Sie haben versucht, es anzuzünden. Aber das Haus steht immer noch. Sie haben ihm die Fenster herausgerissen, damit Regen und Wind dem alten Stein den Garaus machen. Aber das Haus steht immer noch, eine düstere Ruine, seit fast 20 Jahren. Das Haus wehrt sich gegen den Verfall, es kämpft, und wenn es einen Ort gibt, an dem das alte und neue Bad Gastein zusammenfinden könnten, dann ist es dieses verlassene Hotel. Nicht nur, weil es den Namen der Gemeinde trägt: Gasteinerhof.

Hinein gelangt man durch den früheren Dienstboteneingang. Müll und Schutt liegen herum, zerbrochene Toilettenschüsseln, zerborstene Fensterrahmen, aus einer Matratze im Flur quellen die Sprungfedern heraus. Zimmer 60 im ersten Stock ist belegt: Dort ist die Decke durchgebrochen, ein Berg aus Steinen bedeckt den Boden. Im Speisesaal tritt man auf Scherben, in der Ecke rostet ein Fahrrad. Das ist der erste Eindruck. Dann sieht man den alten Glanz. Die breite Steintreppe mit ihrem filigranen Eisengeländer und dem Handlauf aus Holz. Die schmale Gipsbordüre in der verlassenen Küche. Den üppigen Stuck an der Decke des Speisesaals. Im Haus ist nichts feucht, nirgendwo schimmelt es. So erzählt der Gasteinerhof viel mehr als nur die Geschichte vom Niedergang einer Alpengemeinde. Er ist auch ein Symbol dafür, was hier wieder entstehen könnte.

Wenn erst die Gasteiner selbst ihren Ort wieder entdecken.

Bad Gastein, gut eine Autostunde südlich von Salzburg, 5600 Menschen leben hier im Schatten der mächtigen Tauern, am Ende des Gasteiner Tals. Eine Alpengemeinde, tausend Meter über dem Meer. Ein Ort, der polarisiert.

Wer es gut meint mit Bad Gastein, der findet vieles, das ihn schwärmen lässt. Die riesigen Steinbauten aus der Gründerzeit, prachtvolle Hotelburgen mit zehn oder zwölf Stockwerken, die seit hundert Jahren im Halbrund des Hanges stehen – großstädtischer Prunk mitten im Gebirge. Verwinkelte Gassen und steile Treppen, über die es hoch- und runtergeht, immer wieder kann man zwischen den Häusern hinabblicken ins Tal. Es gibt große Plätze wie vor dem alten Hotel Straubinger und elegante Arkaden zum Bummeln. Eine breite Promenade für Fußgänger, die im Zentrum beginnt und erst weit draußen in der Natur endet. Es gibt den tosenden Wasserfall, der den Ortskern durchschneidet, rund hundert Meter tief stürzen die Wassermassen. Und schließlich das größte Haus am Platz, das Grand Hotel de l’Europe, es thront über allem.

Wer es schlecht meint mit Bad Gastein, der findet vieles, das er belächeln kann. Die Häuser der Belle Epoque sind längst geschlossen, das frühere Badeschloss, das ehemalige Straubinger, auf dem Platz davor wenden nur noch die Linienbusse. Das Kongresszentrum gegenüber dem Wasserfall, ein Betonbau aus den Siebzigern, sieht aus, als sei mitten im Dorf ein Raumschiff gelandet und dann von den Außerirdischen verlassen worden. Unter dem niedrigen Vordach sitzen im Sommer die Musiker des Kurorchesters, vor sich elf Reihen weiße Gartenstühle, hinter sich die nackte Betonwand. Wenn sie aufblicken, sehen sie ältere Touristen mit Wanderstöcken in Richtung Wasserfall marschieren, vorbei am Sonnenstudio, an Efes Kebab oder dem Restaurant Sancho – österreichisch-mexikanische Spezialitäten vom Grill.

Es ist ein extremes Bild, das Bad Gastein bietet, aber fast noch extremer ist, dass den Gasteinern das Image ihres Ortes zwanzig Jahre lang völlig gleichgültig war. Doch inzwischen gibt es ein paar Leute, die sich damit nicht mehr abfinden wollen.