Steuern Der Traum vom SteuerparadiesSeite 3/3
Alternative. Trotz aller Mängel im Kirchhof-Konzept: Es wäre fatal, wenn die Politiker es in der nächsten Legislaturperiode ein weiteres Mal aufschieben würden, das Steuersystem gründlich zu durchforsten und zu überarbeiten. »Es gibt ausformulierte Konzepte, sie alle wollen Vereinfachung«, sagt der CDU-Finanzexperte Friedrich Merz (siehe Interview auf dieser Seite). »Wenn wir diese Chance nicht nutzen, wird sie nie wiederkommen.«
Die Expertengruppe um Joachim Lang will in den kommenden Wochen ihr Alternativmodell präsentieren – als »Preis für den Wahlsieger«, wie Michael Eilfort vom Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft sagt. Das Lang-Konzept würde ebenfalls das Steuersystem substanziell vereinfachen, aber offenkundige Fehler des Kirchhof-Plans vermeiden. Lang hofft, immerhin nur mit einem Viertel des gegenwärtigen Gesetzestextes auszukommen. Die Zahl der Einkunftsarten wird auf vier reduziert: auf die Einkommen von Selbstständigen, von Arbeitnehmern, auf Einkünfte aus Finanzkapital und auf so genannte Einkünfte für Zukunftssicherung, womit vor allem die Steuerfreiheit von Rentenversicherungsbeiträgen und die Besteuerung der Renten gemeint sind.
Anders als Kirchhof will die Expertengruppe um Lang an der Pendlerpauschale festhalten, weil die Ausgaben für den Weg zur Arbeit nötig seien, um Geld zu verdienen. Auch die Kosten fürs Arbeitszimmer sollen weiterhin absetzbar sein, ebenso wie hohe Krankheitskosten, die gegenwärtig als »außergewöhnliche Belastungen« berücksichtigt werden.
Ganz wichtig: Im Gegensatz zu Politikern, die gern mit günstigen Steuersätzen werben, will der Expertenzirkel den Tarif erst festlegen, wenn er die Besteuerungsgrundlage geklärt hat.
Finanzierbarkeit. Es ist nämlich der Tarif – die Flat Tax –, der den Kirchhof-Entwurf für den Staat so teuer macht, auch wenn Kirchhof behauptet, seine Reform sei aufkommensneutral. Selbst der Finanzwissenschaftler Rolf Peffekoven, eher ein Sympathisant Kirchhofs, hält es für »realistisch, dass in der Anfangsphase an die 40 Milliarden Euro an Steuerausfällen zu befürchten sind«. Deshalb hält Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) das Konzept angesichts der maroden Staatsfinanzen schlicht für »nicht finanzierbar«.
Dass sich Merkels parteiloser Finanzministerkandidat auch einer Phalanx von Unionsministerpräsidenten gegenübersieht, hat ihn bisher nicht irritiert. Er bekräftigt immer wieder, dass er nach der im Wahlprogramm versprochenen Steuerreform in einer zweiten Phase sein Modell bis 2009 in die Praxis umsetzen will.
Für die Union ist das eine komfortable Position. Sie schmückt sich im Wahlkampf mit dem Quereinsteiger Kirchhof und seinem Plan als interessante Neuentdeckung, sodass sogar die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer fast in Vergessenheit gerät. Gleichzeitig kann sie aber offen lassen, ob Kirchhof seine »Vision« (Merkel) jemals verwirklichen wird – oder ob sie sein Traum bleibt.
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Die Begründungen für das Erheben von Steuern waren in der Geschichte ursprünglich zweckorientiert und wurden immer mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Argumentationen zum Sinn und Fragen nach Gerechtigkeit beantwortet.
Je nach Macht desjenigen Steuererhebers konnten auch sinnloseste Vorhaben umgesetzt werden.
Die Weiterentwicklung der Begründungen folgten und folgen den altbekannten Mustern der Mystifizierung und Ideologisierung.
Vor dem Hintergrund der vorrangigen Aufgabe der Politik als Daseinsvorsorge in aufgeklärten und entwickelten Informations- und Mediengesellschaften ist die momentan ablaufende Diskussion ein Scheingeschäft, wenn nicht ein Insider-Deal, der durch das Dickicht, in dem er geführt wird, begründet, verteidigt und erhalten bleiben wird. Und zwar solange, bis die Beteiligten ihre Umgebung so verwüstet haben, daß man im Lichte der dadurch entstandenen Transparenz etwas Neues aufbaut. usw... usf...
Das man sich so für Hern Kirchhof erwärmen kann, ist mir ein Rätsel. Wer will denn wirklich mit entrechteten Menschen zusammen in einem Land leben? In den USA mag das ja gehen, da gibt es genug Rückzugsmöglichkeiten, aber doch nicht in Europa.
Verstehen Sie doch endlich, Verantwortung ist keine Einbahnstraße sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wer alles nur vereinfacht macht es sich zu einfach.
Der Autor verreist zurecht auf das Erfordernis des Reisens in der Globalisierung. Aber weshalb soll der Steuerzahler dies berücksichtigen indem er Spesen anteilig abzieht vom Einkommen?
Richtig ist vielmehr, dass der Unternehmer selbst über Löhne und Produktpreise dies regeln muss.
Murmel
P.S. Natürlich würde das Kürzen von Reisespesen auch Journalisten treffen ;-)
Nicht nur die Steuer hat mich vor Jahren aus der Bundesrepublik vertrieben ! In Singapur gibt es eine vier Zeilen Steuererklaerung ! Erst ab ~6000 Euro fallen ueberhaupt Steuern an und gehen dann in eine Progression von 8, 12 bis 25 % ueber (immer nur der Betrag, der über dem jeweiligen Limit liegt!). Bei einem Jahreseinkommen von ~50000 Euro kommt man hier auf eine 1000-2000 Euro hohe Steuerbelastung (im Jahr!) und das gaenzlich ohne Belege. Hier zahlen die grossen Firmen zumindest etwas und der "normale" Arbeitnehmer nur einen geringen Beitrag. Indirekte Steuern für Luxusgüter sind die Kehrseite, aber für den taeglichen Konsum haben die Menschen Geld in der Tasche und davon profitiert die Mehrheit der kleinen Händler genauso wie die grossen Player - Smarte Bedingungen ... etwas für das Deutschland schon sehr lange überreif ist !
Mit freundlichem Gruss aus Singapur - Ingo Lange
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren