Marco Müllers nackte Füße baumeln über die Armlehne seines Schreibtischstuhls. Die Filmfestspiele von Venedig haben begonnen, und ihr Chef ist ganz entspannt, trotz, vielleicht sogar wegen eines Phänomens, das hiesigen Kinobetreibern und Verleihern die Tränen in die Augen treibt. Alle reden von der Kinokrise, von Hollywoods Sinkflug, Besucherrückgängen, Kinosterben. Müller spricht von Erneuerung und längst überfälligen Veränderungen: Ich leiste mir eine globale Sicht auf die Dinge.

Womöglich sieht Müller die Dinge gar nicht so viel anders als die Apokalyptiker der Branche. Er interpretiert sie nur auf seine Weise. Global gesehen, ist die Kinokrise die Krise eines Filmformats und seiner teuersten Produktionsform: des 35-mm-Films und der Hollywood-Blockbuster. Weltweit scheint das Publikum der ewig gleichen Mixtur aus Special-Effect-Gewittern, digitaler Verflachung und wiederkäuenden Drehbüchern müde zu sein. Dass die kenternden Supertanker nun alles in ihren Abwärtsstrudel hineinziehen, ist nicht weiter verwunderlich. Über Jahrzehnte hinweg hielten die Riesenmaschinen aus Hollywood die Kinokonjunktur verlässlich in Schwung. Und doch sollte man angesichts schwindender Besucherzahlen und einer für Kinobetreiber möglicherweise existenzgefährdenden Durststrecke nicht übersehen, dass die Krise auch eine Art Flurbereinigung mit sich bringt. Hier sieht Marco Müller seine Chance.

So läuft im Wettbewerb von Venedig George Clooneys Good Night, and Good Luck.

Der Film, der eine Parallele zwischen dem Amerika des George Bush und der repressiven Stimmung der McCarthy-Ära zieht, wurde von Section Eight Ltd., der Produktionsfirma von Clooney und Steven Soderbergh, produziert - und von Warner Brothers. Auch die Filme von Soderbergh und Tim Burton sind unabhängige Produktionen mit Studio-Beteiligungen. Für Müller ein sicheres Indiz, dass sich die amerikanischen majors ihr kreatives Potenzial verstärkt auf freier Wildbahn suchen: Die Krise wird neue, gemischte Produktionsformen hervorbringen. Hier die unabhängigen Helden und dort das große böse Hollywood - das wird es bald nicht mehr geben.

Und überhaupt: Von welcher Krise reden wir eigentlich? Vielleicht, so Müller, sei die gegenwärtige Situation sowieso nur alarmierend, wenn man sie vom westlichen Bauchnabel aus betrachte. Seit Jahren spreche man etwa von einer Krise des afrikanischen Kinos. Auch in diesem Jahr läuft in Venedig kein einziger afrikanischer Film im Wettbewerb, obwohl man nach Kräften gesucht hat. Dabei wird in Afrika unglaublich viel produziert - aber nur direkt für den heimischen Videomarkt, in regionalen Sprachen und Dialekten.

Eine Wahnsinnsproduktion, eine sagenhafte Vielfalt. Untertitel oder gar eine westliche Kinoauswertung kämen dort niemandem in den Sinn, sagt Müller.

Vielleicht sollte man sich von seiner Gelassenheit anstecken lassen. Es hat etwas Beruhigendes, dass es Regisseure gibt, die Filme für das Publikum vor der Haustür machen. Und denen der weltweite Kinomarkt und seine Krise schnurzegal sind.