frauenfrage Weil sie eine Frau ist?Seite 2/2

Contra von Susanne Gaschke

Für Menschen mit linken politischen Überzeugungen ist die Tatsache irritierend, dass ausgerechnet die CDU mit einer Kanzlerkandidatin zur Wahl antritt: Waren nicht immer wir es, die frauenpolitisch bewusste Fortschrittlichkeit für uns reklamierten? Bis weit ins Lager sozialdemokratischer Frauenbeauftragter und grüner Sozialpädagoginnen hinein wird nun diskutiert, ob man Angela Merkel eventuell unterstützen müsse, weil sie eine Frau ist. Doch diese Debatte, so engagiert sie geführt wird, stammt von gestern.

Es könnten ja nur zwei Gründe dafürsprechen, eine Frau ausdrücklich um ihres Geschlechtes und nicht um ihrer Politik willen zur Kanzlerin zu wählen. Der erste wäre der symbolische Wert, den eine solche Wahl hätte, wenn Frauen in der Gesellschaft politisch benachteiligt wären. Wenn man ihnen generell nicht zutraute, ein Amt wie das der Bundeskanzlerin auszufüllen. Wenn sie von Bildungs- und Karrierechancen abgeschnitten wären und Männerpolitik sie in diesem Abseits zu halten suchte.

Davon kann in unserem Land keine Rede sein. Frauen haben, im Gegenteil, unendlich von den emanzipatorischen Bewegungen und der Bildungsreform der sechziger Jahre profitiert. In Schule und Studium überflügeln sie die männlichen Mitbewerber – und dass sie sich zum Teil noch auf die falschen Berufe und Studienfächer beschränken (wenn »falsch« bedeutet, dass man wenig Geld verdient), ist ihre freie Entscheidung. Im öffentlichen Dienst, in der Wissenschaft und sogar in der konservativen Wirtschaft holen Frauen karrieretechnisch auf, vielleicht zu langsam, aber unumkehrbar. Und gerade in der politischen Sphäre sind sie weit häufiger in Spitzenpositionen vertreten als im Rest der Gesellschaft. Das rot-grüne Kabinett besteht zur Hälfte aus Ministerinnen. Sowohl Dagmar Schipanski als auch Gesine Schwan hätte man sich womöglich noch besser im höchsten Staatsamt vorstellen können als den gegenwärtigen Bundespräsidenten. Es gibt keine Verschwörung zur Frauenminderberücksichtigung; keinen Anlass, ausgerechnet Angela Merkel als Vehikel notwendiger Frauenförderung zu sehen.

Der zweite Grund, eine Frau zu wählen, weil sie eine Frau ist, wäre die Unterstellung, dass Frauen andere, vielleicht sogar bessere Politik machten als Männer: dass sie weicher seien, einfühlsamer, sachorientierter, weniger wichtigtuerisch. Ganz abgesehen von dem kruden Biologismus, der diesem Motiv innewohnt, deutet jedenfalls an der CDU-Chefin rein gar nichts auf seine Richtigkeit hin: Was für Angela Merkel typisch ist, ist ihre Unbeirrtheit, ihre Rücksichtslosigkeit, der Machtwille, mit dem sie ihre Ziele verfolgt. Eine Härte, die im politischen Geschäft üblich und sicher bisweilen nötig ist – aber weder besonders »weiblich« noch besonders sympathisch. Ich selbst würde lieber die Männer als fortschrittlich feiern, denen es gelingt, auch ohne Härte erfolgreich zu sein, als über Frauen zu jubeln, die zu ihr fähig sind.

Nicht der Typ kompromissloser Karrierepolitiker – dem Merkel entspricht – ist doch das Zukunftsmodell, sondern jener, der (oder die) aus Erfahrung um die Widersprüche und Spannungen des Alltags weiß: der die Panik kennt, wenn ein Kind krank ist; das Gehetze zwischen Arbeitsplatz und Supermarkt; der sich Geldnot vorstellen kann und Angst vor Kündigung und Beziehungsstress. Merkel steht für nichts von alledem: Ob sie es nun beabsichtigt oder nicht, sie erscheint als die ungebundene, ungeerdete und unbeschwerte Polit-Technokratin. Eine Gleichstellungspolitik, die lediglich darauf zielte, allen Frauen die gleiche bedingungslose »Freiheit« zu eröffnen, brauchen wir nicht: Sie käme zu spät. Zur Bindungslosigkeit sind wir heute schon frei – das beweisen sowohl die deutsche Geburtenrate als auch unsere Scheidungsquote.

Politik für morgen müsste mehr bieten: Nämlich berufstätigen Männern und Frauen das halbwegs sorgenfreie Zusammenleben mit Kindern ermöglichen, und das in einem Land, das sie mögen dürfen; dessen wirtschaftlicher Untergang ihnen nicht alle fünf Minuten drohend prophezeit wird. Merkel aber gehört genau zu jenem wirtschaftshörigen Flügel der Union, der immer wieder lustvoll die deutsche Krise beschwört, »harte Einschnitte und Kürzungen« fordert und den Leuten, die sich davor fürchten, begütigend rät, das alles doch bitte nicht als Angriff auf die eigene Lebensqualität zu begreifen. Für die gleiche Strategie der Krisenbeschwörung und Angstmache hat sich auch ihre Partei entschieden: »Jeden Tag 1000 Arbeitsplätze weniger« plakatiert sie im Wahlkampf. Ihr Gegenprogramm druckt die Union aus guten Gründen nicht auf Großflächen: Sie will den Kündigungsschutz schwächen, die Tarifautonomie untergraben, die Mehrwertsteuer erhöhen, den Spitzensteuersatz senken. Keines dieser Vorhaben garantiert, dass Arbeitsplätze entstehen – sie bedienen Wirtschaftsinteressen, die nachvollziehbar sind, aber nun einmal frontal mit den Interessen von Arbeitnehmern kollidieren.

Von diesem Punkt an zählt nicht mehr das Kandidatengeschlecht, sondern es zählen allein die Programme der Parteien. Alles, was Arbeitnehmer verunsichert, trifft besonders die Familien. Sie brauchen in ihrem Alltag nicht noch mehr Flexibilität oder das Gerede davon. Ihr Familienleben zwingt sie ohnehin, äußerst beweglich zu sein. Was sie brauchen, ist Sicherheit – Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, Sicherheit bei der Kinderbetreuung. Die Union hat neben arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Verunsicherung familien- und frauenpolitisch nicht viel zu bieten: ganze vier Spiegelstriche sind es in ihrem Regierungsprogramm, darunter unkonkrete Bekenntnisse zur »Vereinbarkeit von Familie und Beruf«, die jede Information darüber geheim halten, wie das denn künftig besser gehen soll.

Anders dagegen Familienministerin Renate Schmidt, SPD. Sie setzt sich mit Erfolg für mehr Krippen, Kindergärten und Ganztagsschulen ein. Sie wirbt bei Wirtschaftsvertretern für mehr Rücksicht auf Familien. Das von ihr geplante Elterngeld als Lohnersatzleistung wird die Elternzeit revolutionieren, weil erstmals eine Chance besteht, dass auch Männer die Kleinkindererziehung übernehmen. Den rein quantitativen Gleichstellungsansatz vergangener Jahrzehnte hat sie zu einer ganzheitlichen familienpolitischen Betrachtungsweise weiterentwickelt. Das nützt Arbeitnehmern, Familien und Frauen mehr als eine symbolische Kanzlerin – und macht Wählerinnen, ob sie nun Schröder schätzen oder nicht, die Entscheidung leicht.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Hang

    Das ist er wieder - Deutschlands Hang in den Fatalismus! Weiterschrödern wäre das kleinere Übel. Möglicherweise mit einem Friedens-Nobelpreisträger als Bundeskanzler.

  2. 1. Es mag zwar sein, "dass frauenpolitisch bewusste Fortschrittlichkeit" eher dem linken Lager zugeordnet wird, und das durchaus mit Grund. Wenn man aber genauer hinschaut, auf welchen Ebenen der Macht dieses Bewusstsein angesiedelt ist, dann findet man es eben nicht in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger, nicht bei denen der SPD und auch nicht bei allen anderen. Wer hat die Macht in den Parteien? Es sind eben zum weit überwiegenden Teil immer noch nicht Frauen oder auch Männer, denen die Interessen der Frauen wichtig sind.

    2. Frauen sind immer noch politisch benachteiligt. Wer die rechtlich normierte Chancengleichheit mit den tatsächlich vorhandenen Aufstiegschancen für Frauen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gleichsetzt, verkennt die Realität. Ja, es ist besser geworden. Aber die Zahlen beweisen es: der Anteil der Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ist immer noch verschwindend gering. Auch der Hinweis auf die Zusammensetzung des Kabinetts geht fehl. Die politische Korrektheit gebietet dieses Zahlenverhältnis, und natürlich haben die Frauen nur die "unwichtigsten" Ministerämter abbekommen. Dagmar Schipanski und Gesine Schwan sollte man in diesem Kontext besser nicht anführen. Beide sind von Ihren Parteien nur aufgestellt worden, weil fest stand, dass sie nicht gewählt werden. Und schließlich, politisch entschieden wird auch auf anderen Ebenen: Auch bei Ministerpräsidenten, Regierungspräsidenten, Landräten und Bürgermeistern sind Frauen kaum vertreten.

    3. Zu Recht wird die Erwartung, Frauen in der Politik seien weicher und einfühlsamer, als "kruder Biologismus" abgetan. Und trotzdem verfällt Susanne Gaschke genau dieser klischeehaften Einordnung, wenn sie Weichheit und Einfühlsamkeit bei Angela Merkel vermisst und dies negativ vermerkt. Ich mag es kaum noch wiederholen, die Härte der Frau ist die Durchsetzungskraft des Mannes. Wofür sie gescholten wird, wird er gelobt. Was wäre Merkel ohne Härte, sicher nicht Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin.

    4. Angela Merkel die Kompetenz abzusprechen, eine gute Familienpolitik zu machen, weil sie kinderlos ist, heißt letztlich die Idee des politischen Gestaltens und Handelns aufzugeben. Politik machen heißt, von persönlichen Erfahrungen zu abstrahieren und sich die Erfahrungen, Bedürfnisse, Interessen und Ziele der Gesellschaft oder der Teile der Gesellschaft, für die man politisch verantwortlich ist, zu eigen zu machen und Schlüsse daraus zu ziehen. Ob das der CDU in der gebotenen Qualität gelingt, ist eine andere Frage, die nichts mit Angela Merkels Frausein oder ihrer Sozialisation zu tun hat

    Ich werde Angela Merkel nicht waählen, weil ich Mitglied in einer anderen Partei bin und in meinem politischen Engagement konsequent bleiben will. Ich hoffe aber von ganzem Herzen, dass Angela Merkel Kanzlerin und damit für unzählige junge Frauen Vorbild wird.

  3. Re: fwohlgemuth „Was haben nur alle gegen das Splitting?“
    Ja, warum eigentlich setzt sich keine Partei massiv für die Abschaffung des Ehegattensplittings ein?
    Es ermöglicht doch im Grunde sehr gut verdienenden Männern, ihre Ehefrau von der
    Steuer „abzusetzen“.
    Warum also kommt das Familiensplitting im Wahlkampf kaum vor?
    Es entspricht der von allen Parteien propagierten Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unterstützt die Familien - auch die Alleinerziehenden- und schafft damit die Voraussetzung für eine kinderfreundliche Gesellschaft. Und die wollen wir doch alle.
    Was sagt Frau Merkel dazu? Wie hält sie es mit dem Ehegattensplitting?

  4. Mit Begeisterung stellte ich fest, dass die Zeit zu den ersten Zeitungen gehört, die eine für Frauen wichtige Frage bei der Wahl ihres/ihrer Kanzlerkandidaten/in stellt. Soll frau Frau wählen, weil Frau von Frau gewählt werden kann. Eine spannende
    Frage, deren Präsenz ich auch in meinem teils sehr unpolitischen Umfeld häufig wiederentdecke. Ich habe mich darauf gefreut, endlich die verschiedenen Argumentationswege gerade durch zwei Frauen zu verfolgen. Jedocjh muss ich ihnen beiden leider mitteilen, dass ich enttäuscht bin. Auf der Pro-Seite, liebe Frau Mayer, findet sich eine Anhäufung verschiedenster Frasen: Von der Debatte über das "Mannsein, von "politischen Männerhorden" und "Frauenpolitik" geschrieben. Sicherlich lassen sich Quoten für den Frauenanteil in Unternehmen festlegen. ABer würden sie einen Platz in einem Betrieb einnehmen, von dem sie wüssten, dass er ihnen nur wegen ihres Geschlechts und nicht wegen ihrer Fähigkeiten zugesprochen wir?
    Da schreibt frau über die weiterhin anhaltende Ungleichheit von Männern und Frauen in der Gesellschaft. Es stimmt, dass Frauen in manchen Bereichen schlechter bezahlt werden als Männer und teilweise schlechtere Chancen haben eine Position zu ergattern. Aber Ungleicheit gibt es auf beiden Seiten. So
    haben ich noch in keiner Stadt, in keinem UNternehmen und keiner SChule einen "Männerbeauftragten" gesehen, der sich dafür einsetzt, dass es auch Rethorikkurse nur für Männer gibt, oder Selbstverteidigungskurse nur für Männer. Aber um ehrlich zu sein, bin ich sehr froh darüber, denn ein solches Vorgehen (wie es Frauenbewegungen jeden Tag vormachen) fördert die Gleichstellung in keiner Wiese, viel mehr entzweit sie das Land.
    Nun, Frau Gaschke betrachtet das ganze aus einer anderen Perspektive. Sie sieht Deutschland als Ort vollkommener Gleichheit von Mann und Frau. Auch dies ist vollkommen vereinfacht und dient, so kommt es dem Leser vor, letztlich nur als Ausgangsbasis für hemmungslose Parteiwerbung für ROT/GRÜN.
    Geschrieben waren beide Artikelteile jedoch in einer sehr leser-(oder sollte ich lieber schreiben leserin-)freundlichen Weise.
    Ganz gleich, lieber Leser, wen sie am 18. Sept. wählen. Entscheiden sie sich für die Partei, deren Ziele am ehesten mit ihren übereinstimmen und lassen sie sich nicht von Personen beeinflussen, die ihre mediale Position dazu nutzen
    nur vordergründig die Frage nach der Fahigkeit der Frau zur Macht stellen, aber diese dann mit dem Parteiausweiss versuchen zu beantworten.

  5. ... oder die richtige Politik? "Eigentlich" doch eine "leichte" Frage, oder?
    Ich habe überhaupt nichts dagegen, meinetwegen die nächsten zehn Jahre von Bundeskanzlerinnen oder Ministerpräsidentinnen regiert zu werden, wenn sie denn die richtige Politk machen. Die Politik eben, die ich gut finde, notwendig, das Land und die Mehrheit seiner Menschen wieder nach vorne führend.
    So einfach kann das sein mit dem Geschlecht. Wenn man sich keine ideologische Kappe aufsetzt.

    • Lonia
    • 25.08.2005 um 12:41 Uhr

    "Frau allein ist zuwenig" hat schon Heide Simonis mit Recht festgestellt, als es um die Wahl der/des österreichischen Bundespräsidentin/en ging und Frau Ferrero-Waldner kandidierte. Könnte ich im September wählen, ich kann es als Österreicherin, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt, nicht, würde ich nicht Merkel wählen, denn es ist absolut nicht zu erwarten, dass Sie die Politik macht, die mir (Alleinerziehende, studierender Sohn, sein Vater in Hartz IV, daher keine Alimente mehr!) das Leben leichter machen könnte. Was man bisher hört: weitere Einschnitte ins Sozialsystem, Mehrwertsteuererhöhung etc. etc.
    Wählt man als Frau in meiner Situation Merkel, i s t man das dumme Kalb, das sich seinen Schlächter selbst aussucht!

    • tex
    • 25.08.2005 um 12:29 Uhr

    Es wird Zeit das Deutschland begreift, das nicht das Geschlecht
    als Alibi gewählt werden darf sondern allein wahrhafte Kompetenz
    gefragt ist . 16 Jahre Kohl, sieben Jahre Schröder und vielleicht
    vier Jahre Merkel, so meine Prophezeiung, werden diese Volkswirtschaft
    auf jeden Fall torpedieren. Das Regieren und Lenken eines Landes
    darf man überhaupt nicht mehr nur in den Händen der Politik belassen.
    (siehe Horkheimer in einem Esay von 1956)
    Die Komplexität heutiger gesellschaftlicher Ereignisse verlangt neue Wege
    die weit über das wählen von Volksvertretern hinaus gehen muss.
    Gruß aus Düsseldorf

  6. "Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewünscht wird, ist banal. Und widerspricht der Verteidigung des Ehegattensplittings, das zur Berufsaufgabe ermutigt."
    Was ist eigentlich an einer Berufsaufgabe eines Ehepartners so schlimm?
    Wenn wir uns einig sind, dass es hier um die Familie geht und nicht um theoretische Vor- oder Nachteile für eine Person, dann ist das Ziel dieser Besteuerung die Wirtschaftseinheit Familie. Eine schlichte Abschaffung des Ehegattensplittings hätte zur Folge, dass Familien mit nur einem Verdiener für diese Haltung über die Progression bestraft würden: Bei nur einem Verdiener mit dem Gehalt 2X wäre die Besteurung höher als bei zwei Verdienern mit je einem Gehalt X. Belohnung emanzipatorischer Korrektheit ? Da sei Karlsruhe vor.
    Warum macht eigentlich niemand den Vorschlag, das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting zu ersetzen?

    Zur Sache Merkel: Selbst wenn ich der Meinung wäre, sachlich sei die Wahl zwischen den Parteien egal, dann wäre höchstens Sympathie das Kriterium und nicht das Geschlecht - ich bin doch kein Sexist ;-)

    Frank Wohlgemuth

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