Technik Kleber, Lack und Lösung

Die Kunst entdeckte den Kunststoff im falschen Glauben, er halte ewig. Nun zerbröseln die Pretiosen. Kathrin Kessler verlängert als Restauratorin das Leben von Designstücken aus Polyurethan und Polyesterharz

Sie ist die Hüterin einer Schatzkammer. Wenn Kathrin Keßler durch das Magazin des Vitra Design Museums in Weil am Rhein zu ihrem Arbeitsplatz geht, überblickt sie unzählige Sitzgelegenheiten, Möbel, Einrichtungsgegenstände und Lampen. Jahrzehnte der Designentwicklung sind hier sichtbar. Doch das geschulte Auge der Restauratorin achtet weniger auf die versammelte Pracht. Es späht vielmehr nach Kaputtem – nach alterungsbedingten Schäden, die die Zeit an den wertvollen Sammlungsgegenständen hinterlassen hat.

Dabei bereitet ihr das, was aus Holz und Metall gefertigt ist, kaum Sorgen. Schwierigkeiten machen vielmehr Objekte, in denen Kunststoffe stecken. Hier bröselt der vergilbte Schaumstoff einer Polsterfüllung. Da blättert der Lack von einem Stuhl ab. Dort ist ein Stück entzweigebrochen. Kunststoffobjekte sind der Albtraum der Restauratoren. »Entsprechend der Vielzahl der Materialien und Herstellungsprozesse sind an vielen Objekten im Magazin ganz unterschiedliche Schäden erkennbar«, klagt Keßler. Um die kostbaren Bestände zu bewahren, erforscht sie die Alterungsmechanismen an Kunststoffobjekten und entwickelt Restaurierungstechniken.

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In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Künstler und Designer mit synthetischen Materialien gearbeitet. Damit kann man Formen schaffen, wie sie etwa mit Holz nicht herstellbar wären. Die Kunststoffe geben vielen Möbeln jedoch nicht nur ihre Form, sie verbergen sich auch in den Polstern, Bezügen und Klebstoffen. Keßler kann sich heute vor siechen Zeugen dieser künstlerischen Moderne kaum retten. Das liegt daran, dass am Anfang solcher Anwendungen ein großer Irrtum stand: Die Hersteller von Stühlen beabsichtigten eine möglichst lange Lebensdauer der Produkte, deshalb verarbeiteten sie von den 1960er Jahren an die vermeintlich haltbarsten Materialien. »Man war davon überzeugt, dass Kunststoffprodukte ewig halten würden«, sagt Keßler. Keiner rechnete damit, dass sie sich so schnell zersetzen könnten.

Es ist nicht nur der tägliche Gebrauch, der Spuren an den Objekten hinterlassen hat. Die schlimmsten Feinde sind Licht und Sauerstoff. Sie schädigen die Molekülketten und beschleunigen die Alterung. Welche Vorgänge dabei genau ablaufen, hängt vom Bau der jeweiligen Moleküle ab. »Zusätzliche Arbeit bereiten uns Restauratoren die Künstler, weil viele die Kunststoffe nicht richtig verarbeitet oder ein ungeeignetes Material gewählt haben«, sagt Keßler.

Da man Ausstellungsobjekte nicht gut im Dunkeln verstecken kann, müssen sie zumindest schonend aufbewahrt werden. Das bedeutet vor allem, dass auf die Exponate kein grelles Licht fallen darf, das chemische Reaktionen erleichtert. Durch die Wahl der richtigen Lagerungs- und Ausstellungsbedingungen lässt sich die Alterung immerhin verzögern. Irgendwann landet aber jedes Sammlungsobjekt in Keßlers Restaurierungswerkstatt.

Vom Magazin des Museums aus gelangt Keßler in ihren Operationssaal. Auf den Tischen befinden sich Kunststoffproben, Behälter mit Klebstoffen, Lösungsmitteln und Lacken. Auch stehen hier die Sorgenkinder aus der Sammlung des Museums. Eines ist ein Prototyp des von Verner Panton Ende der 1960er Jahre geschaffenen frei schwingenden Stapelstuhls. Damit der leuchtend orangerot lackierte Stuhl aus glasfaserverstärktem Polyesterharz nicht durch die Berührung geschädigt wird, streift Keßler weiße Baumwollhandschuhe über. Mit geübtem Blick begutachtet und dokumentiert sie den Zustand des Stuhls, an dem schon heftig der Zahn der Zeit genagt hat.

Die Oberfläche ist verschmutzt und zerkratzt, Risse sind zu erkennen, und hie und da fehlt der Lack. Um die Tiefe der Risse zu erkunden, hat Keßler dem Stuhl mit Wärmebildkamera und Röntgenröhre unter die Lackschicht geschaut. An Stellen, wo sich das Kunstharz schichtweise ablöst, greift sie zum Klebstoff. Keine Mühe ist ihr zu groß, wenn es darum geht, einen geeigneten Kleber zu finden. Sie testete fast 50, bis sie den richtigen hatte.

Ein hölzernes Gerüst stützt den weich gewordenen Kunststoffstuhl

Keßlers erstes Material war das Holz; nach dem Abitur absolvierte sie eine Tischlerlehre. Nach einem Ausflug in die Kunstgeschichte während des Grundstudiums an der Universität in Münster und mehreren Praktika ließ sie sich an der Fachhochschule in Köln für die Restaurierung und Konservierung von Kunst und Kulturgut aus Holz ausbilden. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen Museen im In- und Ausland. Nun arbeitet sie seit über zwei Jahren am Vitra Design Museum.

Vom Holz zu den Kunststoffen war es nur ein kleiner Schritt. Denn schon in ihrer Diplomarbeit hatte sie Möglichkeiten der Restaurierung von Zelluloid untersucht, das als einer der ersten Kunststoffe überhaupt aus Zellulose synthetisiert wurde – als Rohstoff für Zellulose dient Holz. Selbst jetzt, wo Keßler Objekte aus vollsynthetischen Kunststoffen restauriert, sind ihre Erfahrungen im Umgang mit Holz nützlich. Ohne diese hätte sie nämlich keinen stützenden Rollstuhl für ein gealtertes Kunststoffobjekt des Designers Gaetano Pesce herstellen können. Pesce hatte an der Pratt School of Art and Design in New York Serien von Stühlen geschaffen. Für jedes dieser Objekte hat er ein Polyurethan mit anderer Zusammensetzung verwendet. Der Stuhl in Keßlers Werkstatt ist überwiegend aus schwarzem, elastischem Polyurethan gearbeitet, das rote Bereiche und Ornamente aufweist.

Auf den Gedanken, sich auf das 1984 entstandene Werk zu setzen, kommt man beim Anblick der wabbeligen Masse garantiert nicht. »Kurz nach der Entstehung war der Stuhl noch starr und stand aufrecht«, erzählt Keßler. »Inzwischen ist er weich geworden und unter dem eigenen Gewicht an der Seite eingerissen.« Um zu verhindern, dass sich der Stuhl weiter verformt, hat sie einen rollbaren Holzträger angefertigt. Sie lacht: »Dies ist der erste fahrbare Pratt-Stuhl.«

Vor der ersten Behandlung wurde das unregelmäßig geformte Werk zunächst mit einem Laserscanner dreidimensional erfasst. Eine computergesteuerte Fräse erstellte dann eine passgenaue Stütze aus Holz. Um den Stuhl vollends ausstellungstauglich zu machen, sucht Keßler nun noch einen Klebstoff, um den Riss an der Seite zu schließen. Bevor sie aber irgendeinen Kleister ins wertvolle Original hineinschmiert, führt sie Versuche an Testkörpern aus möglichst demselben Kunststoff durch. »Pesce verrät nicht, welche Ausgangsstoffe er jeweils verwendet hat«, bedauert Keßler. Je nach der Art der Molekülbausteine entstehen elastische, unterschiedlich harte oder gar aufgeschäumte Polyurethane.

Um das Geheimnis des Designers zu lüften, arbeitet Keßler mit Amsterdamer Chemikern zusammen. Deren Tests dürfen das Original nicht in Mitleidenschaft ziehen. Zum Glück reichte den Experten die winzige Probe eines Pratt-Stuhls für die massenspektroskopische Analyse. Sobald sie ermittelt hatten, welche Ausgangsstoffe Pesce verwendete, begann Keßler diese flüssigen Komponenten zu mischen und sie in eine Silikonform zu gießen, wo sie zu dünnen Teststreifen aus elastischem Polyurethan erstarrten. Im Moment erprobt sie an diesen Streifen Dutzende von Klebstoffen.

Der fachliche Austausch wird in der kleinen, noch jungen Szene der Kunststoffrestaurierer groß geschrieben. Erst Ende Juni haben sich Restauratoren, Chemiker und Kunstversicherer unter Keßlers Führung im Vitra Design Museum getroffen. Auf der Tagung präsentierten die Koryphäen die neuesten Durchbrüche: Richard Adler von der Hochschule der Künste in Bern etwa stellte seine jüngste Restaurierungsmethode vor. Ihm war es gelungen, einen Schreibtisch aus glasfaserverstärktem Polyesterharz auszubeulen.

»Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Erfolg undenkbar gewesen«, sagt Keßler. Der leuchtend orangefarbene Tisch des Designers Maurice Calka war beim Transport auf den Boden gefallen und hatte eine tiefe Delle davongetragen. Um dem Edelmöbel seine ursprüngliche Gestalt zurückzugeben, bedurfte es großer Sorgfalt. Da nämlich glasfaserverstärktes Polyesterharz bei Raumtemperatur spröde ist, bricht es unter Druck wie Glas. In der Wärme aber wird das Kunstharz wieder plastisch, und Restaurator Adler nutzte für seinen Erfolg das Erinnerungsvermögen des Kunststoffs. »Auf den ersten Blick scheint so ein Erfolg fast mühelos zu sein, doch hat Adler zwei volle Jahre wissenschaftlicher Forschungsarbeit investiert«, sagt Keßler. Nach unzähligen Versuchen an Testkörpern hatte er gewagt, die beschädigte Region des Tisches mit einem Infrarotstrahler zu erwärmen. Ein leichter Druck von der Gegenseite – schon war die Delle verschwunden.

Auf antiker Bronze wird die Patina geschätzt, nicht aber auf Plastik

Auch wenn die Restauratoren inzwischen viele Kunstgriffe beherrschen, um den Verfall hinauszuzögern, ändert dies nichts daran, dass die Objekte im Lauf der Zeit altern. Wie die Restauratoren bangen private Sammler, Museen und Versicherer um den Fortbestand des Kulturguts aus Kunststoff. Sie alle sind daran interessiert, dass sich ihre Kostbarkeiten nicht in einen Haufen wertloser Brösel verwandeln.

So kommt es nicht von ungefähr, dass das Museum und die Kunstversicherung AXA Art an einem Strang ziehen, um Kathrin Keßlers Arbeit zu ermöglichen. Denn Kunststoffobjekte erzielen auf Auktionen horrende Preise. Sind die alterungsbedingten Schäden so schwer, dass ein Werk in seinem Bestand bedroht ist, kann das für die Versicherung teuer werden. »Viele Leute verbinden mit Kunststoffen noch immer die Aura des Unzerstörbaren und Dauerhaften. Deshalb wird weniger sorgfältig auf ihre Erhaltung geachtet, als dies bei anderen Materialien üblich ist«, sagt Gabriela Rossi, Kunsthistorikerin und Marketing Manager von AXA Art in Zürich.

Dabei kann Alterung durchaus positive Seiten haben. Eine antike Bronze gilt als besonders wertvoll, wenn die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Bei Kunststoffen ist dies anders. Da diese Objekte erst kürzlich angefertigt wurden, empfinden die Liebhaber die Patina meist nicht als schön; sie mindert den Wert. Da es außerdem so viele verschiedene Kunststoffe gibt, existiert keine klare Definition für ihre spezifische Patina. Im Grunde müsste für jedes Material eine eigene Definition her. »Ein Patentrezept für die Restaurierung aller Objekte gibt es daher nicht«, sagt Keßler. Jeder Fall braucht eine individuelle Lösung. »Und nach der muss man suchen.«

Der Mensch...
Kathrin Keßler absolvierte nach dem Abitur eine Tischlerlehre. Nach einem Ausflug in die Kunstgeschichte an der Universität Münster und mehreren Praktika ließ sie sich an der Fachhochschule in Köln für die Restaurierung und Konservierung von Kunst und Kulturgut aus Holz ausbilden. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die Möglichkeiten, Zelluloid zu restaurieren. Seit zwei Jahren arbeitet sie am Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

und seine Idee
Als Möbeldesigner und Künstler begannen, Objekte aus Kunststoff herzustellen, setzten sie auf die unendlich erscheinende Haltbarkeit des Materials. Jetzt zerfallen die Kulturgüter erschreckend schnell. Kathrin Keßler versucht, diesen Prozess aufzuhalten. Für jedes Objekt muss sie dabei eine individuelle Lösung finden. Auf diese Weise haben Restauratoren in den vergangenen Jahren viel über das Altern des jungen Werkstoffs gelernt.

 
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