Politisches Buch Loyal bis in den Untergang
Eine imponierende Forschungsbilanz: Noch nie zuvor ist die deutsche Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg so umfassend und differenziert dargestellt worden
Im Jahre 1979 begann das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg mit der Veröffentlichung seines auf zehn Bände geplanten großen Reihenwerks Über die letzten 26 Jahre hinweg sind acht Bände, deren Herstellungsgeschichte nicht immer unter einem glücklichen Stern stand, mit einer eindrucksvollen Informationsdichte erschienen. Jetzt hat die Reihe, unmittelbar vor dem beharrlich angestrebten Abschluss stehend, mit den beiden gewaltigen Konvoluten des neunten Bandes, der die deutsche Kriegsgesellschaft von 1939 bis 1945 behandelt, unstrittig einen Höhepunkt an empirischer Leistung, abwägender Interpretation und konkreter Wissensvermittlung erreicht. Das ist das Verdienst der zwanzig Autoren aus vier Ländern, die unter der umsichtig-energischen Herausgeberschaft von Jörg Echternkamp an der so umfassenden wie differenzierten Synthese mitgewirkt haben. Sie steht, soweit ich es zu sehen vermag, konkurrenzlos da. Auf absehbare Zeit wird sie eine imponierende Zwischenbilanz der Weltkriegsforschung bleiben, da eine vergleichbare Anstrengung so bald von keiner anderen Institution, geschweige denn von einem einzelnen Historiker unternommen werden kann. Für Lehrende und Studenten, für Journalisten und Politiker wird das Zwillingsgespann des neunten Bandes zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk werden.
Es handelt von einer eigentümlichen Gesellschaft (seit 1938 mit 82 Millionen Angehörigen), die 18 Millionen Männer und Hunderttausende von Frauen in Uniformen steckte, ehe sie auf endlose Kriegszüge geschickt wurden, die sie über ganz Europa hinweg bis weit nach Russland hinein führten und auch die Vernichtung der europäischen Judenheit ermöglichten, während acht Millionen ausländische Fremdarbeiter zusammen mit Hunderttausenden von KZ-Häftlingen das ausgedünnte Arbeitskräftepotenzial an der »Heimatfront« auffüllten, sodass die deutsche Kriegsmaschine fast sechs Jahre lang die Welt in Schrecken versetzen konnte. Der üblichen Vorstellung von einer relativ homogenen Gesellschaft innerhalb fester nationalstaatlicher Grenzen entspricht diese expandierende, rabiate deutsche Kriegsgesellschaft jedenfalls ganz und gar nicht. Unter vielfältigen Aspekten wird das Komplexphänomen in den beiden Bänden gewissermaßen eingekreist.
In seiner konzisen Einleitung umreißt Jörg Echternkamp die wichtigsten Probleme einer derart anspruchsvollen Gesamtdarstellung. Dazu gehört etwa die Frage, woher die Freisetzung von Energie und Durchhaltefähigkeit, von Militärpotenzial und Mordbereitschaft stammte, die ein letztlich nur mittelgroßes Land in den Stand setzte, ein halbes Dutzend Jahre lang seinen Eroberungs- und Vernichtungskrieg zu betreiben. Auch Echternkamp führt, wie Ian Kershaw in seiner Hitler-Biografie vor ihm, diese Kräftemobilisierung ganz wesentlich auf den Charakter der Führerdiktatur als eines charismatischen Herrschaftssystems zurück, indem Hitler dank seiner dramatischen außen- und innenpolitischen Erfolge, dank Führermythos und Entscheidungsmonopol selbst für Krieg und Judenmord als letzte Legitimationsinstanz fungieren konnte. Zur charismatischen Herrschaft Hitlers gehört auch jene typische Gesinnungsrevolution, welche die überkommene Normenwelt verwarf, die Kampfmoral der Wehrmacht stärkte und eine auch noch nach Stalingrad und dem 20. Juli 1944 anhaltende Loyalität wachhielt. Der Herausgeber hat seine Autoren auf diese Interpretation keineswegs strikt festgelegt, aber doch Fluchtpunkte gesetzt, welche die Materialmasse zu strukturieren gestatten.
Armin Nolzen bietet die bisher umfassendste Analyse jener Penetrationsleistung, mit der die NSDAP – 1939 waren 69 Millionen Menschen in der Partei und ihren Gliederungen organisiert – in alle Gesellschaftsklassen und Sozialmilieus hineinwirkte. Karola Fings konzentriert sich auf die Sklavengesellschaft der KZ-Arbeiter aus rund 200 Arbeitslagern, wo für jedermann sichtbar eine Nahtstelle zwischen KZ und städtischer »Heimatfront« entstand. Wer könnte danach noch diese Verzahnung mit dem Alltagsleben, die enge Kooperation zwischen Betrieben, Kommunalverwaltung und SS weiter abstreiten?
Der Widerstand wusste die Mehrheit der Bevölkerung stets gegen sich
In einem brillanten Abriss betont Tobias Jersak den vertrauten Nexus zwischen Ostkrieg und Holocaust, verteidigt aber auch gegen alle Argumente von sekundärem Rang, welche die Bedeutung der »ethnischen Flurbereinigung« oder des radikalen Antisemitismus der lokalen SS-Satrapen betonen, die Schlüsselstellung Hitlers und seines in Befehle gekleideten Vernichtungswillens, namentlich seit dem August 1941. Die ebenso sachkundig wie pointierte Deutung wird die Diskussion fortab beeinflussen.
Wohltuend nüchtern behandelt Ralf Blank den alliierten Luftkrieg gegen die deutschen Städte. Damit existiert endlich ein wichtiges Gegengewicht gegen Jörg Friedrichs sensationslüsternes Buch Der Brand, dessen undisziplinierte Sprache diese Luftangriffe mit dem Holocaust gleichsetzt. Trotz der mehr als 600.000 Toten und riesiger Evakuierungsmaßnahmen wurden die eigentlichen Ziele des Bombardements, die Zermürbung der Kampfmoral und die Auslösung von Widerstand nie, die Unterbrechung des Wirtschaftsprozesses erst seit dem Herbst 1944 erreicht.
Eine glänzende Weltbild-Analyse oder politische Mentalitätsgeschichte bietet Jürgen Förster in seiner hellsichtigen Abhandlung über die Geistige Kriegführung von 1919 bis 1945. Aus der Traumatisierung durch die Niederlage von 1918, aus Dolchstoßlegende, Revolution und Versailles wurde die Konsequenz gezogen, den unverzichtbaren Revisionskrieg als Totalen Krieg zu führen. An dieser Indoktrination waren Reichswehr und Wehrmacht bis 1945 beteiligt. Konkrete Sozialgeschichte präsentiert dagegen Christoph Rass, der am Beispiel einer Division das Sozialprofil infanteristischer Kampfverbände mit eindringlicher Genauigkeit herausarbeitet.
Mit Sensibilität und kritischer Distanz zugleich nähert sich Winfried Heinemann dem umstrittenen militärischen Widerstand. Auf die bereitwillige Kooperation mit der NS-Führung und die innere Kapitulation vor ihren Ansprüchen folgte spärlich, nur punktuell, die späte Entscheidung für die Oppositionsbereitschaft, die aus einem Mix von Motiven hervorging: aus der Kritik an der Unfähigkeit der Militärführung, aus der Empörung über Judenmord und Vernichtungskrieg, nicht zuletzt aus der Angst vor der Zerstörung Preußens und des Reiches. Es war ein Widerstand, der die Mehrheit der Bevölkerung stets gegen sich wusste. Nach einem erfolgreichen Attentat hätte er den Bürgerkrieg gegen führertreue Frontverbände vermutlich nicht gewinnen können.
Zum ersten Mal untersucht Sven Oliver Müller das Problem des Nationalismus im »Dritten Reich«. Wer hat diese Wirkungsmacht nicht anerkannt? Doch eine Monografie oder auch nur einen Aufsatz auf der Höhe der gegenwärtigen Nationalismusforschung gab es bisher nicht. Müller arbeitet die Genese des Kriegsnationalismus von 1914 bis 1939 sachkundig heraus, ehe er die wesentlichen Elemente des Zweiten Weltkriegs scharfsinnig erörtert. Volksgemeinschaft, Führerkult, Antisemitismus und Rassismus (die Leitvorstellung des Nationalismus vom ausgewählten Volk mutierte zur fixen Idee von der herrschenden Rasse) erscheinen als die wesentlichen Elemente, die zwar mancherorts auf Grenzen trafen, insgesamt aber als Loyalitätsspender und dynamische Antriebskraft wirkten. Nichts machte Hitler populärer als die Befriedigung eines ressentimentgeladenen, seit 1918 traumatisierten Nationalismus durch Aufrüstung und »Großdeutschland«, vor allem aber die Siege im Polen- und Frankreichkrieg.
Zahlreiche Unternehmer wurden zu Komplizen des Regimes
Birthe Kundrus steuert einen aufschlussreichen Beitrag über die »kulturelle Kriegführung« in Film, Rundfunk und Theater bei. Jeffrey Herf und Aristotle Kallis analysieren die nationalsozialistische Propaganda im Kriegsverlauf mit ihren Auswirkungen und Grenzen. Die Stimmungslage einfacher Soldaten filtert Katrin Kilian aus dem riesigen Quellenkorpus der überlieferten Feldpostbriefe heraus, während Rafael Zagovec die weithin unbekannten Resultate der alliierten Verhöre von deutschen Frontsoldaten auswertet.
Mit harter Kritik spart Georg Wagner-Kyora nicht, wenn er die intime Kooperation der deutschen Rüstungswirtschaft mit dem SS-Staat minutiös genau verfolgt. Die Bereitschaft, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge gnadenlos auszubeuten, machte zahlreiche Unternehmer und Manager zu bereitwilligen Komplizen des NS-Regimes. Warum der Autor aber diese überfällige Kritik mit einem Plädoyer für den angeblich »eminent fruchtbaren« Goldhagenschen Begriff des »eliminatorischen Antisemitismus« verbindet, der doch historisch alles andere als überzeugend, vielmehr kenntnislos konstruiert worden ist, bleibt eine offene Frage.
Exakt schildern Mark Spoerer, Ela Hornung, Ernst Langthaler, Sabine Schweitzer und Oliver Rathkolb die Lage der Abermillionen von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen in der Industrie- und Landwirtschaft. Diese faktenreichen 250 Seiten unterstreichen noch einmal, wie überfällig die Entschädigungsleistung für Zwangsarbeiter vor der allzu späten Regelung war.
Das düstere Kapitel der Behandlung der Kriegsgefangenen ist von Rüdiger Overmans, dem besten Kenner der deutschen Kriegsverluste, geschrieben worden. Während bei den westeuropäischen Gefangenen die kriegsrechtlichen Vorschriften grosso modo beachtet wurden, hat von circa 5,3 Millionen russischen Gefangenen nur knapp die Hälfte überlebt, da die unverhüllte Vernichtungsabsicht sich über alle Rechtsregeln hinwegsetzte. Nicht minder erhellend ist Bernhard Chiaris Beitrag über die deutsche Besatzungspolitik in der Sowjetunion. Nicht nur Ausbeutung, Partisanenkrieg und Vernichtungskrieg, sondern auch die vergeudeten Chancen einer Kooperation mit den baltischen Völkern, den Ukrainern und den Kaukasusstämmen werden von ihm kenntnisreich geschildert. In einer luziden und kompakten Schlussbetrachtung hebt Hans-Ulrich Thamer die Grundlinie des gesellschaftlichen Wandels in der Kriegszeit hervor, dem die womöglich noch tiefer reichenden Umwälzungen der Nachkriegsjahre folgen sollten.
Fraglos stellen diese beiden Bände eine überaus eindrucksvolle Gesamtleistung dar, von der Öffentlichkeit und Forschung fortab profitieren werden. Sie dementieren auch denkbar überzeugend die hämische Kritik, die Götz Aly in seinem Buch über Hitlers Volksstaat unlängst geäußert hat: dass nämlich die Arbeit des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in konventioneller Routine erstarrt sei und sich nicht auf die lichte Höhe seiner eigenen Forschungsergebnisse schwingen könne. Die Deutsche Kriegsgesellschaft beweist, gerade rechtzeitig, jedem unvoreingenommenen Leser das genaue Gegenteil. Wie erquicklich wäre es, wenn der Verlag diese imposanten Bände in zehn, zwölf Paperbacks zu einem erschwinglichen Preis den Interessenten zugänglich machen würde!
Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939–1945KriegPolitisches BuchDas Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg; Band 9 in zwei Halbbänden; je Band 49,80 EuroJörg Echternkamp (Hrsg.)BuchDeutsche Verlags-Anstalt2004/05München49,80933 und 1112- Datum 31.10.2007 - 03:08 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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