Bruder Alois hatte sein Handy stumm gestellt, es brummte nur in seiner Tasche. Er leitete ein Gebet auf dem Weltjugendtag in Köln. So erfuhr er erst eine Stunde später, dass Frère Roger tot war, ermordet, während des Abendgebetes in Taizé, in seiner Communauté, seiner Bruderschaft. Noch am selben Abend macht sich Bruder Alois auf nach Frankreich. Ein älteres Paar, Bekannte des Pfarrers, der ihn in Köln beherbergt, fährt ihn durch die Nacht. Er kennt die Leute nicht, und sie wissen nichts von Taizé, nichts von der ökumenischen Bruderschaft, die Frère Roger gegründet hatte und die Jugendliche aus der ganzen Welt zu sich zieht. Das Paar stellt viele Fragen. Solange bis der Fahrer sagt: Jetzt ist es besser, wenn Sie Stille haben.

So fahren sie still bis nach Burgund im Osten Frankreichs, erreichen Taizé genau zum Sonnenaufgang. Sie fahren auf den Hügel zur Communauté, Bruder Alois bringt das Paar in einem Gästezimmer unter, geht mit seinem Gepäck in die Küche, in der einige Brüder frühstücken. Er umarmt sie, wünscht ihnen den Frieden Christi. Dann geht er in die Sakristei, dort sind die restlichen Brüder versammelt, das Morgengebet wird gleich beginnen. Er umarmt auch sie. Er ist jetzt ihr Prior. Er ist der Nachfolger von Frère Roger.

Gab es eine Einführung, ein Zeremoniell? "Überhaupt nicht. Frère Roger hatte gesagt: Am Tag nach meinem Tod wird Frère Alois mein Nachfolger. Also machen wir das jetzt ganz einfach."

Später an diesem Tag, sechs Tage vor der Beerdigung Frère Rogers, zu der zehntausend Besucher kommen werden, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler, sitzt Bruder Émile, der den Orden nach außen vertritt, müde im Garten unter einer Linde, die ihn vor der Sonne schützt, auf einem Klappstuhl aus Plastik. Er betete neben Frère Roger, als es passierte, er hörte den Schrei, er versuchte zu helfen, wo nicht mehr geholfen werden konnte. In der Nacht hat er zwei Stunden geschlafen. "Ich habe schon einmal daran gedacht, dass ihm eines Tages etwas zustoßen könnte, durch eine psychisch kranke Person. Schließlich war seine Position so exponiert, und er hat sich nicht geschützt. Das Leben eines Friedensstifters endet manchmal auf eine Weise, die absurd erscheint. Auch Martin Luther King oder Mahatma Gandhi ist es so ergangen."

Als Martin Luther King starb, gab es Krawalle, 39 Menschen starben. Als Frère Roger im Begriff ist zu sterben am 16. August 2005 um 20.45 Uhr, tragen ihn die Brüder aus der Kirche, sie unterbrechen nicht einmal das Gebet, nach einer kurzen Pause von vielleicht einer Minute lassen sie die Betenden das Lied Nummer 23 singen: Laudate omnes gentes, laudate dominum. "Lobt, alle Völker, lobt den Herrn."

Verspüren Sie keine Wut, Frère Émile? Sein Blick sagt, dass er allein die Frage abwegig findet. "Das ist nicht das, was mir in den Sinn gekommen ist. Vielleicht Entsetzen." Die Brüder forderten die Besucher auf, für die mutmaßliche Täterin zu beten, die die französischen Tageszeitungen Luminita S. nennen, eine Frau, die offenbar unter paranoiden Vorstellungen leidet. Sie ließ sich festnehmen, ohne sich zu wehren. Bruder Émile weiß von früheren Aufenthalten der Frau in Taizé. Die Bruderschaft wusste, dass sie ein psychisches Problem hatte, niemand ahnte, dass sie gewalttätig würde.

Als Bruder Alois bei Tagesanbruch ankommt in Taizé, schlafen die meisten Besucher der Communauté noch. Wer nach Taizé kommen will, um mit den Brüdern zu wohnen, darf dies tun, egal ob katholisch oder evangelisch, die Communauté pflegt ihre Offenheit. Die Gebete hier, sagen die Besucher, sind eher Meditationen, sie lassen ihnen mehr Zeit zum Nachdenken als gewöhnliche Gottesdienste zu Hause. Sie suchen Abstand vom Alltag, wohnen eine Woche lang in Baracken oder in Zelten, ihr Frühstück besteht aus ein paar Scheiben Baguette, einem Stück Butter, einer Schale Kakao. 2.500 Besucher sind es in dieser Woche, Deutsche, Franzosen, Letten, Spanier, Italiener, Russen, Polen, fast alle jung, um die zwanzig. Die meisten von ihnen waren am Abend zuvor in der Kirche, als Frère Roger ermordet wurde, mit einem Klappmesser der Marke Laguiole, gekauft in einem Laden für Anglerbedarf in der Rue Lamartine im nahen Cluny. Der Mord geschah vor allen, aber nicht vor aller Augen, weil sie knieten oder im Schneidersitz auf dem Filzboden saßen, die Augen geschlossen oder in das Liederheft vertieft, in denen Strophen stehen, die sie zehnmal, zwanzigmal wiederholten. Die Besucher haben den Mord auch deshalb nicht gesehen, weil die Kirche flach ist, der Chor der Brüder sich auf derselben Höhe wie die Plätze der Gäste befindet. Als die Besucher später erfuhren, was geschah, weinten viele, doch eine Hysterie blieb aus.