Was Schulen brauchen und dem Lernen nützt, darüber gibt es viele Meinungen. In einem Punkt jedoch zeigen sich Lehrer und Schüler, Eltern und Politiker einig – Letztere zumindest, solange sie in der Opposition sind: Große Klassen sind schlecht, in kleinen lernt es sich besser. Deshalb versprechen Parteien im Wahlkampf mehr Lehrer für die Zukunft einzustellen, malen Pädagogen eine schöne neue Schulwelt aus, wenn sie nur weniger Schüler pro Klasse zu unterrichten hätten. Und viele Eltern packt die Sorge um ihr Kind, wenn sie wie jetzt zum Schulbeginn hören, dass es sich die Aufmerksamkeit des Lehrers mit 29 Altersgenossen teilen soll.

Wagt jemand die Binsenwahrheit vom Vorteil kleiner Klassen in Zweifel zu ziehen, trifft er auf Unverständnis, bei Lehrern auf Empörung. So erging es Andreas Helmke, Schulforscher an der Universität Koblenz-Landau, der im ZEIT- Interview (Nr. 30/05) sagte: "Es ist ein nicht auszurottender Mythos, dass kleinere Klassen automatisch zu höheren Lernergebnissen führen."

Der Protest folgte postwendend. Zitiert sei stellvertretend für viele Jörg Hellmann – "fast 40 Jahre im Schuldienst, Oberstudienrat, Fächer Deutsch und Geschichte". Er vibriere bei solchen Sätzen "am ganzen Körper", schreibt er in seinem Leserbrief. Denn jeder, der einmal länger als vier Wochen vor einer Klasse gestanden habe, wisse doch, dass es für Lehrer und Schüler "ein himmelweiter Unterschied" sei, ob die Klasse groß oder klein sei. Forscher Helmke, falsche Lösung, setzen!

Die Argumente für kleine Klassen scheinen in der Tat für jeden plausibel. Hier hat der Lehrer die Möglichkeit, sich stärker um jeden Einzelnen zu kümmern. Schüler kommen häufiger dran, schüchterne Kinder wagen es eher, sich zu melden. Außerdem stören Lärm und Unruhe weniger den Unterricht als im Massenbetrieb, ist die Lernatmosphäre entspannter. Da müssen die Schüler doch einfach mehr lernen. Denkt man. Und irrt.

Warum Schüler in kleinen Klassen nicht mehr lernen, ja noch nicht einmal in größerer Ruhe arbeiten, erklärt eine in Kürze erscheinende Doktorarbeit der Universität Essen. In der ersten Studie dieser Art untersuchte die Erziehungswissenschaftlerin Grit Arnhold, inwiefern sich der Unterricht in kleinen und großen Klassen unterscheidet. Das Resultat in Kürze: So gut wie überhaupt nicht. "In der Regel lassen die Lehrer die Chancen kleinerer Klassen ungenutzt", sagt Arnhold. Ob sie 20 oder 27 Schüler vor sich haben – sie pflegen die gleichen Lehrmethoden.

Die Studie hilft, eine Lücke zu schließen zwischen der allgemeinen Schulweisheit und dem Befund der empirischen Bildungswissenschaft, die der Schülerzahl nahezu jeden Einfluss auf die Leistung abspricht. Einen ersten, oberflächlichen Hinweis, dass die Klassenstärke kein entscheidender Faktor des Bildungserfolgs sein kann, gibt die Pisa-Studie. So unterrichten Lehrer in Korea oder Japan im Schnitt weit über 30 Schüler gleichzeitig. Dennoch stehen beide Nationen ganz oben auf der Rangliste. Italienische Klassen zählen dagegen im Schnitt nur 22 Schüler, ohne dass dies einen positiven Einfluss auf die Leistungen hätte. Die Klassenstärke in Deutschland beträgt 24, was dem OECD-Durchschnitt entspricht.

Solche internationalen Vergleiche seien jedoch nur begrenzt aussagekräftig, sagt Gundel Schümer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. "Die jeweiligen Erziehungs- und Unterrichtsstile unterscheiden sich zu sehr." So verhielten sich japanische Schüler eben disziplinierter als deutsche. Sinnvoll seien allein nationale Vergleiche.

"Es macht keinen Unterschied, ob 40 oder 60 Ohren zuhören"