Mord, dann Lied 23
Zwischen dem Attentat auf Frère Roger und seiner Beerdigung: Besuch in Taizé bei seinem Nachfolger und der verblüffend gelassenen Gemeinde
Bruder Alois hatte sein Handy stumm gestellt, es brummte nur in seiner Tasche. Er leitete ein Gebet auf dem Weltjugendtag in Köln. So erfuhr er erst eine Stunde später, dass Frère Roger tot war, ermordet, während des Abendgebetes in Taizé, in seiner Communauté, seiner Bruderschaft. Noch am selben Abend macht sich Bruder Alois auf nach Frankreich. Ein älteres Paar, Bekannte des Pfarrers, der ihn in Köln beherbergt, fährt ihn durch die Nacht. Er kennt die Leute nicht, und sie wissen nichts von Taizé, nichts von der ökumenischen Bruderschaft, die Frère Roger gegründet hatte und die Jugendliche aus der ganzen Welt zu sich zieht. Das Paar stellt viele Fragen. Solange bis der Fahrer sagt: Jetzt ist es besser, wenn Sie Stille haben.
So fahren sie still bis nach Burgund im Osten Frankreichs, erreichen Taizé genau zum Sonnenaufgang. Sie fahren auf den Hügel zur Communauté, Bruder Alois bringt das Paar in einem Gästezimmer unter, geht mit seinem Gepäck in die Küche, in der einige Brüder frühstücken. Er umarmt sie, wünscht ihnen den Frieden Christi. Dann geht er in die Sakristei, dort sind die restlichen Brüder versammelt, das Morgengebet wird gleich beginnen. Er umarmt auch sie. Er ist jetzt ihr Prior. Er ist der Nachfolger von Frère Roger.
Gab es eine Einführung, ein Zeremoniell? »Überhaupt nicht. Frère Roger hatte gesagt: Am Tag nach meinem Tod wird Frère Alois mein Nachfolger. Also machen wir das jetzt ganz einfach.«
Später an diesem Tag, sechs Tage vor der Beerdigung Frère Rogers, zu der zehntausend Besucher kommen werden, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler, sitzt Bruder Émile, der den Orden nach außen vertritt, müde im Garten unter einer Linde, die ihn vor der Sonne schützt, auf einem Klappstuhl aus Plastik. Er betete neben Frère Roger, als es passierte, er hörte den Schrei, er versuchte zu helfen, wo nicht mehr geholfen werden konnte. In der Nacht hat er zwei Stunden geschlafen. »Ich habe schon einmal daran gedacht, dass ihm eines Tages etwas zustoßen könnte, durch eine psychisch kranke Person. Schließlich war seine Position so exponiert, und er hat sich nicht geschützt. Das Leben eines Friedensstifters endet manchmal auf eine Weise, die absurd erscheint. Auch Martin Luther King oder Mahatma Gandhi ist es so ergangen.«
Als Martin Luther King starb, gab es Krawalle, 39 Menschen starben. Als Frère Roger im Begriff ist zu sterben am 16. August 2005 um 20.45 Uhr, tragen ihn die Brüder aus der Kirche, sie unterbrechen nicht einmal das Gebet, nach einer kurzen Pause von vielleicht einer Minute lassen sie die Betenden das Lied Nummer 23 singen: Laudate omnes gentes, laudate dominum. »Lobt, alle Völker, lobt den Herrn.«
Verspüren Sie keine Wut, Frère Émile? Sein Blick sagt, dass er allein die Frage abwegig findet. »Das ist nicht das, was mir in den Sinn gekommen ist. Vielleicht Entsetzen.« Die Brüder forderten die Besucher auf, für die mutmaßliche Täterin zu beten, die die französischen Tageszeitungen Luminita S. nennen, eine Frau, die offenbar unter paranoiden Vorstellungen leidet. Sie ließ sich festnehmen, ohne sich zu wehren. Bruder Émile weiß von früheren Aufenthalten der Frau in Taizé. Die Bruderschaft wusste, dass sie ein psychisches Problem hatte, niemand ahnte, dass sie gewalttätig würde.
Als Bruder Alois bei Tagesanbruch ankommt in Taizé, schlafen die meisten Besucher der Communauté noch. Wer nach Taizé kommen will, um mit den Brüdern zu wohnen, darf dies tun, egal ob katholisch oder evangelisch, die Communauté pflegt ihre Offenheit. Die Gebete hier, sagen die Besucher, sind eher Meditationen, sie lassen ihnen mehr Zeit zum Nachdenken als gewöhnliche Gottesdienste zu Hause. Sie suchen Abstand vom Alltag, wohnen eine Woche lang in Baracken oder in Zelten, ihr Frühstück besteht aus ein paar Scheiben Baguette, einem Stück Butter, einer Schale Kakao. 2.500 Besucher sind es in dieser Woche, Deutsche, Franzosen, Letten, Spanier, Italiener, Russen, Polen, fast alle jung, um die zwanzig. Die meisten von ihnen waren am Abend zuvor in der Kirche, als Frère Roger ermordet wurde, mit einem Klappmesser der Marke Laguiole, gekauft in einem Laden für Anglerbedarf in der Rue Lamartine im nahen Cluny. Der Mord geschah vor allen, aber nicht vor aller Augen, weil sie knieten oder im Schneidersitz auf dem Filzboden saßen, die Augen geschlossen oder in das Liederheft vertieft, in denen Strophen stehen, die sie zehnmal, zwanzigmal wiederholten. Die Besucher haben den Mord auch deshalb nicht gesehen, weil die Kirche flach ist, der Chor der Brüder sich auf derselben Höhe wie die Plätze der Gäste befindet. Als die Besucher später erfuhren, was geschah, weinten viele, doch eine Hysterie blieb aus.
Nach dem ersten Morgengebet ohne Frère Roger verteilen sich die Besucher wie an jedem Tag über das Gelände, sie gehen zu ihren morgendlichen Bibelgesprächen. In den Gruppen bitten die Brüder die Besucher zu bleiben, mit ihnen zu trauern, nicht vorzeitig abzureisen. Und fast alle bleiben. Am Nachmittag arbeiten sie in der Küche oder am Empfang, sie putzen die Toiletten, reinigen den Boden in der Kirche mit Staubsaugern, alle vom gleichen Modell. Um sie unterscheiden zu können, hat jemand Namensschilder darauf geklebt, »Freude«, »Einfachheit« oder »Barmherzigkeit« – die Grundwerte der Communauté.
Was an diesem Tag in Taizé alles nicht geschieht: Das Programm für die älteren Besucher wird nicht geändert, nur das für die Kinder. Ihre Betreuer lesen ihnen die Geschichte von der Auferstehung vor. Es gibt keine Trauerbeflaggung. Nirgendwo ist ein Foto des Toten aufgestellt, und in dem Laden, in denen die Brüder Bücher, Keramik, Briefpapier, Kreuze aus Emaille und Postkarten verkaufen, sind die wenigen Karten, die Frère Roger zeigen – von hinten beim Gebet –, keineswegs vergriffen. Sie liegen in Stapeln im Regal. Die Besucher tragen keine Trauer, auf ihren T-Shirts steht: »My favorite game is my boy« oder »I gave up drinking and smoking« und in kleiner Schrift: »that were the hardest 15 minutes of my life«. Nirgendwo sind Blumen aufgehäuft, nur ein Strauß Margeriten liegt am Abend danach an der Stelle, an der Frère Roger ermordet wurde. Auch an den folgenden Tagen werden dort einzelne Rosen und Nelken liegen; immer wieder räumt jemand die Blumen weg.
Am Abend nach dem Mord lassen sich zwei Mädchen vor der Kirche nieder, zünden Kerzen an und schreiben auf ein Papier »Love forever Roger Brother«, insgesamt brennen nur neun Kerzen. Später, im Oyak, der Kneipe auf dem Gelände, trifft sich die Jugend unter einem Wellblechdach. Sie flirtet, lacht. Nur die Gitarren fehlen heute, sagt ein Mann aus Nizza, der seit zwanzig Jahren kommt.
Als Frère Roger erstochen wurde, unterbrachen sie das Gebet nicht
Zur gleichen Zeit in Köln beim Weltjugendtag: Trauernde tragen sich in Bücher ein, Kerzen werden zum Gedenken aufgestellt, ein Foto von Frère Roger wird ausgestellt. Es scheint, als unterscheide sich das Publikum in Taizé von dem in Köln: das eine gefasst, das andere leicht empfänglich für überbordende Gefühle. Zwei Franzosen, Freunde, sitzen am Wegesrand auf einer Bank, sie erzählen, warum sie geblieben sind (»weil wir Frère Roger nicht den Rücken kehren wollen«) und warum sie in ihrer Trauer eher ruhig sind (»Aufregung bringt niemanden weiter«). Einer der beiden war schon einmal bei einem Weltjugendtag, in Rom. Es war nichts für ihn. Er hatte den Eindruck, als wolle die katholische Kirche dort nur ihre Stärke demonstrieren. Er sei ja kaum dazu gekommen, sich mal mit jemandem in Ruhe zu unterhalten.
Man fragt Bruder Émile: Wie erklären Sie sich, dass hier alle so ruhig geblieben sind? »Ich glaube, es liegt an den Gebeten, die die Besucher dreimal täglich halten, das ganze Dorf lebt im Gebet. Das gibt allen einen gewissen Frieden. Ich bin selbst davon überrascht, wie ruhig es ist.«
Am nächsten Morgen bittet Bruder Alois in ein Besucherzimmer, das leer ist bis auf einen Tisch und drei Stühle aus Kiefernholz. Er hat wenig Zeit, in Kürze wird der Leichnam von Frère Roger erwartet, der in der Kirche aufgebahrt werden soll. Bruder Alois, 51 Jahre alt, Katholik, ist ein kleiner Mann von hagerer Gestalt und hagerem Gesicht. Wenn er lacht, das kommt oft vor, zieht er die Nase kraus.
Wie erklären Sie sich, dass es nach dem Tod des Papstes eine Hysterie gab und hier alles so ruhig ist? »Wir sind ja nur eine kleine Gemeinschaft.« Aber Sie ziehen sehr viele Menschen an. »Ja. Aber wir sind nur hundert Brüder.«
Taizé, so scheint es, will den Eindruck vermeiden, der Tod des Gründers könne den Geist der Communauté grundsätzlich verändern. Die Besucher singen in der Kirche Nada te turbe, nada te espante – »Nichts beunruhige dich, nichts ängstige dich«. Außerhalb der Kirche wollen sie zeigen, dass sie dies verinnerlicht haben. Und zu dem lautlosen Trauern passt es auch, wie Bruder Alois ins Amt gekommen ist: fast unbemerkt.
Bruder Alois, der Nachfolger, spricht leise und gedämpft
Der Schüler Alois Löser kam 1970 zum ersten Mal nach Taizé, als 16-Jähriger. Frère Roger war damals 55 Jahre alt. Das Erste, was Alois Löser hier faszinierte: »Dass in dieser Einfachheit die Nähe Gottes spürbar wird. Diese Unkompliziertheit im Gebet, auch mit wenigen Worten. Nicht viele Worte machen.« Bruder Alois spricht gedämpft, er macht nicht viele Worte, nur die, die er benötigt, wenn sie ihm nicht gerade versagen, weil er von Frère Roger spricht. In einer Zeitung stand, er habe möglicherweise nicht das Charisma des Frère Roger. Vielleicht stand das deshalb dort: Er überlegt zuerst und redet dann.
Bruder Alois weiß seit acht Jahren, dass er der Nachfolger sein wird. Und dennoch sagt er wiederholt, er fühle sich nicht vorbereitet auf dieses Amt. Vielleicht erzählt er deshalb so begeistert von anderen Situationen, in die er ebenfalls geriet, ohne dass er sich darauf vorbereiten konnte: von den Reisen nach Osteuropa in den Siebzigern und Achtzigern. Gleich nach seinem Eintritt in die Gemeinschaft reiste er nach Prag, mit einem Touristenvisum; er musste die Adressen der Christen, die er dort traf, auswendig lernen, um sie und sich nicht zu gefährden. »Ich wusste gar nicht, was ich dort machen sollte. Und als ich die Leute traf, war es einfach eine Freude, dass man zusammenkommt.« Auch die Reisen in die DDR, nach Polen zu Kardinal Wojtyła, sie gingen alle gut.
Sie folgen einem großen Mann, werden Vorbild für die Jugend sein. Macht Ihnen das Sorge? »Wir sind uns unserer Aufgabe bewusst – alle Brüder zusammen.«
Beim Abendgebet sitzt Bruder Alois jetzt am gleichen Platz wie zuvor Frère Roger, hinter allen Brüdern, auf dem Platz, der am weitesten in die Kirche hineinragt, von den Besuchern nur durch niedrige Blumenrabatten getrennt. Frère Roger hatte immer Kinder zu sich gebeten, sie saßen um ihn herum, sie malten und lasen in Kinderbüchern, während des Gebetes. Zu Bruder Alois halten die Kinder noch etwas Abstand. Oder er zu ihnen.
Am zweiten Abend nach dem Attentat, wieder im Oyak. Kann es sein, dass mehr gelacht wird als am Abend zuvor? Man geht ein wenig umher, fragt die Besucher nach Bruder Alois. Vielen sagt der Name nichts. Ein deutsches Mädchen sagt: Soll der nicht der Nachfolger werden?
Am nächsten Morgen, im Besucherhaus La Morada, will ein Mann unbedingt Bruder Alois sprechen. Er wartet dort schon eine Weile, er komme aus Lyon, habe seit gestern nicht gegessen, es sei dringend, er habe eine Botschaft. Er klingt verwirrt, seine Augen sind gerötet. Niemand schickt ihn weg. Als Bruder Alois das Besucherhaus betritt, stehen sie sich gegenüber: der verwirrte Mann und der neue Prior von Taizé. Bruder Alois sagt sehr freundlich, er könne jetzt nicht mit ihm reden. Der Mann bleibt noch eine Weile stehen, schließlich geht er.
- Datum 25.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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