Ich habe kaum noch Bilder aus meiner Heimat, dem Irak, vor meinem geistigen Auge, weder in Tag- noch in Nachtträumen. Aber bis heute ist für mich die Vorstellung von der Stadt am Fluss lebendig geblieben. Meine Schule lag direkt an einem Flussufer, und so habe ich täglich aufs Wasser geblickt. Seither liebe ich Städte am Wasser wie Kairo, Istanbul, Shanghai. Egal, wie rasant sich diese Orte verändert haben, man weiß immer, dass sie aufgrund ihrer strategischen Bedeutung bereits seit Jahrtausenden existieren.

In Bagdad scheinen die Palmen die Luft der Ewigkeit zu atmen. In ihnen ist die Gegenwart ebenso präsent wie die Vergangenheit. Das hat mich schon immer fasziniert. Trotzdem habe ich in der Architektur nie von Zeitlosigkeit geträumt und von einer Erhabenheit über die Epochenwechsel. Ich hatte immer die Vision, Raum an sich neu erfahrbar zu machen, ihm neue Dimensionen zu verleihen.

Ich stamme aus einer säkularen irakischen Familie, in der die Idee des Fortschritts immer hochgehalten wurde. Zudem war ich während meiner Kindheit und Jugend eingebettet in eine stimulierende Kultur. Meine Eltern nahmen meine Erziehung außerordentlich ernst. Sie waren beide gleich wichtig als Unterstützer meiner Träume.

Wenn sie selbst einen Traum hatten, dann den, mit Hilfe von Bildung und Erziehung die Missstände in dieser Welt zu beseitigen. Mein Vater hatte an der London School of Economics studiert, als einflussreicher Politiker und Ökonom träumte er von einer durchgreifenden Modernisierung der Gesellschaft auf der Basis der Industrialisierung. An die glaubte er uneingeschränkt. Von seiner Vision war ich stark beeinflusst.

Während meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, in großer Freiheit zu leben. Ich war umgeben von Erwachsenen, die mit ihren Erzählungen meine Fantasie beflügelten. Ich wuchs auf in einer Kultur, die auf der Weitergabe von Geschichten fußt. Diese Geschichten halfen mir, die Energie zu bündeln, mit der ich als Kind geladen war. Ich hatte das Selbstvertrauen, das aus Vertrauen erwächst, ich wurde ermutigt durch meine Familie, meine Lehrer, später durch die jungen Professoren an der Uni.

Ich hatte immer den Wunsch, alles besonders gut zu machen. Sobald man in Worte fassen kann, was man will, und herausfindet, wie man es umsetzen kann, gibt das einem einen solchen Schub, dass man alle herausfordern und alle Herausforderungen annehmen kann. Diese durchschlagende Kraft entsteht durch die richtige Mischung aus Fleiß, Sorgfalt, harter Arbeit und eisernem Willen.

Als ich in den siebziger Jahren nach London kam, um an der Architectural Academy zu studieren, waren wir beseelt davon, nach dem Neuen Ausschau zu halten. Doch wir hatten keine Ahnung, was »neu« damals eigentlich bedeuten sollte. Wovon sollten wir also träumen? 

 

Wir blickten zunächst zurück und studierten den Fortschritt der Vergangenheit, jegliche Form modernistischer Bestrebungen: die russische Avantgarde, deutsche Revolutionsarchitektur, Amerika als neuen Traum. Besonders interessierte mich der russische Suprematismus, weil er vom Stalinismus beseitigt worden war, bevor er sich in Architektur niederschlagen konnte.

Wir begannen uns mit den Kräften der Erdanziehung auseinanderzusetzen und davon zu träumen, uns von ihr zu befreien. Nicht nur im Sinne eines technisch machbaren Herumschwebens im Raum. Wir Studenten träumten davon, physikalische Gesetze auf der Erde zu verwandeln. Dieser Traum von fundamentaler Erneuerung trieb uns an, uns mit irrwitziger Energie in die Arbeit zu stürzen. Wir hatten den Schimmer einer Ahnung, dass die Dinge anders sein konnten, als sie waren, in jenen späten siebziger und achtziger Jahren.

Ich könnte jetzt fabulieren und ganz allgemein von flexibleren, flüssigeren Formen träumen. Aber das trifft es nicht wirklich. Dazu ist der kreative Akt viel zu komplex. Ich bin nicht der Typ, der seinen Träumen nachhängt. Ich habe auch meine Entwürfe nie als Traumgespinste betrachtet oder als traumähnliche Gebilde – auch wenn andere sie damit assoziieren. Der Begriff des Traumes verfehlt das strategische Gestalten von Raum, das sich in langwierigen Prozessen Schritt für Schritt entwickelt.

Und doch, wenn ich in meiner Biografie einen Schritt zurückgehe, waren meine früheren Zeichnungen gewissermaßen die Pflastersteine meines Traumes, Raum anders und neu erfahrbar zu machen. Als ich anfing zu entwerfen, sprachen Betrachter davon, wie emotional meine Arbeiten seien. Andere verglichen sie mit Kinderzeichnungen, die sich auch den Gesetzen des Dreidimensionalen und der Schwerkraft entziehen. Aber Kinderzeichnungen sind gestisch, spontan, intuitiv. Dagegen braucht es viele, viele Skizzen, Schweiß und Konzentration und manchmal zehn Leute an einem Tisch, um eine ursprüngliche Vision im Detail zu verwirklichen.

Unser formales Repertoire ist so reichhaltig, wir haben bei jeder Aufgabe zig Möglichkeiten, in die wir abdriften können. Jede Linie in einem Entwurf beschreibt eine Reise ohne Ziel, vergleichbar mit einem Gang durch den Dschungel. Sie folgt keinem vorgezeichneten Weg, sondern irrt mehr oder weniger herum und führt im besten Fall nach vielen Umwegen zum Kern der Vision.

Ich arbeitete vor einer Weile an einem im Grunde sehr einfachen Projekt. Je länger ich mich darin vertiefte, desto mehr reduzierten sich die Möglichkeiten. Es gab einen Moment, in dem ich von einem kleinen auf einen großen Maßstab umschaltete, von der Vorstellung einzelner Gebäude auf Landschaftsformen. Die Objekte wuchsen in meiner Vorstellung derart, dass sie sich selbst zu Hügeln formten. 

Ich träume davon, Bauten zu schaffen, für die bereits eine Typologie besteht, und ihnen eine gänzlich neue Aura zu verpassen: Flughäfen, Kliniken, Schulen, Regierungsgebäude. Die Herausforderung bei solchen Projekten ist besonders groß.

Architektur ist ein ungeheuer aufregendes Zusammenwirken verschiedenster Kräfte und Menschen. Wenn man uns Architekten konsequent tun ließe, wovon wir träumen, wäre die Welt ein besserer Ort.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo