Ich habe einen Traum

Zaha Hadid, 54, gilt als eine der großen Visionärinnen der Architektur. Zu ihren herausragenden Gebäuden gehören das Feuerwehrhaus des Vitra-Werks in Weil am Rhein und die Zentrale des BMW-Werks in Leipzig. Die in Bagdad geborene Hadid ging als Studentin nach Beirut, dann nach London. 2004 gewann sie die höchste Auszeichnung der Architektur, den Pritzker Preis – als erste Frau nach 26 Jahren. Nächste Woche wird in Kopenhagen das Ordrupgaard- Museum einen Anbau von Zaha Hadid eröffnen. In Wolfsburg entsteht derzeit das von ihr entworfene Science Center, ein Erlebnismuseum für Naturwissenschaft und Technik. Hadid träumt davon, Flughäfen, Regierungsgebäude, Kliniken und Schulen zu bauen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat

Ich habe kaum noch Bilder aus meiner Heimat, dem Irak, vor meinem geistigen Auge, weder in Tag- noch in Nachtträumen. Aber bis heute ist für mich die Vorstellung von der Stadt am Fluss lebendig geblieben. Meine Schule lag direkt an einem Flussufer, und so habe ich täglich aufs Wasser geblickt. Seither liebe ich Städte am Wasser wie Kairo, Istanbul, Shanghai. Egal, wie rasant sich diese Orte verändert haben, man weiß immer, dass sie aufgrund ihrer strategischen Bedeutung bereits seit Jahrtausenden existieren.

In Bagdad scheinen die Palmen die Luft der Ewigkeit zu atmen. In ihnen ist die Gegenwart ebenso präsent wie die Vergangenheit. Das hat mich schon immer fasziniert. Trotzdem habe ich in der Architektur nie von Zeitlosigkeit geträumt und von einer Erhabenheit über die Epochenwechsel. Ich hatte immer die Vision, Raum an sich neu erfahrbar zu machen, ihm neue Dimensionen zu verleihen.

Ich stamme aus einer säkularen irakischen Familie, in der die Idee des Fortschritts immer hochgehalten wurde. Zudem war ich während meiner Kindheit und Jugend eingebettet in eine stimulierende Kultur. Meine Eltern nahmen meine Erziehung außerordentlich ernst. Sie waren beide gleich wichtig als Unterstützer meiner Träume.

Wenn sie selbst einen Traum hatten, dann den, mit Hilfe von Bildung und Erziehung die Missstände in dieser Welt zu beseitigen. Mein Vater hatte an der London School of Economics studiert, als einflussreicher Politiker und Ökonom träumte er von einer durchgreifenden Modernisierung der Gesellschaft auf der Basis der Industrialisierung. An die glaubte er uneingeschränkt. Von seiner Vision war ich stark beeinflusst.

Während meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, in großer Freiheit zu leben. Ich war umgeben von Erwachsenen, die mit ihren Erzählungen meine Fantasie beflügelten. Ich wuchs auf in einer Kultur, die auf der Weitergabe von Geschichten fußt. Diese Geschichten halfen mir, die Energie zu bündeln, mit der ich als Kind geladen war. Ich hatte das Selbstvertrauen, das aus Vertrauen erwächst, ich wurde ermutigt durch meine Familie, meine Lehrer, später durch die jungen Professoren an der Uni.

Ich hatte immer den Wunsch, alles besonders gut zu machen. Sobald man in Worte fassen kann, was man will, und herausfindet, wie man es umsetzen kann, gibt das einem einen solchen Schub, dass man alle herausfordern und alle Herausforderungen annehmen kann. Diese durchschlagende Kraft entsteht durch die richtige Mischung aus Fleiß, Sorgfalt, harter Arbeit und eisernem Willen.

Als ich in den siebziger Jahren nach London kam, um an der Architectural Academy zu studieren, waren wir beseelt davon, nach dem Neuen Ausschau zu halten. Doch wir hatten keine Ahnung, was »neu« damals eigentlich bedeuten sollte. Wovon sollten wir also träumen? 

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