Dieses Ende hat sie nicht verdient. Nicht nach allem, was sie in den letzten paar tausend Jahren für die Kommunikation der Menschen getan hat. Schon den Ägyptern überbrachte sie zuverlässig die Nachricht von der Krönung des Pharaos Ramses II.; im Mittelalter verband sie im Auftrag des legendären Sultan Saladin die Städte Kairo und Damaskus mit einer regelmäßigen Postlinie, und noch im Ersten Weltkrieg hat sie eilige Meldungen von der Front ausgeflogen, über feindliche Stellungen hinweg, mit einer 95-prozentigen Erfolgsquote und unter Einsatz ihres Lebens. Ja, die Brieftaube ist ein erstaunliches Wesen. Einmal ausgesetzt, findet sie aus Hunderte Kilometer Entfernung sicher zu ihrem Heimatort zurück, mit Spitzengeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern. Dass der getreue Vogel durch den Fortschritt der Informationstechnologie mittlerweile zu einem belächelten Hobby verschrobener Sonderlinge abgestiegen ist (apropos, die Schweizer Armee hat ihr Brieftauben-Geschwader erst 1997 abgeschafft), dass er in Namibia mitunter zum Diamantenschmuggel eingesetzt wird, dass er sich hierzulande als "Rennpferd des kleinen Mannes" den ganzen Sommer über Rennen mit seinesgleichen liefern muss, zur Belustigung wettbegeisterter Sporttaubenfans und gegen den Widerstand empörter Tierschützer, all das wäre schon Erniedrigung genug für ein so stolzes Arbeitstier. Doch dann ist da noch die Geschichte der Renntaube Nummer 851, die im Jahr 2003 bei der 28. Olympiade der Brieftaubenzüchter in der französischen Stadt Lille abgeräumt hatte. Ausgerechnet in Lille, wo, ehrlich wahr, ein Denkmal zu Ehren der 20.000 im Krieg gefallenen Brieftauben steht. Olympiasiegerin 851 lebte mit Artgenossen in einer gemütlichen Voliere in Nordrhein-Westfalen, ihren Wert hatte ein Sachverständiger einmal auf 34.000 Euro taxiert. Doch dann kam Nachbars Katze und schwang sich mit einem Satz auf die Voliere. Nummer 851 flog auf vor Schreck, donnerte mit dem Kopf gegen einen Fensterrahmen und war auf der Stelle tot. Das traurig-komische Jet-Set-Ende eines Arbeitstieres, dessen Vorfahren einmal den kulturellen Fortschritt der Menschheit mitgeprägt haben. Jan-Martin Wiarda