Sie haben Recht, das klingt sehr nach Männerfantasie. Und über die Tierwelt des Amazonasgebiets kursieren ja einige Legenden – die mit den Piranhas habe ich an dieser Stelle schon behandelt (ZEIT Nr. 23/01). Aber den Candirú gibt es tatsächlich, und er zeigt auch dieses bizarre Verhalten. Letzte Zweifel beseitigt ein Bericht des brasilianischen Urologen Anoar Samad aus Manaus, der von Zeugen bestätigt wird und im Internet mit Fotos dokumentiert ist. 1997 kam ein 23-jähriger Mann in Samads Klinik, der erzählte, dass beim Urinieren in einen Fluss ein solcher Fisch in seine Harnröhre eingedrungen sei. Der glitschige Candirú habe sich nicht mehr herausziehen lassen, sondern habe sich mit beängstigendem Tempo immer weiter vorangearbeitet. Nach drei Tagen waren die Schmerzen so unerträglich, dass der Mann sich entschloss, den Arzt aufzusuchen.

Die in der Frage erwähnte »Totaloperation« war nicht notwendig, der Urologe setzte stattdessen auf ein Endoskop, an dessen Spitze eine kleine Greifzange befestigt war. So konnte er den 13 Zentimeter langen Fisch entfernen. Die Details dessen, was der Parasit im Körper des Opfers angerichtet hatte, erspare ich Ihnen. Die Prozedur wurde erleichtert durch die Tatsache, dass der Fisch tot war – so waren die Widerhaken, mit denen er sich gegen das Herausziehen sträubte, bereits erlahmt.

Skeptisch bin ich allerdings gegenüber der auch von diesem Opfer aufgestellten Behauptung, der Fisch könne im Urinstrahl von Männern »bergauf« schwimmen. Ungeklärt ist auch, ob der Candirú, der auch in die Körperöffnungen anderer Fische kriecht, tatsächlich vom Urin angelockt wird. Der operierte Mann war übrigens bei der Nachuntersuchung nach einem Jahr wohlauf und litt unter keinerlei Spätfolgen der Fischattacke. Christoph Drösser

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