesdeutschen Kanzlerkandidatin, ausgerechnet in der Arbeitslosenquote bestehen soll.

Natürlich ist die deutsche Einheit noch längst nicht vollzogen. Man merkt es daran, wie Merkel »das Land, aus dem ich komme« sagt – als handele es sich um ein sibirisches Dorf. Nur heute Abend in Heiligenhafen, wo eine Ostdeutsche die Westdeutschen eine Wahlkampfstunde lang in der Meinung bestätigt, dass es endlich aufwärts gehen muss, egal wie, findet sich niemand unter den CDU-Wählern, der mit ihrer Herkunft ein Problem hätte. Nein, sagen die Leute, wir sind doch gesamtdeutsch. Und viele Frauen sagen, dass wir doch alle starke Frauen seien und dass, wenn eine Frau so weit gekommen sei, sie doppelt gut sein müsse. – Warum eigentlich nicht doppelt schlimm? In den letzten Wochen wurden immer wieder Merkels »typisch ostdeutsche« Begabungen analysiert, dank deren sie es an die Spitze geschafft habe. Ihr Anpassungsvermögen und ihre Skrupellosigkeit, das Hinterhältige, Misstrauische und vor allem Undankbare (siehe Kohl!). Es hat sich nur keiner gefragt, warum man mit solchen Eigenschaften, wenn sie denn zuträfen, bei der CDU durchkommt.

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Die Heiligenhafener nehmen die Kandidatin nicht als Ostdeutsche wahr. Stattdessen schwärmen sie von Merkels Ehrlichkeit, bloß weil sie die Cleverness besessen hat, eine unpopuläre Maßnahme, die berühmte Mehrwertsteuererhöhung, lauthals anzukündigen. Vor der Wahl! Das betont sie auch jetzt wieder. Und nach dem alten Muster der sozialistischen Selbstkritik räumt sie ein, dass die CDU früher leider auch Versprechungen gemacht habe, die sie nicht halten konnte. Selbsterhöhung durch Selbstbezichtigung. So viel demonstrative Demut kommt an bei dem vom Hochmut der regierenden Klasse genervten Wahlvolk. »Schröder spielt die Rolle des Spielers«, erklärt eine Merkel-Enthusiastin, »aber sie spielt eine authentische Rolle.«

Ja, Angela Merkel mimt glaubhaft die hundertprozentig gewendete, durch keine herkunftsbedingten Zweifel an der moralischen Überlegenheit des Kapitalismus angekränkelte Christdemokratin. Vielleicht liegt es an der Beiläufigkeit, mit der sie abfällige Bemerkungen über das DDR-Schulsystem oder gewisse PDS-Politiker in ihre Rede einstreut, vielleicht an ihrer Bewunderung für Konrad Adenauer: Sie weiß den geheimen Stolz mancher Westdeutscher auf ihren Sieg im Systemvergleich zu bestätigen, ohne die Ostdeutschen offen zu beleidigen. Das ist Merkels größte Leistung: wie sie den Konflikt zwischen ihrer symbolischen Rolle als Ostdeutsche und ihrer politischen Rolle als Repräsentantin der CDU überspielt. Einerseits, aufgrund ihrer genauen Kenntnis der Wirtschaftsmisere im Osten, wäre sie prädestiniert als Anwältin der Wendeverlierer. Andererseits repräsentiert sie eine Partei, die Kritik an der Marktwirtschaft als unzulässig zurückweist. Weil sie erfolgreich ihre besondere Verantwortung für die Verlierer im Osten leugnet, ist sie für die westdeutsche CDU-Basis akzeptabel.

Die Fotos von Merkel als Zonenkind unterstreichen diesen Eindruck noch. Wie sie mit ihrer Ritter-Runkel-Frisur in einer Rügener Fischerkate sitzt oder in Billigshorts auf einem Bootssteg posiert, wirkt sie, von heute aus gesehen, verkleidet. Erst auf den optimistisch orangefarbenen Wahlkampfplakaten kommt ihr besseres Ich zum Vorschein. Als hätte jemand das Licht angeknipst, und plötzlich erkennen wir, wer sie wirklich ist: die nette gesamtdeutsche Kanzlerin, die rücksichtslos durchregiert.

Leser-Kommentare
  1. Ich mag Frau Merkel und glaube, dass sie tatsächlich ehrlich ist. Und dass sie tatsächlich besser sein muss, wenn sie es als Ossi und Frau schon soweit gebracht hat. Ihre Frisur stört mich nicht. Mich stört auch nicht, dass der Kanzler in Wirklichkeit zwei Köpfe kleiner ist, als es uns die geschickten Werbefotographen weismachen wollen. Aber leider scheine ich in einem Land zu leben, das auf Äußerlichkeiten fixiert ist. Besonders im Westen kommt es darauf an, immer das ganz große Pfauenrad zu schlagen, sonst nimmt dich keiner ernst. Worauf sich das Selbstbewusstsein eigentlich gründet, ist bei vielen nicht herauszubekommen, es kommt wahrscheinlich spontan über sie. In solcher Gesellschaft kommt man natürlich schlecht mit Persönlichkeiten wie Frau Merkel klar. Hier lechzt man gerade zu nach Scharlatanen. Das gemeine Bild von den Schlachtkälbern hat doch seine Berechtigung: Da macht der Kanzler in Hans-Albers-Manier seiner dritten Frau öffentlich Liebeserklärungen, und schon hat das Volk auf seiner Seite. Wie peinlich! So peinlich!

  2. Ehrlichkeit, in Form von Ankuendigung der Mehrwertsteuererhoehung, ist nun etwas, was man Politikern nun wirklich nicht ankreiden sollte. Dies entpsraeche mehr einer Glosse denn eines Artikels. Ich wuensche mir nur eines: das mehr Politiker uns ehrlich begegnen und uns mit unrealistischen Versprechungen verschonen.

    Ein Gruenewaehler mit Respekt vor Angies Ehrlichkeit

  3. Ich kann mir nicht helfen. Bei allen Versuchen WIRKLICH etwas über Frau Merkel zu erfahren, lande ich vor einer Wand. Im Internet steht nur ihr hausbackenes Bla, bla: Was sie z.B. wirklich als "Sekretärin der FDJ" tat, steht nirgends.
    Nun gibt es bestimmt eine Vielzahl an Menschen aus dem Osten Deutschlands, über die man nichts erfährt. Die wollen aber nicht alle Kanzler(in) werden.
    Als Resumè bleibt mir nur, das zu Wiederholen, was mein Freund Alfred immer zu sagen pflegte: "Nur Linientreue haben in der DDR studieren können."

  4. 4. \N

    Liebe Redaktion,
    sie haben einen typische Feuilleton-Beitrag veröffentlicht. Beruhigend, daß es sich um die Meinung einer einzelnen Frau handelt und nicht um die Meinung der Redaktion. Zumindest hoffe ich das. Ein Feuilleton ist stets gegen die Konservativen und eigentlich für die Frau gegen den Mann. In diesem Beitrag mußten sich die Autorin entscheiden, welches von beiden für sie den höheren Wert besitzt und sie hat sich für das Alteingessene entschieden. Es ist schade, daß auch eine Qualitätszeitung wie "Die Zeit" in diesem Zeitungsteil so leicht auszurechnen ist.
    Warum muß immer so unsinnig überhöht werden? Claudia Roth hat vor kurzem an der gleichen Stelle gestanden, Gerhard Schröder war schon dort und auch Helmut Kohl.
    Es war eine ganz normale Wahlkampfveranstaltung mit der CDU-Parteivorsitzenden. Man kann das, was sie sagt, gut finden oder nicht, das kommentieren. Aber warum wird immer diese gutmenschliche Symbolik hineingelegt, diese Pseudpsychologie, warum diese Kriegsrhethorik?
    Binz ist kein Nobelbad, abgesehen von 2, 3 teuren Hotels ist es durch Massentourismus gekennzeichnet. Es waren viele Einheimische bei der Merkel-Show, viele standen weit vorn, viele in der Mitte, viele weit hinten. Dazwischen auch viele Urlauber, die wenigsten machten äußerlich einen übermäßig wohlhabenden Eindruck. Ich stand sehr weit hinten, obwohl kein Hartz-4-Empfänger (wofür ich mich wohl entschuldigen muß). Ich habe nicht geklatscht, ich habe nicht buh gerufen, ich habe zugehört (Ein Einheimischer der stumm im Hintergrund). Eine Gewehrsalve wurde nicht auf mich abgefeuert.
    Ich bin Rüganer wie Edmund Stoiber Bayer ist. Hören sie doch bitte auf uns immer in die Ost-West-Schublade zu stecken. Es ist langweilig und peinlich. Es gibt große Probleme und Versäumnisse in Deutschland, die Politik hat viel falsch gemacht aber auch das Anspruchsdenken der Menschen ist enorm. Schreiben Sie darüber, aber hören Sie auf diese Schablonen über uns zu legen und alles was drüber guckt abzuschneiden.
    Ich hatte bisher nicht die Ehre Frau Finger kennenzulernen. Aber ihr Beitrag sagt nichts aus über den Seelenzustand von Frau Merkel, sondern wohl eher über den der Autorin. Ob Seite 1 des Feuilletons der "Zeit" dafür der richtige Platz ist, möchte ich bezweifeln.

    Übrigens mit der "Zeit" wurde Werbung für die TAZ verteilt. Mit Anti-Merkel-Aufklebern vom Feinsten. Wenn die Bild-Zeitung das mit Gregor Gysi machen würde wäre das Geschrei groß. Mit einer guten journalistischen Kultur hat diese überzogene Kampagne nichts mehr zu tun.

    Ihr treuer Leser Mathias Coordt

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