Sand unter

Am Strand von Amrum sind zwei skurrile Siedlungen aus Treibgut entstanden. Ein bisschen Künstlerkolonie die eine, ein bisschen Schrebergarten die andere

Der Kniepsand ist aufdringlich. Unentwegt bläst ein kräftiger Westwind die feinen Körner von Europas breitestem Strand landeinwärts, er pikst an den Knöcheln und knirscht zwischen den Zähnen. Wolkenfelder rasen über die Nordsee. Dennoch erhitzt die Sonne die kleinen Täler der Primärdünen in der Mitte der endlosen Sandfläche auf Tropentemperatur. Zwischen den spärlichen Grashalmen flimmert die Luft. Amrums Reizklima kann anstrengend sein.

Zumindest ohne Strandkorb.

Oder ohne eines jener Refugien aus Treibholz, Fischernetzen und Plastikfolien, die seit fast einem halben Jahrhundert Sylts kleine Schwester prägen. Zu zwei Siedlungen haben sich diese Gebilde auf dem 20 Kilometer langen und knapp vier Kilometer breiten Strand vereint. Ihr Charakter unterscheidet sich deutlich: In der Mitte der Insel, auf der Höhe der Gemeinde Nebel, trotzen drei kunstvolle, winterfeste Behausungen den Elementen. An der Südspitze dagegen wird ein gutes Dutzend relativ schmuckloser und einfacher Hütten jedes Jahr neu errichtet.

Die Erbauer der Amrumer Kniepsand-Konstruktionen sind Künstler und Kleinbürger, die jede Saison in ihren skurrilen Behausungen verbringen und unermüdlich an ihnen werkeln. Manche davon werden an Freunde vermietet, oft nisten sich fremde Touristen für eine Nacht ein. Aber vor allem dienen sie ihren Schöpfern selbst als Unterschlupf, um den Tag bequem und direkt am Wasser zu verbringen. So unterschiedlich die beiden Kniepsand-Siedlungen sind, so deutlich finden sich doch überall Reminiszenzen an die künstlerische Keimzelle dieser einzigartigen Tradition: Ottis Strandburg.

Die liegt tief in den Primärdünen vor Nebel und ist weit mehr als nur eine Unterkunft. Auf rund hundert Quadratmetern hat der Amrumer Künstler Ottfried Schwarz eine bewohnbare Installation geschaffen, die wirkt, als hätte Marcel Duchamp ein Wrack geplündert. Meterlange Pfähle ragen wie Masten in den Himmel, gespickt mit Fendern und Schoten, Fahnen und Handschuhen, verbunden durch blaue Taue, an denen Schuhe und Stühle baumeln. Die erste Version seiner Strandburg hat es bis in das Museum von Hamburg-Altona geschafft, inklusive 200 Sack echtem Amrumer Sand.

An seinem Ursprungsort ist der allerdings eine ständige Bedrohung. Ich bin zwar auf Kurzurlaub hier, sagt Hans Harder, der für eine Woche mit seiner Frau in der Strandburg seines Freunds Otti untergekommen ist, während deren Erbauer sich in einem Berliner Krankenhaus behandeln lässt, aber auch als Hausmeister und Wache. Dann greift der splitternackte 68-Jährige schnell wieder nach seiner Schaufel. Im Sekundentakt schleudert er feinen weißen Sand in die Luft. Wenn der Wind dreht, muss man sofort reagieren, sonst ist die Burg im Nu zugeweht.

Das einzige Fenster der Strandburg haben die beharrlich heranrauschenden Sandkörner bereits fast vollständig verschüttet. Es ist in die Wand des geräumigen Hofes eingelassen. Daneben baumeln Ketten aus Knochen und Federn, unter der Decke hängen Netze voller Kiefernzapfen und Shampooflaschen. Hier feiert Ottfried Schwarz in der Saison mit Künstlerfreunden und Einheimischen Partys. In einem abschließbaren Raum lagern Petroleumlampen, Isomatten und Grillroste.

Dass der eine oder andere von ihnen hier auch mal nächtige, sei ein Gerücht: Höchstens Otti selbst schläft in sternklaren Nächten auf dem Dach, sagt Harder. Er weiß, dass die Behörden das nicht gerne sehen.

Auch die Erbauer der Strandburg nebenan sind vorsichtig, wenn es um diese Frage geht. Wir schlafen in einer Pension in Nebel, betont Helga Hauser-Feierabendt, die Schöpferin von Onkel Tin's Hütte, die mit ihren kunstvollen Figuren aus Bojenköpfen und Windrädern aus Frisbeescheiben deutlich von Schwarz' Werk inspiriert ist. Aber wenn ungeladene Gäste hier übernachten, können wir natürlich nichts dagegen tun. Die 75jährige ehemalige Verkäuferin aus dem bayerischen Truchtlaching und ihr Mann Berndt sind für das Interieur zuständig. Der Hamburger Jazzmusiker Edgar Voigt bastelt die Installationen im Außenbereich. Am liebsten aber sitzen die drei bei Kaffee und Kuchen auf der windgeschützten Terrasse. Wo sonst auf Amrum hat man es so gemütlich und gleichzeitig die Nordsee direkt vor der Nase?, fragt Helga Hauser-Feierabendt.

Sieben Kilometer weiter südlich, wo die Kniep-Konstruktionen nicht Strandburgen, sondern Strandhütten heißen, herrscht eine Atmosphäre, die mehr an Schrebergarten als an Künstlerkolonie erinnert. Dort hockt Hans Hilkerbäumer bereits seit einer halben Stunde auf dem Strand und stochert mit einer Metallstange im nassen Sand herum. Er trägt eine Kette aus Muscheln und einem Schild mit der Aufschrift Kniep-Bürgermeister. Hinter ihm steht eine Gesellschaft zumeist älterer Urlauber, aus der widersprüchliche Anweisungen ertönen. Ein Stück weiter links, ruft einer. Tiefer musst du piksen, ein anderer. Aber Hilkerbäumer hat bereits gefunden, wonach alle suchen. Mit den bloßen Händen gräbt er die ersten Zentimeter eines vier Meter langen Pfahles aus, dessen gemeinsames Aufrichten der kleinen Versammlung kurz darauf lautstarken Applaus entlockt. Unser Dorfplatz ist eröffnet, verkündet der korpulente Rentner fröhlich, blinzelt in die Vormittagssonne und prostet der Runde mit einem Schnaps im Plastikgläschen zu.

Das Dorf ist eine Ansammlung großteils schlichter Buden: Treibholzgerüste, die mit Plastikfolie bespannt sind. Hier hat jede Behausung einen Fahnenmast, der die Herkunft der Erbauer anzeigt. Nordrhein-Westfalen und Bayern, Böblingen und Lübeck, Hamburg und Krombach. Spuren künstlerischen Wirkens finden sich nur in den seemännischen Arrangements und feinen Mosaiken der kleinen Piratenkajüte am westlichen Ortsausgang.

Das Innere der Refugien ist liebevoll eingerichtet. In Hilkerbäumers Krabbenhütte hängen Besen und Handfeger ordentlich an der Wand, Würfelbecher und Bonbons sind in ein Bord sortiert. Essgeschirr, Verbandszeug, Gaskocher und ein großer Wasserkanister lagern in einer als Schrank umfunktionierten Kiste. Ein gehäkelter Vorhang ziert das Fenster, daneben ein Bild von drei Spatzenküken und das obligatorische Gästebuch.

Das alles bauen wir jedes Jahr wieder neu auf, erklärt er. Denn anders als die Strandburgen bei Nebel sind die Strandhütten vor Wittdün temporäre Bauwerke. Die Flut überschwemmt zwar im Sommer nur selten diesen Strandabschnitt. Aber im Winter ist auf dem südlichen Kniepsand oft Land unter. Im September verbuddeln wir alles wieder. Danach lagert das Material für neun Monate in 20 Zentimeter Tiefe, eingelegt in Salz, vakuumgepresst von Sand und Wasser.

Diese Methode geht auf den ehemaligen U-Boot-Kommandeur Hans-Georg Müller zurück. Der 83-jährige Bremer, der seit wenigen Jahren seine Hütte nicht mehr errichtet, hat der Gemeinde der Kniepianer zudem eine unerlässliche nautische Peiltechnik überliefert, um ihre zusammengefalteten Buden wiederzufinden.

Dazu werden zwei Orientierungspunkte im Landesinnern verwendet. Ohne Müller gäbe es unser Dorf gar nicht, sagt Hilkerbäumer.

Aber auch nicht ohne die großzügigen Verwaltungen der Nordseeinsel. Als Pächter, nicht als Besitzer, sind die Gemeinden Wittdün, Nebel und Norddorf für die einzelnen Strandabschnitte zuständig. Die Behausungen werden stillschweigend geduldet, weil sie eine touristische Attraktion sind, sagt Raimund Neumann, stellvertretender Leiter des Amtes Amrum. Dabei steht natürlich der künstlerische Aspekt im Vordergrund, und als Schlafplatz dürfen sie nicht dienen.

Die Richtlinien für die saisonalen Häuslebauer seien eindeutig, betont Hartmut Pohl, Sprecher von Nordfrieslands Unterer Naturschutzbehörde: Solange kein fremdes Material auf den Strand geschleppt wird, ist das in Ordnung. Die Flut und die Dünen holen sich ohnehin vieles zurück. Außerdem würden die Urlauber zum Erhalt der einmaligen Landschaft beitragen. Im Windschatten der Hütten lagert sich leicht Sand ab. Da entstehen langsam neue Dünen. Bei der Müllentsorgung arbeiten die Gemeinden der Insel gar mit den Bewohnern der Treibgutrefugien zusammen. So kommt die Müllabfuhr von Nebel jede Woche auf den Kniepsand und holt den von den Burgenbauern in ihrer Umgebung eingesammelten Unrat ab.

Auf der Südspitze wird die Kooperation zwischen den Hüttenkonstrukteuren und der Gemeinde Wittdün bei besonderen Anlässen intensiviert: Zum 30. Jahrestag von Hans Hilkerbäumers Kniepianerleben bringt der Traktor der Kommune ein paar Fässchen Bier auf seiner Schaufel mit. Um den Tag gebührend zu begehen, hat der Bürgermeister einen riesigen Extrakühlschrank aus Treibholz in den klatschnassen Boden eingelassen. Schade ist nur, dass der Altersschnitt bei unseren Festen ständig steigt. Es sind immer weniger junge Leute dabei.

Die Tradition der halblegalen Kniep-Konstruktionen droht aber auch aus einem anderen Grund auszusterben. Die Zahl der Strandgutbehausungen, von denen es vor wenigen Jahren noch mehrere Dutzend gab, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem deshalb verringert, weil wegen der zunehmenden Containerschifffahrt immer weniger Treibgut an Land gespült wird.

Das war einmal ganz anders. Der Amrumer Publizist Georg Quedens verweist darauf, dass die Tradition, Burgen und Hütten auf dem Kniepsand zu bauen, sich nur entwickeln konnte, weil es plötzlich so viel Material dafür gab: Bis in die frühen 1960er Jahre wurde auf der Insel noch mit Holz geheizt.

Einen beträchtlichen Teil davon holten sich die Amrumer vom Strand. Durch die Umstellung auf Öl lag das Treibholz plötzlich in Massen herum. Wer als Erster die Bohlen in eine Bude oder die Bojen in eine Burg verwandelt habe, sei ungewiss. Fest stehe nur, warum die Kurgäste an der Amrumer Westküste dieser Beschäftigung nachgehen: Auf dem endlosen Strand gibt es doch sonst nichts zu tun.

Information

ANREISE: Mit dem Auto auf der A 23 und B 5 von Hamburg über Heide nach Dagebüll. Mit der Bahn bis Niebüll, von dort Anschluss an die Regionalbahn nach Dagebüll. Die Fähre verkehrt je nach Jahreszeit unterschiedlich.

Rückfahrkarte Dagebüll-Wittdün für Erwachsene 15, Kinder 7,40, Pkw ab 53 Euro. Fährplan: www.faehre.de

UNTERKUNFT: Traditionshaus ist das Romantik Hotel Hüttmann in Norddorf (Tel.

04682/ 92 20, www.hotel-huettmann.de), Doppelzimmer in der Hauptsaison ab 116 Euro

Einen modernen Bade- und Freizeitbereich besitzt das Hotel Weiße Düne in Wittdün (Tel. 04682/94 00 00, www.weisse-duene.de), Doppelzimmer in der Hauptsaison ab 125 Euro

RESTAURANT: Regionale Spezialitäten gibt es im Restaurant Seeblick (Strunwai 13, Norddorf, Tel. 04682/92 10). Im Likedeler, (Stianoodswai 29 a, Steenodde, Tel. 04682/ 777) werden bodenständige Zutaten progressiv zubereitet. Für Kaffee und Kuchen bekannt ist das Friesen-Café (Uasterstigh 7, Nebel, Tel.

04682/966 20)

AUSKUNFT: Amrum Touristik, Am Fähranleger, 25946 Wittdün, Tel. 04682/940 30, www.amrum.de, auch Informationen über Ferienwohnungen und Privatvermieter

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    • Von Oliver Schulz
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 35/2005
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