Finanzinvestoren Wer stoppt die Rendite-Jäger?
Bei den Finanzjongleuren steigt die Stimmung. In der Bevölkerung wächst die Angst um den Arbeitsplatz
Den Miesmachern gehen die Argumente aus: Unternehmensgewinne und Aktienkurse sind kräftig gestiegen, und das nicht erst seit gestern. Es spricht sich herum, dass man als Investor in Deutschland gutes Geld verdienen kann. Die Stimmung steigt – allerdings nur bei den Finanzjongleuren. Bei den Beschäftigten wächst hingegen die Angst um ihren Arbeitsplatz. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sorgen sich um ihre Existenzgrundlage, ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts GFK. Auch die bereits Arbeitslosen haben nichts davon, dass es vielen Unternehmen bestens geht. Wer aufs Abstellgleis geriet, wird zwar gefordert, aber nicht gefördert. Wie auch? Neue Jobs sind nicht entstanden.
Wenn sich Unternehmen gesundschrumpfen, um zu überleben, dann ist das nachvollziehbar. Wenn aber Firmenjäger Betriebe ausmergeln, um Rekordrenditen zu erzielen, dann kostet das nicht nur Jobs; dann gehen auch Motivation und Loyalität verloren, zwei wesentliche Bedingungen für den Erfolg. Die Art, wie in den vergangenen Wochen Topmanager wie beispielsweise bei DaimlerChrysler oder der Post durch den Verkauf von Aktien richtig Kasse machten, zeigt, welcher Geist inzwischen vorherrscht: Rette sich, wer kann, und jeder ist sich selbst der Nächste. Normale Arbeitnehmer haben nicht die Chance, richtig abzusahnen. Sie landen in Hartz IV.
Das Idealbild von der Marktwirtschaft, die allen nutzt, und freien Kapitalmärkten, von denen alle profitieren, zeigt hässliche Kratzer. Für den Großteil der Menschen sinken im Sozialstaat Deutschland die Chancen auf Arbeit und bescheidenen Wohlstand. Die Gier nach stetig wachsender Rendite kollidiert mit dem Verfassungsgebot, dass Eigentum verpflichtet. Und der Versuch, Marktgesetze wie Naturgesetze für unabänderlich zu erklären, zeugt von einem seltsamen Demokratieverständnis.
An die Stelle von Unternehmern, die sich ihren Mitarbeitern und der Gesellschaft verantwortlich fühlen, treten nach und nach anonyme Geldgeber. Auch Lieschen Müller und Anton Meier gesellen sich dazu. Denn seit die staatliche Rentenversicherung, befrachtet mit systemfremden Leistungen und den Lasten der Wiedervereinigung, als Pleitekandidat gebrandmarkt wird, sollen sie privat vorsorgen. Frau Müller und Herr Meier wollen also auch von Dividenden und steigenden Kursen profitieren, um im Alter nicht zu verarmen. Begriffe wie Volksaktie und Aktionärsdemokratie gaukeln zudem vor, die Prinzipien einer sozialen Gesellschaft an die Börse bringen zu können. Doch die Idee von einer egalitären Gesellschaft, in der alle zu Kapitalisten werden und aus dem Geldtopf schöpfen, bleibt ein Märchen.
Heute haben es Manager und ihre Mitarbeiter mehr und mehr mit institutionellen Investoren zu tun, die – wie Kampfpiloten – ihre Opfer nicht mehr kennen. Zu ihnen zählen Privat-Equity-Firmen und Hedge Fonds. Sie versprechen traumhafte Renditen und sammeln ihr Geld von Vermögenden ein. Manche dieser Gesellschaften verdienen daran, die Zukunft von Unternehmen oder Währungen zu verwetten. Andere kaufen Betriebe gleich – ganz oder teilweise – auf.
Umsichtige Geldgeber sanieren, wo es nötig ist. Skrupellose Vertreter der Zunft aber kennen kein Pardon; dafür umso mehr zweifelhafte Strategien, ihre Renditen in die Höhe zu treiben. Aufkäufe werden oft nur mit wenig Eigenkapital und hohen Krediten finanziert, die den Betrieb in schlechten Zeiten in den Ruin treiben können. Tilgung sowie Zinsen werden nämlich dem Übernahmeopfer aufgehalst. Nicht selten werden die auch zerschlagen oder ihre Reserven ausgeplündert. In der Regel kostet das jede Menge Jobs. Ob die betroffenen Betriebe die Tortur langfristig überleben, darauf achtet niemand mehr.
Der Kapitalismus ohne Grenzen und Regulierung fordert viele Opfer: inzwischen sogar von Reisenden. So hingen Mitte August 100000 Passagiere am Londoner Flughafen Heathrow wegen eines Streiks fest. Der milliardenschwere Finanzinvestor Texas Pacific Group (TPG) war Ende 2002 beim Caterer Gate Gourmet eingestiegen, der Airlines mit Mahlzeiten versorgt. Inzwischen machen dort die Gläubiger Druck. TPG gibt ihn weiter und fordert: deutlich niedrigere Löhne oder Jobabbau. Angeblich wurde den Aufständischen per Megafon gekündigt. Aus Solidarität trat überraschend auch das Gepäck- und Abfertigungspersonal in den Ausstand. Ein Schaden in Millionenhöhe.
Auch andere Beschäftigte wehren sich inzwischen, wenn sie befürchten, dass ihr Unternehmen ausgeblutet werden soll. So gingen die Mitarbeiter des Markenfabrikanten Grohe tagelang auf die Straße. Bei MTU wandte sich jetzt der Betriebsrat hilfesuchend an den Kanzler. Und auch bei Mobilcom rumort es. Hartnäckig hält sich dort der Verdacht, dass es nach dem Einstieg des neuen Investors TPG stattliche Sonderdividenden geben soll, die womöglich auch noch mit Krediten finanziert werden müssten. Selbst Schwergewichte wie DaimlerChrysler, die Commerzbank oder Siemens sind ins Visier von Hedge Fonds geraten.
Diese Art der Finanzinvestoren stellen sich »auf sieben fette Jahre ein«, schreibt das Handelsblatt. Besonders attraktiv ist für sie der deutsche Mittelstand. Weil die Banken bei der Kreditvergabe restriktiv seien, eröffne sich ein breites Spektrum an interessanten Investmentchancen, heißt es in Fachkreisen dazu. Noch ist der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Erfreulich viele Unternehmen reüssieren mit langem Atem, guter Qualität, qualifizierten und loyalen Mitarbeitern. Wer schützt sie vor der Gier der Rendite-Jäger?
Im Wahlkampf ist nach der Heuschrecken-Debatte nichts mehr von alldem zu hören. Dabei wäre schon viel gewonnen, nur eine Regel zurückzunehmen, die der Fehlentwicklung Vorschub leistet: Veräußerungsgewinne bleiben in Deutschland steuerfrei. So wollten es die Sozialdemokraten. Damit lösten sie selbst aus, was sie anschließend beklagten. Auch die Regulierung von Hedge Fonds sollte auf die Agenda der politischen Parteien. Schließlich fordern einige Akteure in der Branche selbst, dem Wilden Westen Grenzen zu setzen. Tauchen aber die Politiker der nächsten Regierung ab, bleibt als einzige Regulierung, dass die vermögenden Geldanleger – beispielsweise auf ihren Reisen – die Folgen ihrer Anlagestrategie selbst zu spüren bekommen.
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
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Bravo und vielen Dank Frau Lütge! Jäger sind keine Förster, auch wenn Förster manchmal zur Waldpflege auf die Jagd gehen.
Internationale Grossbanken und Investmentgesellschaften betrachten langfristige Renditen von 15-25% als oberstes Ziel ihres Wirtschaftshandelns. Bei Privat-Equity Firmen und Hedge Fonds versucht man diese Renditen sogar noch zu übertreffen. Langsam nähern sich die Profitmargen für grosse Kapitalien wieder den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Zinsen im Italien der Medici und dem
Augsburg der Fugger und Welser.
Firmenmanager oder Alteigentümer werden selbstverständlich an diesen Renditen beteiligt oder abgefunden! Firmenmitarbeiter sind die einzigen Menschen, die den Druck der internationalen Konkurrenz, die wachsende Produktivität von Maschinen und künstlicher Intelligenz und die, betriebs- wirtschaftlich über längere Zeiträume nicht zu haltenden, Renditeerwartungen von Anleger-Firmen mit allen Folgen tragen müssen.
Härtere Besteuerung von Veräußerungsgewinnen, Tobin- Steuer
und Neuaufbau der Arbeitnehmermacht wären sinnvolle Wege zur
Kontrolle. Doch wer von den etablierten Parteien setzte so etwas um, angesichts des überlegenen Erpressungspotentials
der Kapitaleigner?
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